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  4. Intel-Fabrik: Darum sollte sich die Bundesregierung nicht erpressen lassen

Intel-Chipwerk in MagdeburgHerr Habeck, lassen Sie sich nicht von Intel erpressen!

Intels Argumente für höhere Subventionen in Magdeburg nehmen allmählich absurde Züge an. Die Bundesregierung sollte sie zum Anlass nehmen, über Alternativen nachzudenken.Angela Maier 12.06.2023 - 10:33 Uhr aktualisiert

Intel will deutlich mehr Geld für seine Fabrik in Magdeburg

Foto: imago images

Wenn Intel-Chef Pat Gelsinger etwas beherrscht, dann: Pokern. Die Argumente des notleidenden amerikanischen Chipkonzerns, um für die geplante Megafabrik in Magdeburg höhere Subventionen bei der Bundesregierung herauszuhandeln, nehmen allmählich absurde Züge an. 

Mal sind die Wasserpreise zu hoch, dann die Strompreise. Nun platziert Intel in Berliner Regierungskreisen offenbar, der Neubau des Werkes werde 27 Milliarden Euro kosten. Es ist nur 15 Monate her, dass Intel das Projekt mit 17 Milliarden Euro Investitionssumme veranschlagt hat. 

Natürlich sind die Kosten seither gestiegen, aber kaum um 60 Prozent. Bei anderen Chipherstellern heißt es, die Intel-Kalkulationen seien „nicht nachvollziehbar“. Intels Stoßrichtung ist seit Monaten klar: Der Chipriese will 10 Milliarden Euro Subventionen statt der 6,8 Milliarden Euro, die im Bundeshaushalt bereits eingestellt sind. Dafür ist Intel, so scheint es, jedes noch so abstruse Argument recht. 

Der Bund soll liefern, proklamiert Intel – während der US-Chipriese selbst seine Hausaufgaben nicht erledigt. Eigentlich sollte der Bau in Magdeburg bereits im ersten Quartal dieses Jahres beginnen. Das sagte Intel ohne neuen Termin ab. Begründung: Die Genehmigung von Zuschüssen der EU-Kommission und der deutschen Behörden fehlten. 

Manche in der Chipbranche glauben, dass Gelsinger mit den ständig neuen, dreisteren Forderungen bereits einen geordneten Rückzug aus dem Magdeburg-Projekt vorbereite – auch wenn Gelsinger stets das Gegenteil behauptet.

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Die Bundesregierung sollte sich von Intel nicht erpressen lassen. Stattdessen sollte sie die Chance nutzen, das ganze Projekt einmal mit etwas Abstand zu betrachten. Um ein Chipwerk mit neuester Technik, eine sogenannte „Leading Edge“-Fabrik, zu bauen, war Intel von Anfang an nicht erste Wahl. Gelsinger & Co haben lediglich die beste PR-Kampagne gefahren. 

Mit Abstand größte und erfolgreichste Anwender dieser Technologien sind die weltgrößten Auftragsfertiger Taiwan Manufacturing Semiconductor Company (TSMC) aus Taiwan und Samsung aus Korea. Intel beherrscht diese Technik bisher nicht, im Gegenteil: Die Amerikaner müssen bestimmte Chips kleinster Strukturgrößen sogar selbst von TSMC beziehen. 

Der Glanz von „Intel inside“ ist verblasst

Die Marke Intel mag für viele noch einen klangvollen Namen haben, wer erinnerte sich nicht an das „Intel inside“? In der Realität ist der Glanz des einstigen Vorzeigeunternehmens schon lange verblasst. Zuletzt hat sich der Niedergang sogar noch beschleunigt. Intels Kerngeschäft mit Prozessoren für Computer und Notebooks sowie Rechenzentren kollabierte im ersten Quartal dieses Jahres geradezu. Der Konzernumsatz brach um 36 Prozent auf 11,7 Milliarden Dollar ein, der Quartalsverlust war mit 2,8 Milliarden Dollar der höchste in der Geschichte. 

Wegen des schrumpfenden Stammgeschäfts gab Gelsinger vor zwei Jahren die Strategie aus, in das „Foundry“-Geschäft einzusteigen und – wie TSMC und Samsung – Halbleiter im Auftrag von anderen Chipentwicklern zu fertigen. Hierfür ist auch das Magdeburger Werk geplant. Doch Intel ist in diesem komplexen Geschäft neu, und ein winziger Spieler. Im ersten Quartal wurden mit Auftragsfertigung nur 118 Millionen Dollar umgesetzt. Das war ein Viertel weniger als im Vorjahreszeitraum und gerade mal ein Prozent des gesamten Konzernumsatzes. Kräftig gestiegen ist nur der Verlust, der mit 140 Millionen Dollar sogar den Umsatz übertraf.

Zusammengefasst: Intel beherrscht bisher weder die „Leading Edge“-Technologie, noch das Geschäftsmodell Auftragsfertigung. Selbst 6,8 Milliarden Euro Subventionen könnten hier sehr schlecht investiertes Geld der Steuerzahler sein.

Einen Chipmangel wie während der Pandemie, als überall in Europa mangels Chips Bänder in Automobilfabriken stillstanden, würde die neue Intel-Fabrik ohnedies auch künftig nicht verhindern können. Für die europäische Industrie sind diese Chips kleinster Struktur wohl noch viele Jahre irrelevant: Sie werden in Autos und Maschinen so gut wie nicht verwendet, sondern vor allem in Smartphones, Spielkonsolen und Notebooks verbaut. Letztgenannte werden bekanntlich vor allem in Asien gefertigt.

Mit Blick auf die wachsende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen auch für Europas Industrien kann es dennoch sinnvoll sein, auch „Leading Edge“-Fabriken in Europa anzusiedeln. Aber wenn wir dafür schon so viele Milliarden Steuergeld ausgeben, dann doch bitte für einen Chipkonzern, der das nachweislich kann. Wie zum Beispiel TSMC.

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