Werner knallhart: Der Deutsche Michel muss endlich der Vergangenheit angehören
Deutschland braucht den kompletten Umbruch. Wo bleibt der Stimmungsumschwung? Wo kann der herkommen? Wer löst den aus?
Foto: imago imagesSollten die derzeitigen wirtschaftlichen Trends so weitergehen, dann „wird das Wohlstandsgefälle zwischen dem Durchschnittseuropäer und dem Durchschnittsamerikaner im Jahr 2035 genauso groß sein wie zwischen dem Durchschnittseuropäer und dem Durchschnittsinder heute“, erklärt die Brüsseler Denkfabrik European Centre for International Political Economy in einer aktuellen Analyse.
Ist das nicht frustrierend? Wir können es aber ändern. Dafür müssen wir radikal umdenken. Und um radikal umdenken zu können, müssen wir uns trauen, alles auf den Prüfstand zu stellen. Das, was früher unsere Stärke war, könnte heute unsere Schwäche sein.
- Weil die alten Stärken nicht mehr in die Zeit passen.
- Weil wir unsere Stärken so überzogen haben, dass sie bis zu Lächerlichkeit verzerrt sind.
Noch loben uns Menschen aus einigen Ecken der Welt für unsere Detailverliebtheit und unser Organisationstalent. Aber Expats, die das Leben in Deutschland besser kennen, nennen Detailverliebtheit oft Kleinkariertheit und unser Organisationstalent Regelungswut. Wir wissen ja alle, was wir falsch machen.
- Bei der Bildung steht uns die Kleinstaaterei des Föderalismus im Weg.
- Gesetzgeber und Verwaltung machen der Wirtschaft Vorgaben bis ins kleinste Detail, statt Zielvorgaben zu setzen und den Unternehmen die Verantwortung dafür zu überlassen, wie sie sie erreichen. Mit strengen Kontrollen.
- Im Digitalen lassen wir uns von der Devise leiten: „Muss das wirklich jetzt schon sein?“, anstatt die Vorteile zu erklären und zu bewerben.
- Bei Innovationen lassen wir erstmal die Gesellschaften mit dem Pioniergeist vor und versuchen dann bei Erfolg, verzweifelt Anschluss zu finden (E-Mobilität, digitale Bezahlsysteme, Online-Shopping). Und wenn etwas nicht klappt, geben wir auf und ziehen uns auf das Althergebrachte zurück (Siemens war mal führend bei Handys).
- Die Haltung „Wandel ja, aber nicht bei uns in der Siedlung“ drängt bundesweite Vorhaben immer wieder zurück. Wenn Schrebergarten-Nostalgiker im Niedersächsischen
eine europäische Hochgeschwindigkeitszugverbindung von Warschau nach Brüssel aufhalten wollen. - Spitzenmäßig ausgebildete Menschen aus aller Welt, die wir hier dringend als Fachkräfte brauchen, beißen sich an den deutschen Formalien die Zähne aus, bis sie aufgeben. Die gehen dann nach Großbritannien oder in die USA. Weil wir Deutschen glauben, wir müssen die Latte höher hängen, weil wir ja Deutschland sind. Wenn Flüchtlingszuzug mit Arbeitsmigration verquirlt wird.
Wenn wir all diese Tranigkeiten, Hochnäsigkeiten, Egoismen und den in uns so tief verankerten Innovationshass (Motto: Wer das Neue mag, ist kindisch oder Mode-Opfer. Das Alte hat noch Substanz und Charakter), also wenn wir alle unsere gar nicht mal so charmanten Macken endlich nicht nur gesagt bekommen wollen, sondern selbstbewusst angehen und korrigieren, wie es einer der noch führenden Wirtschaftsnationen und bedeutenden Kulturnationen nicht nur gut zu Gesicht stehen würde, sondern den Hintern retten würde, dann müssen wir:
- runter vom hohen Ross. Unsere Stärken haben auch Schwächen. Und die fallen uns gerade auf die Füße.
- den Blick auf die Chancen der Veränderung lenken. Erfolgreiche Gesellschaften scheitern, weil sie vor lauter Zufriedenheit nicht erkennen, dass unbequeme Veränderungen nötig sind, um mit Gesellschaften, die nichts zu verlieren haben und nur gewinnen können, mithalten zu können. Die erste Frage darf nicht lauten: „Was ist der Nachteil?“, sondern „Was ist der Vorteil?“. Um dann mit Vorfreude auf das Bessere die Nachteile auszumerzen.
- schnell von anderen lernen, statt sie lange zu belehren.
- gut gebildeten Menschen aus anderen Ländern den roten Teppich ausrollen.
- schnell, schnell, schnell sein.
Wir brauchen den kompletten Umbruch. Wo bleibt der Stimmungsumschwung? Wo kann der herkommen? Wer löst den aus? Ich erwarte das von meiner Regierung. In solchen Zeiten ist eine alte Aktentasche in einer ruhigen Hand das genau falsche Signal eines Bundeskanzlers. Wir brauchen in stürmischen Zeiten keinen behäbigen Fels in der Brandung, sondern ein schnittiges Segelboot, das uns alle mitnimmt, damit wir wieder vorne wegfahren.
Los! Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Lassen wir uns nicht von den Bremsern mit ihren Papierformularen unser Land kaputt machen. Und uns nicht von den ewig Gestrigen Angst machen.
Wir müssen gemeinsam den Deutschen Michel ermorden. Damit Platz wird für ein mutiges, fröhliches, selbstkritisches, schnell wandlungsfähiges Deutschland. Europa würde es uns danken.
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