Geldanlage mit Aktien: Wenn der Fluch des Dax zuschlägt
Mit einer Notiz im Leitindex Dax winkt Aufmerksamkeit, aber kein Kursturbo.
Foto: PR/Deutsche BörseSo sehen Sieger aus! „Die Aufnahme in den Dax ist ein großer Meilenstein in der Geschichte von Gea“, sagt Stefan Klebert, Chef des Maschinenbauers. Von einem „historischen Meilenstein unserer Reise“ spricht Ralf Weitz, der Scout24 leitet. Das Unternehmen ist vor allem für sein Immobilienportal ImmoScout bekannt. Am 22. September werden die Aktien der beiden Firmen im deutschen Aktien-Leitindex Dax aufgenommen und ersetzen dort den Laborausrüster Sartorius sowie den Sportwagenbauer Porsche.
Was nach einem großen Erfolg klingt, muss für die Aktien keine gute Nachricht sein. Im Gegenteil: Eine detaillierte Auswertung der Kursentwicklung vor und nach der Dax-Aufnahme für die vergangenen zehn Jahre zeigt eine erstaunliche Stärke davor und eine Schwäche danach – zumindest auf Ein-Jahres-Sicht.
Das sollte nicht nur Anlegern zu denken geben, die angesichts der Dax-Aufnahme einen Kauf dieser Aktien planen. Auch für Anleger, die mit Indexfonds (ETFs) in den Dax investieren, ist es eine bittere Erkenntnis: Denn sie profitieren erst mit der Dax-Notiz von der jeweiligen Kursperformance.
Ganz überraschend kommt dieser Dax-Fluch nicht. Er erklärt sich zumindest teilweise als direkte Folge der Indexmethodik: Um in den Leitindex zu kommen, müssen Unternehmen – neben einigen qualitativen Kriterien – vor allem zu den 40 größten Unternehmen nach Börsenwert gehören. Angesetzt wird dabei die Marktkapitalisierung ihrer frei handelbaren Aktien, auf Basis eines 20-tägigen Durchschnittskurses. Das heißt: Je stärker der Aktienkurs steigt, desto eher besteht die Chance auf einen Dax-Aufstieg.
Das wohl eindrücklichste Beispiel für die Nebenwirkungen dieser Methodik liefert Autozulieferer Continental. Der zählte schon bei Auflage des Dax im Jahr 1988 zu den Mitgliedern und war dort bis September 1996 vertreten.
Dann reichte es aber nicht mehr für den Dax. Conti flog raus und war bis September 2003 nicht mehr dort vertreten. In dieser Zeit legte der Aktienkurs um 78 Prozent zu. Also stieg Conti wieder auf, kam für gut fünf Jahre zurück in den Dax – bis Dezember 2008. Der Kurs aber kam in diesen Jahren mit nur gut 30 Prozent Gewinn nicht groß von der Stelle.
Conti und der Dax: Eine tragische Liaison
Von 2008 bis September 2012 zählte Continental nicht mehr zur Dax-Auswahl – schaffte dafür aber über 160 Prozent Kursgewinn. Seitdem ist der Reifenspezialist erneut im Dax. Und? Der Aktienkurs notierte jüngst etwa auf dem gleichen Niveau wie im September 2012. Null Kurszuwachs über 13 Jahre. So kommt der Dax nicht von der Stelle, auch wenn Dividendenzahlungen – die im Dax eingerechnet werden – das Bild etwas verändern können.
Eine Auswertung der WirtschaftsWoche aller Auf- und Absteiger im Dax der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass Aufsteiger im Jahr vor der Listung im Schnitt 20 Prozent Kurszuwachs verzeichneten. Im Jahr nach dem Dax-Aufstieg ging es aber nicht so weiter. Die Aktien gewannen im Schnitt nur noch 5,2 Prozent an Wert – ohne Rüstungsbauer Rheinmetall (seit März 2023 im Dax) verloren sie sogar ein Prozent.
Denn ein rasanter Zuwachs wie bei Rheinmetall, dessen Aktienkurs sich nach dem Dax-Aufstieg schon im ersten Jahr fast verdoppelte (und danach kräftig weiter stieg), ist die Ausnahme. Essenslieferdienst Delivery Hero, im Dax seit August 2020, schaffte immerhin 32 Prozent innerhalb eines Jahres – das reicht für Platz zwei.
Spezialchemiekonzern Covestro und Flugzeugtriebwerksbauer MTU Aero Engines verzeichneten nach ihren Dax-Aufstiegen (im März 2018 beziehungsweise September 2019) binnen Jahresfrist Kursrückgänge von über 40 Prozent. Auch ihre Aktienkurse waren im Jahr vor der Dax-Aufnahme noch mit zweistelligen Prozentwerten gestiegen.
Natürlich gab es teils Sondereffekte, etwa bei MTU. Hier drückten im Coronajahr 2020 die Rückgänge und Sorgen im weltweiten Reiseverkehr die Kurse. Doch im Schnitt sprechen die Daten des Finanzinformationsdienstes Bloomberg eine eindeutige Sprache: Vor dem Dax-Aufstieg laufen Aktien gut, danach erst einmal schwach.
Ist der Dax also doch eine gute Leitschnur, nur anders als gedacht? Lohnt es sich womöglich, die Dax-Absteiger zu kaufen, nicht die Aufsteiger?
Nein, dieser Umkehrschluss trifft nicht zu. Denn Dax-Absteiger haben mit dem Rauswurf zwar typischerweise einen kräftigen Kursrückgang hinter sich. Innerhalb eines Jahres vor dem Abstieg verlieren ihre Kurse im Schnitt rund 30 Prozent (ohne den Sonderfall Wirecard waren es 24 Prozent). Doch das heißt nicht, dass danach alles gut wäre. Tatsächlich geht es weiter runter – innerhalb des nächsten Jahres im Schnitt noch einmal um neun Prozent (ohne Wirecard gerechnet).
In einigen Fällen haben sich die Dax-Auswahlkriterien auch beim Rauswurf als treffsicher erwiesen: So brach der Aktienkurs des Wohnungskonzerns Deutsche Wohnen nach dem Dax-Rauswurf im Oktober 2021 innerhalb eines Jahres um 54 Prozent ein. Allerdings war dieser Fall gleich doppelt speziell: Der Dax-Rauswurf hing mit der Übernahme durch den Konkurrenten Vonovia zusammen, der Kurssturz mit der massiven Zinswende, die Kredite verteuerte und den Immobilienmarkt daher stark belastete.
Und so schlecht MTU im Jahr nach seinem Dax-Aufstieg gelaufen sein mag, die Aktie des verdrängten Unternehmens – Thyssenkrupp – lief im Folgejahr noch schlechter (minus 61 Prozent).
Wer seinen Blick langfristig ausrichtet, wird am Dax ohnehin wieder Gefallen finden. Denn seit ihren jeweiligen Dax-Aufstiegen brachten die neu aufgenommenen Aktien bis heute im Schnitt 15 Prozent Kursrendite pro Jahr. Die Dax-Absteiger hingegen büßten weitere 1,8 Prozent pro Jahr ein.
Langfristig wird aus dem bösen Dax-Fluch sogar noch ein Segen.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde zuerst im Juni 2023 veröffentlicht. Wir haben ihn samt Datenauswertung grundlegend aktualisiert und erneut veröffentlicht.
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