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  4. Unsere Grüne Glasfaser: Warum viele Gemeinden schlechte Erfahrungen mit der UGG machen

Unsere Grüne Glasfaser„Ja is' denn heut' scho' Weihnachten?“

Der Glasfaseranbieter „Unsere Grüne Glasfaser“, hinter dem die Investoren Allianz und Telefónica stehen, hat Probleme. In einigen Gemeinden ließ er Bauschäden und wütende Bürger zurück.Nele Husmann 18.02.2023 - 13:25 Uhr
Foto: Getty Images

„Glasfaser gibt es jetzt für umsonst“, titelte die Passauer Neue Presse nach einem Lokaltermin des Unternehmens „Unsere Grüne Glasfaser“, kurz UGG. Der Glasfaserbauer hatte sich Ende September beim Stadtrat in Bad Griesbach im Rottal vorgestellt. Das Angebot des Unternehmens für den niederbayerischen Kurort mit 8400 Einwohnern soll Stadtrat Alois Immerfall mit Kopfschütteln und baffem Erstaunen quittiert haben: „Ja is‘ denn heut‘ scho‘ Weihnachten?!“

Ohne Förderanträge und Kostenbeteiligung des Ortes oder seiner Bürger, ohne jegliche Machbarkeitsstudie und Wirtschaftlichkeitsprüfung hatte das Glasfaserunternehmen diesem Dorf in der Nähe von Passau einen großflächigen Glasfaserausbau versprochen – wie vielerorts in der deutschen Provinz. Selbst außerhalb liegende Bauernhöfe würden angeschlossen, so das Versprechen.

Das Unternehmen sagte sogar zu, nicht darauf zu warten, dass genügend Interessenten Vorverträge unterschreiben. Es versprach, sofort mit der Feinplanung für den flächendeckenden Ausbau loszulegen. Das sei möglich, weil eigenwirtschaftlich ausgebaut werde, erklärte das Unternehmen: Es setze weder staatliche Fördermittel ein, noch wälze es Kosten auf die Steuerzahler ab. Ohne Bürokratie ginge es schneller.

Die großzügigen Versprechen dürften wohl vor allem darauf zurückzuführen gewesen sein, dass hinter der UGG die deutsche Versicherungsgesellschaft Allianz und die spanische Telefongesellschaft Telefónica – also letztlich milliardenschwere Konzerne – stehen. Jedes der beiden Unternehmen versprach, über die UGG 2,5 Milliarden Euro in den Glasfaserausbau in der deutschen Provinz zu stecken. 2,2 Millionen Haushalte sollten mit schnellem Internet versorgt werden.

Spendierfreudige Allianz

Auf dem Papier wirkte der 2020 geschmiedete gemeinsame Plan der beiden Großunternehmen wie ein „Win-Win-Win“: Die Allianz erhoffte sich, in Zeiten von negativen Zinsen mit Investitionen in Glasfasernetze eine sichere Rendite  erwirtschaften zu können. Telefónica wollte ihre im Heimatmarkt Spanien gewonnene Expertise im höherpreisigen Deutschland zu Gold machen. Und Deutschland selbst sollte auch profitieren: Glasfaserausbau im ländlichen Raum ist am wenigsten rentabel.

Telefónica versprach sich Synergien: So sollte die UGG gezielt in den Gegenden die Glasfaser bis in die Häuser verlegen, wo das Glasfaser-Rückgrat der Telefónica ohnehin schon verläuft – auf diesem Backbone werden Daten aus dem Mobilfunk von den Antennen aus weitergeleitet. Damit lohnen diese Leitungen sich mehr. Auch für die Personalknappheit im Tiefbau, das Nadelöhr im Glasfaserausbau überhaupt,  hatte Telefónica eine Lösung: In Spanien ist der Glasfaserausbau schon abgeschlossen. Die erfahrenen Bautrupps sollten von dort nach Deutschland geschickt werden.

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Tatsächlich aber läuft es nun alles andere als rund. Erst gab es Pannen beim Ausbau, dann beim Kundenservice. Für einige Gemeinden zog die UGG sogar ihr Angebot zurück, nachdem dort auch andere Anbieter Glasfaser verlegen wollten. Die Baukosten sind gestiegen, genauso wie die Zinsen. Die Folge: Dort, wo der Ausbau vor einigen Monaten noch lukrativ erschien, ist er es jetzt nicht mehr. In sieben Gemeinden hat sich die UGG bereits von ihrem Ausbauversprechen distanziert.

Zwei sind schon insolvent

Viele der 270 in Deutschland agierenden Glasfaserunternehmen kämpfen derzeit mit denselben Problemen. Hinzu kamen lange Wartezeiten und viel Bürokratie bei den Bauämtern. Mit der amerikanischen Liberty Global, dem Finanzier des Glasfaserbauers Hello Fiber, und der britischen John Laing, Investor hinter dem Konkurrenten Glasfaser Direkt, haben sich zwei führende Infrastrukturinvestoren bereits wieder aus Deutschland zurückgezogen. Auch die Allianz dürfte ihre Kalkulation noch einmal neu rechnen.

Die UGG hatte Bauvorhaben etwas vorbehaltloser geplant, als mancher Konkurrent. Die Deutsche Telekom sucht sich meist nur Filetstücke heraus: den Dorfkern selbst oder dicht bebaute Ortsteile. Die Deutsche Glasfaser macht einen Ausbau grundsätzlich davon abhängig, dass 35 Prozent oder mehr der Haushalte einen Vorvertrag mit ihr abschließen. Die UGG aber hatte ähnlich wie Hello Fiber nicht so strenge Regeln.

Dass es bei Straßenbauarbeiten zu Störungen, Dreck und Qualitätsproblemen kommen kann, liegt in der Natur der Sache. Viele Kabelunternehmen decken die Straße nach einer Glasfaserverlegung erst mal provisorisch zu – in der Annahme, dass oft kurz nach Abschluss doch weitere Häuser angeschlossen werden sollen. Das ist für Anwohner nicht immer nachvollziehbar. Schnell beklagen die sich lautstark. Manche Probleme entstehen auch aus ganz trivialen Gründen, dass Bauleiter beispielsweise nicht Deutsch sprechen und es bei der Verständigung auf dem Bauamt hapert.

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Die Beschwerden über die Ausbauleistung der UGG aber häufen sich in den Lokalzeitungen und Internetforen. Ein WirtschaftsWoche-Leser aus Malterdingen in der Nähe von Freiburg bemühte sich nach eigenen Angaben 15 Monate lang, von der UGG einen Glasfaseranschluss für seinen Betrieb zu erhalten. Er zürnt noch heute: „Der Zeitplan wurde nicht ansatzweise eingehalten. Völliges Chaos. Überall aufgerissene Straßen, monatelang. Hotline-Hilfe? Fehlanzeige. Ansprechpartner oder kompetente Zeitplanung vor Ort? Ebenfalls Fehlanzeige.“

UGG-Geschäftsführer Jens Prautzsch räumt ein: „Es gab anfangs Probleme, die spanischen Teams an die deutschen Qualitätsstandards heranzuführen.“

Bauarbeiter in Sneakers

Davon wissen auch manche Kommunen ein Lied zu singen. „Fachkunde war nicht vorhanden, die ersten Teams hatten keine Ahnung von Tiefbau“, erinnert Bürgermeister Patrick Stärk aus Mühlhausen-Ehingen in Baden. In den UGG-Baugräben entdeckte er sogar Bauarbeiter in Sneakers. Zur Qualitätsüberwachung des Ausbaus engagierte er eigens einen Ingenieur, der immer wieder Fehler monierte. Die UGG sandte dann nacheinander vier Teams in die badische Provinz. Der Bürgermeister beobachtete zunächst einen Bautrupp aus Venezuela, dann einen aus Portugal. Der dritte stammte aus Spanien. Schließlich kamen Litauer. „Wäre der letzte Trupp gleich zu Anfang am Start gewesen, wäre es vielleicht schneller gegangen“, sagt Stärk.

In Bodenheim in der Nähe von Mainz setzte das Bauamt vor Weihnachten die weiteren Baugenehmigungen aus, nachdem Gehwege und Straßenbelag vor Wintereinbruch nur unzureichend hergerichtet waren. In beiden Fällen tauschte die UGG die Bautrupps aus. Auch im benachbarten Hermeskeil war die Asphaltdecke nicht an „allen kritischen Straßenquerungen“ wie versprochen wieder aufgetragen worden: „Wir kämpfen da mit einem Riesenloch, es gibt einfach nicht genügend Leute“, räumte ein UGG-Mitarbeiter gegenüber der Lokalzeitung „Trierischer Volksfreund“ ein und bat um Entschuldigung.

Am Schlimmsten aber traf es wohl die Gemeinden im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Der dort im Auftrag der UGG tätige Subunternehmer Ezentis mit Hauptsitz in Sevilla, der mehrere Tausend Mitarbeiter beschäftigt, hatte im September Konkurs angemeldet. Deshalb wurden die Bauarbeiten am Glasfasernetz etwa in den Gemeinden Sexau und Vörstetten im November unterbrochen. „Die Stimmung bei uns im Ort ist gekippt“, sagt Hauptamtsleiter Christoph Croin aus Eschbach. Dort waren Gräben nur mit Sand verfüllt und vom Regen wieder ausgewaschen worden. Im Mai 2021 waren die Gemeinden davon ausgegangen, binnen eines Jahres an das Glasfasernetz angeschlossen zu sein.

In Monzingen nahe der Grenze zu Luxemburg läuft es auch heute noch nicht rund. Zunächst wolle die UGG „Mängel und Missstände“ beheben, meldete die Lokalzeitung „Öffentlicher Anzeiger“ diese Woche: Das Kopfsteinpflaster rund um das Rathaus und andere Pflasterflächen seien mangelhaft verlegt, die Stromzufuhr zur Straßenbeleuchtung in der Rathausstraße beschädigt.

Für die UGG geht der Ausbau in Monzingen wirtschaftlich nicht auf: An das neun Kilometer lange Glasfasernetz wurden bisher 738 Häuser angeschlossen – aber nur 155 Endkunden haben sich entschieden, einen Vertrag für die Versorgung mit dem schnellen Internet abzuschließen.

Jetzt  zieht sich die UGG aus manchen Orten, wo sie den Ausbau schon fest vereinbart hatte und die Gemeinden ihr bei zeitintensiven Planungen zur Seite gestanden hatten, wieder zurück. Betroffen ist zum Beispiel das hessische Melsungen, aber auch Gemeinden in Oberbayern wie Markt Wartenfeld, Langenbach, Eitting, Inning und Oberding. Denn an diesen Orten will nun auch die Deutsche Telekom Glasfaser verlegen. „Einen Muskelkampf mit der Telekom sehen wir als nicht sinnvoll an“, sagt UGG-Chef Prautzsch.

Gründe, aus denen die UGG den direkten Wettbewerb mit der Telekom scheuen könnte, gibt es mehrere. Zum einen würde man sich die von Glasfaser begeisterten Kunden untereinander aufteilen. Dabei wäre die Telekom klar im Vorteil: Sie besitzt die wesentlich bekanntere Marke, hat über lange Jahre Vertrauen aufgebaut und besitzt oft gewachsene Kundenkontakte. Die UGG muss dagegen sogenannte „Ranger“ von Haus zu Haus schicken, um den Bürgern an der Türe einen Glasfaservertrag zu verkaufen.

Fehlkalkulation Durchleitung

Zum anderen dürfte die UGG auch mit Durchleitungsgeldern kalkuliert haben, die natürlich wegfallen, wenn die Deutsche Telekom ihre Kunden selbst anbindet. Branchenkennern zufolge sollen manche Glasfaserunternehmen mit abenteuerlichen Summen wie 40 Euro im Monat pro Anschluss von Telekom oder Vodafone kalkuliert haben. Auch wenn das am oberen Ende der Erwartungen liegen dürfte – gar nichts berechnen zu können ist auf alle Fälle viel zu wenig.

Mit all den Problemen ist es fraglich, ob die Allianz ihre Renditeziele mit ihrem Glasfaser-Projekt erreichen kann. Zumindest in den Gemeinden, wo ihr Konkurrenz droht.

Ob dieser neuen Unsicherheiten sind die Gemeinden, die den Ausbau durch die UGG jetzt schon hinter sich haben, doppelt froh: Bürgermeister Stärk aus Mühlhausen-Ehingen in Baden schätzt sich glücklich, dass die UGG sein Dorf früh auserkoren hatte und dass der Ausbau inzwischen fertig ist: „Ein fördermittelfinanzierter Ausbau hätte uns 10,5 Millionen Euro gekostet. Wir aber zahlten nichts – und die UGG schloss auf eigene Rechnung sogar die Außenhöfe an.“

Alois Immerfall in Bad Griesbach wartet noch immer ein wenig skeptisch auf den Baustart in seinem Ortsteil Weng: Die Stadt habe alle Anträge bei der UGG gestellt, dort herrsche aber geradezu „eine Antragsflut“. Die UGG habe aber fest zugesagt, 156 Anschlüsse in Weng kostenlos zu verlegen. Und zwar genau da, wo die Deutsche Telekom den Ausbau zuvor zunächst zugesagt hatte, dann aber doch als nicht kostendeckend wieder abgesagt hatte: „Wir sind hier in der digitalen Diaspora“, so Immerfall. „Wir warten nur darauf, dass die UGG loslegt.“

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