Großbritannien: Mehr Erdöl gegen die Klimakrise?
Die Bohrinsel Firth of Forth vor Schottland.
Foto: imago imagesGroßbritanniens Regierung setzt inmitten der sich verstärkenden Klimakrise auf eine Wiederbelebung der eingebrochenen Förderung von Erdöl und Erdgas in der Nordsee. Bei einem Besuch in der schottischen Region Aberdeenshire, dem Zentrum der Ölförderung des Landes, kündigte Premierminister Rishi Sunak am Montag die Vergabe von Hunderten neuer Lizenzen zur Exploration und Förderung der fossilen Brennstoffe an.
Den Sturm der Kritik, den er mit seiner Ankündigung auslöste, wies Sunak zurück. Er versicherte, dass der Ausbau der Förderung von heimischem Erdöl und Erdgas dazu beitragen werde, die britischen Klimaziele zu erreichen.
„Wenn wir 2050 Netto-Null-Emissionen erreichen, wird immer noch ein Viertel unseres Energiebedarfs aus Öl und Gas gedeckt werden“, sagte Sunak in einem Radiointerview. „Und die inländische Gasproduktion hat etwa ein Viertel oder ein Drittel der CO2-Bilanz von importiertem Gas.“ Daher sei die einheimische Förderung „nicht nur besser für unsere Energiesicherheit“. Sie schaffe auch Arbeitsplätze und sei „besser für die Umwelt“.
Damit wendet sich die Regierung in London nicht nur immer mehr von ihren Klimazielen ab. Sie grenzt sich auch immer stärker von der oppositionellen Labour-Partei ab. Und das wohl bewusst, schließlich liegt Labour seit Monaten in Umfragen meilenweit vor den regierenden Tories. Die Labour-Partei möchte im Fall eines Sieges bei den nächsten Parlamentswahlen keine neuen Erdöl- und Erdgasprojekte in der Nordsee mehr genehmigen und sich stattdessen – wie von vielen Klimaexperten gefordert – auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien konzentrieren. In diesem Feld nahm Großbritannien bislang eine führende Rolle ein.
Doch Sunak hatte noch eine weitere Ankündigung parat. Und die betraf Kohlenstoffsequestrierung, auf Englisch „Carbon Capture“: In Nordost-Schottland und in der nordenglischen Humber-Region sollen bis 2030 zwei zusätzliche Industrieparks entstehen, in denen bei der Industrieproduktion anfallendes CO2 abgesaugt und unter der Nordsee gelagert werden soll.
„Unglücklich“ und „riskant“
Vor seiner Abreise nach Schottland kam es zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen Sunak – der auf unliebsame Fragen häufig patzig reagiert – und einem BBC-Journalisten. In den vergangenen Wochen wurde Sunak häufiger dafür kritisiert, dass er selbst kurze Strecken im Land mit dem Flugzeug oder Hubschrauber zurücklegt. Danach befragt, wie er nach Schottland reisen werde, antwortete er spürbar genervt, er werde „wie gewohnt fliegen.“ Es folgte: „Wenn Sie oder andere denken, dass die Antwort auf den Klimawandel darin besteht, die Menschen dazu zu bringen, alles, was sie tun, zu verbieten, nur um sie davon abzuhalten, in den Urlaub zu fahren, dann halte ich das für den absolut falschen Ansatz.“ Dann beendete er das Gespräch.
Die Reaktionen zahlreicher Experten auf seine Ankündigungen vom Montag könnten seine Laune noch mehr verhagelt haben. „Es ist zwar fantastisch, diese dringend benötigte Investition in die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung zu sehen“, sagte Stuart Gilfillan, Dozent für Geochemie an der Universität Edinburgh. „Aber es ist äußerst enttäuschend, dass sie als schlagzeilenträchtiger Deckmantel genutzt wird, um von einer weiteren Öl- und Gaslizenzierungsrunde abzulenken.“ Wäre Sunak wirklich daran gelegen, dass das Land die Klimaneutralität erreicht, „dann würde er die Abscheidung und -speicherung aller CO2-Emissionen, die aus diesen neuen Lizenzen resultieren, als Bedingung für deren Vergabe vorschreiben.“
Steve Smith von der Smith School of Enterprise and the Environment an der Universität Oxford bezeichnete die gemeinsame Ankündigung als „unglücklich“ und „riskant“. So könnte sich bei der Öffentlichkeit der Eindruck verfestigen, dass es sich bei Carbon Capture and Storage (CCS)-Projekten um reine Verzögerungstaktiken handele, um die Nutzung fossiler Brennstoffe zu verlängern. Der Leiter des Instituts, Cameron Hepburn, sagte: „Wenn die Regierung der Umwelt, der Energiesicherheit und den Arbeitsplätzen Priorität einräumen will, sollte sie den Einsatz erneuerbarer Energien verstärken. Solar- und Windenergie sind bereits die günstigsten Stromarten im Vereinigten Königreich. Je schneller wir umsteigen, desto mehr Geld werden wir sparen.“ Wenn sich das Land langfristig an fossile Brennstoffe binde, laufe es Gefahr, „ins Hintertreffen zu geraten, während die Welt auf dem Weg zu einer sauberen Energiezukunft ist.“
„Sunaks gescheiterte Energiepolitik ist wirtschaftlicher Analphabetismus“
Der Labour-Abgeordnete und Schattenminister für Klimawandel, Ed Miliband, bezeichnete Sunaks Vorstoß als „verwirrt“. Die Maßnahme werde nicht zu niedrigeren Energiepreisen führen, wie selbst führende Tory-Politiker zugegeben hätten. „Aus diesem Grund stehen hochrangige Wirtschaftsführer und konservative Politiker Schlange, um darauf hinzuweisen, dass Rishi Sunaks gescheiterte Energiepolitik wirtschaftlicher Analphabetismus ist.“
Und tatsächlich meldeten sich auch in Sunaks eigener Partei einflussreiche Kritiker zu Wort. Der konservative Abgeordnete Chris Skidmore, bis 2020 Staatssekretär für Wissenschaft, erklärte auf Twitter (): „Das ist die falsche Entscheidung genau zum falschen Zeitpunkt, da der Rest der Welt Rekordhitzewellen erlebt.“ Die Regierung stehe mit ihrer Ankündigung „auf der falschen Seite der zukünftigen Wirtschaft, die auf erneuerbaren und sauberen Industrien und nicht auf fossilen Brennstoffen basieren wird“ und auch „auf der falschen Seite der modernen Wähler, die bei den nächsten Parlamentswahlen mit ihren Füßen für Parteien stimmen werden, die unsere Umwelt schützen und nicht gefährden.“ Dass Sunak diese Ankündigung in den Parlamentsferien gemacht habe und die Abgeordneten sie nicht debattieren könnten, bezeichnete Skidmore als „besorgniserregend“.
Tatsächlich stellt sich schon länger die Frage, wie ernst es Sunak mit den britischen Klimazielen meint. So hat die Regierung erst kürzlich mit einer in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Entscheidung den Handel mit CO2-Zertifikaten gravierend verwässert. Großbritannien ist Anfang 2021 nach dem Ende der Brexit-Übergangsfrist aus dem EU-Emissionshandelssystem EU ETS ausgestiegen und hat ein eigenes System mit dem Namen UK ETS eingeführt. Dieses orientierte sich bis vor kurzem an dem europäischen Vorbild.
Beide Systeme sollen dazu führen, dass Verursacher von CO2-Emissionen ihre Ausstöße im Lauf der Zeit zurückfahren oder für verursachte Emissionen zahlen. Doch London gestattet es britischen Unternehmen nun, länger und in weitaus höherem Umfang CO2 auszustoßen, bevor Zahlungen fällig werden. Die Folge: Der Preis für eine ausgestoßene Tonne CO2 brach in Großbritannien ein und liegt heute bei rund 48 Pfund. In der EU lag der Preis zuletzt bei 92 Euro – etwa 79 Pfund. Bis vor kurzem lagen die Preise in Großbritannien und der EU in etwa gleichauf.
Die Maßnahme dürfte am rechtslibertären Rand der Tory-Partei für Jubel gesorgt haben. In der britischen Wirtschaft stieß die Maßnahme hingegen auf Kritik. „Ein robuster Kohlenstoffpreis ist entscheidend, um Investitionen in saubere Energie anzuziehen, welche die Preise senken, Emissionen reduzieren und unsere Energiesicherheit stärken können“, sagte Adam Berman von Energy UK, dem Branchenverband der Energieerzeuger, der Financial Times. Der CO2-Emissionshandel sei „der Eckpfeiler“ in der britischen Dekarbonisierungsstrategie.
James Huckstep, Analyst bei der Großbank BNP Paribas, sagte: „Es gibt zwar kurzfristige Vorteile für energieintensive Industrien. Doch der gegenüber der EU entstandene Abschlag wird es für das Vereinigte Königreich deutlich schwieriger machen, seine Klimaziele zu erreichen“. Der niedrige CO2-Preis schaffe negative Anreize für den Bau von Windparks und ermutige Stromerzeuger, „mehr Gas zu verbrennen.“
Hinter dem energiepolitischen Rechtsruck der Regierung dürfte auch wahltaktisches Kalkül stecken. Erst kürzlich gelang es den Tories überraschend, in einer Nachwahl Boris Johnsons ehemaligen Sitz im Parlament zu halten. Vor der Abstimmung im Wahlkreis Uxbridge and South Ruislip am äußersten westlichen Rand von London hatten konservative Politiker gegen Pläne von Londons Labour-Bürgermeister Sadiq Khan gewettert, Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung in der Hauptstadt auszuweiten.
Rishi Sunaks Reaktion auf den Überraschungserfolg ließ nicht lange auf sich warten: In einem besonders umstrittenen Tweet rückte er Labour in die Nähe krimineller Schleuserbanden. Am Wochenende versicherte er, er stehe „auf der Seite der Autofahrer“. Sunak habe das Verkehrsministerium angewiesen, Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung in London zu überprüfen. Britische Medien berichteten zudem von Überlegungen innerhalb der Regierung, es Lokalbehörden zukünftig zu untersagen, Tempolimits zu verhängen.
Gäbe es nur ein Problem: Sunak steht derzeit eben auch deswegen in der Kritik, weil er selbst kurze Strecken innerhalb des Landes häufig mit dem Hubschrauber oder Privatjets zurücklegt – und nicht mit dem Auto.
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