Möbel-Zulieferer: „Wir brauchen unternehmerische Freiheit, um die Probleme anzugehen“
Die langjährige Chefin und ihr Nachfolger: Sibylle Thierer und Gregor Riekena auf dem 100-Jahr-Fest von Häfele Ende Juli 2023 in Nagold.
Foto: WirtschaftsWocheHäfele wurde 1923 in der Kleinstadt Nagold gegründet, südwestlich von Stuttgart. Heute beschäftigt das Familienunternehmen rund 8.000 Mitarbeiter und ist Weltmarktführer für Produktion und Vertrieb von Möbel- und Baubeschlägen sowie elektronischen Schließsystemen. Darüber hinaus hat Häfele auch Schiebe- und Falttüren sowie LED-Leuchten im Angebot. Im Jahr 2022 erwirtschaftete Häfele rund 1,9 Milliarden Euro Umsatz. Sibylle Thierer, Vertreterin der dritten Generation der Gründerfamilie, führte das Unternehmen von 2003 bis Mitte 2023. Im 100. Jahr der Firmengeschichte übergab sie die Führung an Gregor Riekena, der seit 2011 fürs Marketing von Häfele zuständig ist. Zuvor hatte Riekena für den Schweizer Uhrenhersteller Baume&Mercier sowie den Sportwagen-Bauer Mercedes-AMG gearbeitet.
WirtschaftsWoche: Herr Riekena, Ihre Vorgängerin und heutige Verwaltungsratsvorsitzende Sibylle Thierer hat Anfang des Jahres bei Ihrem Amtswechsel gesagt, dass es nun darum gehe, nicht alles so zu machen wie bisher. Was haben Sie seit Januar verändert?
Gregor Riekena: Wir haben zuerst einmal nach hinten geschaut und reflektiert, was uns erfolgreich gemacht hat. In den vergangenen beiden Dekaden hat unser Unternehmen ausgezeichnet, dass wir nahe an den Kunden waren und wir so schnell herausfinden konnten, wie sich das Marktumfeld ändern wird. Wir werden also auf keinen Fall statisch verharren, das können wir uns gar nicht erlauben.
Das heißt, Sie haben noch nichts verändert?
Riekena: Das mag so wirken, was darin liegt, dass ich bereits vor meinem Antritt als CEO einen Strategieprozess eingeleitet habe. Gemeinsam mit Frau Thierer aber als Grundlage für künftige Weichenstellungen. Wir haben die Strategie 2030 in den vergangenen 16 Monaten ausformuliert und ich habe mit meinem Team bereits mit der Umsetzung begonnen. Der Startpunkt hierzu war im Mai diesen Jahres auf der Weltleitmesse unserer Branche.
Häfele ist mit Möbelbeschlägen groß geworden, also zum Beispiel mit Vorrichtungen, um Schranktüren zu öffnen, aber auch mit Griffen. Wie wollen Sie das Unternehmen weiterentwickeln?
Riekena: Wir wollen die Marke Häfele weiter ausbauen. Es geht darum, mit Hilfe unserer Produkte Räume zu gestalten. Das können Lebensräume oder Wohnräume sein, ein Büro oder hybride Räume.
Das klingt ein bisschen, als wollten Sie bald fertige Möbel herstellen und Ikea Konkurrenz machen.
Riekena: Nein, wir werden weiter ein B2B-Anbieter bleiben. Wir wollen aber mit unseren Partnern aus der Möbelindustrie neue Raumkonzepte erarbeiten. Corona hat zum Beispiel gezeigt, dass ein Wohnzimmer auch mal als Büro funktionieren muss. Wie lässt sich das mit Möbeln, in Kombination mit Licht und am besten auch noch vernetzt am besten darstellen? All diese Aspekte wollen wir miteinander kombinieren.
Sie haben auch in Ihren Standort in Nagold investiert.
Riekena: Ja, wir bekennen uns zu unserer Region. Wir bauen hier unsere Logistik- und Produktionskapazitäten aus. Gleichzeitig soll das geplante Gebäude erlebbar machen, was wir alles entwickeln. Es soll ein Live-Labor direkt neben unserem Versandzentrum geben. Es wird beispielsweise auch Räume für temporäres Wohnen geben, komplett ausgestattet wie in einem Hotel oder Apartmenthaus. Hier entwickeln und testen wir mit unseren Partnern neue Konzepte in echt statt in der Theorie.
Frau Thierer, trotz des Wechsels in der Geschäftsführung bleiben Sie der Firma als Verwaltungsratsvorsitzende erhalten. Konnten Sie dann doch nicht ganz loslassen?
Sibylle Thierer: In der Firma bescheinigen mir eigentlich alle, dass ich sehr gut loslassen kann. Ich bin zudem seit Januar Vizepräsidentin des europäischen Dachverbands der Industrie- und Handelskammern in Brüssel. Ich will dort meine Erfahrungen als Frau aus der Praxis einbringen. Ich sehe dort nämlich viele Verständnisschwierigkeiten, zum Beispiel wenn es um die Nachhaltigkeit von Unternehmen geht.
Sie spielen da auf die zahlreichen Regulierungen an, etwa auf das geplante europäische Lieferkettengesetz (CSDDD) und die neue Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD). Halten Sie beide für überflüssig?
Thierer: Die Ziele der Regulierungen verstehe ich, fraglich ist, ob hier ein effektiver und in der Praxis umsetzbarer Weg zur Erreichung dieser Ziele gewählt wird. Was die EU-Kommission von mittelständischen Unternehmen bei der CSDDD verlangt, ist sehr aufwändig und weitreichender als das, was wir im deutschen Gesetz festgelegt haben. Das EU-Parlament möchte, dass unter bestimmten Voraussetzungen Unternehmen ab 250 Mitarbeitern unter das Gesetz fallen, die Maßnahmen und Berichte sollen wesentlich mehr Bereiche und die gesamte Wertschöpfungskette abdecken, es ist eine zivilrechtliche Haftung vorgesehen, ohne dass bisher klar definiert ist, wann ein Unternehmen mit den Maßnahmen auf der sicheren Seite ist und genug getan hat. Das ist ein hoher Verwaltungsaufwand und vor allem eine sehr hohe rechtliche Unsicherheit. Mich wundert ohnehin, dass Firmen so wenig Vertrauen geschenkt wird, wenn es darum geht, die richtigen Dinge zu tun. Wir leben ja auch auf dieser Welt, wir alle wissen um die Umweltsituation. Wir brauchen aber unternehmerische Freiheit, um die Probleme anzugehen.
Welche Freiheit fehlt Ihnen denn konkret, um die richtigen Dinge zu tun? Was fordern Sie?
Thierer: Schon aus unternehmerischer Motivation heraus verfolgen wir einen durchgängigen Ansatz der Nachhaltigkeit. Je weniger Energie wir für Regulierungsvorschriften einsetzen müssen, desto konkreter können wir unseren individuellen Beitrag für Gesellschaft und Umwelt ausgestalten.
Der Ruf nach weniger Regulierung ist in der Wirtschaft ja weit verbreitet. Andererseits hat zu wenig Regulierung wohl auch dazu geführt, dass sich die Erde massiv aufheizt.
Thierer: Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir in Deutschland feststellen müssen, dass überhaupt nichts klappt. Eigentlich klappt einiges, das weiß ich von vielen Unternehmen. Das kann ich auch für unser Unternehmen sagen. Mit unseren Lösungen sorgen wir dafür, dass man sich auf 20 Quadratmetern genauso wohlfühlt wie andere auf 30 oder 40 Quadratmetern. Das spart Ressourcen und das ist unser wichtigster Beitrag als Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit, um den umzusetzen brauchen wir nicht mehr Regulierung.
Auf der einen Seite stehen also die Herausforderungen für Unternehmen, gemäß der CSRD im kommenden Jahr über Nachhaltigkeit zu berichten und dafür Daten zu sammeln und gemäß der CSDDD wohl ab 2026 die Lieferkette zu analysieren. Hinzu kommt aktuell für viele die wirtschaftlich angespannte Lage. Wie blicken Sie derzeit auf Deutschland als Wirtschaftsstandort?
Thierer: Nur auf Deutschland zu schauen, ist mir da zu wenig. Wir müssen schon auf Europa als Wirtschaftszone insgesamt blicken. Europa muss wettbewerbsfähig bleiben, besonders gegenüber Asien, aber auch den USA. Das geht nur, wenn wir Bürokratie abschaffen und Unternehmern ihre Entscheidungsfreiheit lassen.
Heißt das also, Europa ist nicht mehr wettbewerbsfähig?
Thierer: Nein. Denn wenn europäische Länder zusammenarbeiten und jeweils ihre Stärken einbringen, dann können wir uns als große Wirtschaftsregion Vorteile verschaffen. Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir durch dauerhaft zu hohe Kosten für Energie und Verwaltung, durch zu wenig Fachkräfte und Innovationsspielraum nicht ins Hintertreffen geraten.
Sie produzieren dennoch überwiegend in Deutschland, vertreiben Ihre Produkte aber weltweit. Wird das angesichts hoher Energiepreise und steigender Personalkosten weiter wirtschaftlich bleiben?
Thierer: Wir sind ja sowohl Produzent als auch Händler. Daher geht es für uns darum, die Lieferketten global zu betrachten. Um Risiken zu beherrschen beziehungsweise Chancen durch neue Beschaffungsmärkte zu nutzen, sind wir dabei, unsere Lieferketten zu diversifizieren. Das wirkt sich aber nicht auf unsere Produktionsstandorte aus.
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