49-Euro-Ticket: Verpatzter Deutschlandticket-Start: Das war der Grund
Wer Anfang Mai zum Start des Deutschland-Tickets eines der 49-Euro-Abos bei der Bahn buchen wollte, verzweifelte oft am überlasteten Buchungssystem der DB.
Foto: dpaEs war ein Kraftakt, der den Verantwortlichen der Deutschen Bahn in der Tech-Szene einiges an Anerkennung verschaffte: Viel früher als ursprünglich geplant zog der Konzern im Herbst 2020 seine internen und externen IT-Anwendungen in Cloud-Systeme seiner Partner Amazon und Microsoft um und schaltete die eigenen Rechenzentren ab. Während sich IT-Projekte bei Unternehmen und Behörden sonst reihenweise länger hinziehen als geplant, gelang der 2016 vom Konzern beschlossene Umstieg in die Cloud bei der Bahn sogar zwei Jahre schneller als vorgesehen.
Soweit die bisher kommunizierten Fakten. Seit Anfang Mai allerdings ist klar, dass das Großprojekt nicht ganz so reibungslos und umfassend gelaufen ist, wie es die damalige IT-Chefin der Bahn, Christa Koenen, im Oktober 2020 noch in einem Interview dargestellt hatte. Da meldete die Bahn stolz: „Mehrere hundert Anwendungen, darunter etwa das Ticketvertriebssystem oder eine der größten SAP-Landschaften Europas, wurden im laufenden Betrieb migriert.“
Welche Vorteile das Cloud-Projekt den Reisenden bringe, erläuterte Koenen damals ausgerechnet am Beispiel des Fahrkartenverkaufs: Wenn etwa die Abrufzahlen auf bahn.de und im DB Navigator schlagartig anstiegen, passe sich die Kapazität des Vertriebssystems über die Cloud in Echtzeit an. „Wir können in Sekundenschnelle so viel zusätzliche Rechenkapazität schaffen wie nötig. Die Reisenden profitieren, weil die Systeme auch unter extremer Last verlässlich laufen“, versprach die Bahn-Managerin.
Verlässlich? Unter Last? Wer zum Start des 49-Euro-Tickets Anfang Mai auf den Seiten der Bahn versuchte, ein Abo für das neue Nahverkehrs-Pauschalangebot abzuschließen, merkte davon nicht viel. Stattdessen stockten die Bestellvorgänge im Shop und in der App über Stunden. Und das nicht nur bei Versuchen, das neue Sparticket zu kaufen, sondern auch bei regulären Ticketkäufen.
Auch am Tag nach dem Deutschlandticket-Start, am 2. Mai, wies die Bahn im Webangebot noch darauf hin, es könne im Shop wegen der großen Nachfrage zu Störungen und Verzögerungen kommen. An dem DB-Versprechen, dass die Cloud-Server der Partner Amazon und Microsoft gleichermaßen automatisch wie kurzfristig jede benötigte Rechenleistung liefern, bekam so mancher genervte Kunde zum Start des Deutschlandtickets erhebliche Zweifel.
Das ist – speziell angesichts der Versprechungen vom Herbst 2020 – nachvollziehbar. Technisch aber lag der Fehler, wie die Bahn auf Nachfrage der WirtschaftsWoche einräumt, gar nicht an fehlenden Cloud-Kapazitäten.
Sondern an einer offenbar allzu euphorischen Kommunikation zum vermeintlichen Abschluss des Cloud-Projektes 2020. Denn ganz so umfassend wie zunächst kommuniziert, war dieses wohl doch nicht. Zwar betreibe die DB die digitalen Vertriebssysteme inzwischen in der Cloud, erklärt ein Sprecher der Bahn nun auf Anfrage der WirtschaftsWoche, doch es gebe ein paar Ausnahmen, „einzelne Anwendungen, die nicht die technischen Voraussetzungen (für den Umzug in die Cloud, Anm. d. Red.) erfüllen“. Und weiter: „Die Hintergrundsysteme für Abo-Produkte wie das Deutschland-Ticket laufen wegen der zugrundeliegenden Technologie derzeit noch nicht in der Cloud.“ Da also haperte es. „Durch den großen Erfolg des Deutschland-Tickets kam es zu Verzögerungen“, sagt der Sprecher.
Wann die Bahn ihre Abo-Systeme so umstellt, dass auch diese in der Cloud betrieben werden können, wann der Konzern die IT-Kapazitäten tatsächlich „in Sekundenschnelle“ anpassen kann und auch, wann die Systeme wirklich „unter extremer Last verlässlich laufen“, das bleibt vorerst offen.
Der Sprecher der Bahn aber gelobt zumindest Besserung: „Die DB arbeitet weiterhin daran, damit es nicht zu erneuten Verzögerungen mit dem Deutschland-Ticket kommt.“ Ob diese Zusage verlässlicher ist, als das Versprechen nach dem Cloud-Coup im Herbst 2020, muss sich noch erweisen.
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