Global Wealth Report 2023: Die Vermögen sinken – doch das ist nur die halbe Wahrheit
Sind die weltweiten Vermögen wirklich gesunken? Das kommt darauf an, welche Zahlen man betrachtet.
Foto: imago imagesMan hatte es sich schon so schön eingerichtet beiderseits der Vermögensbetrachtung: Seit Jahren stellen die verschiedenen Berichte über die Vermögensentwicklung regelmäßig fest, dass die weltweiten Vermögen weiter steigen, zuletzt trotz (oder gar wegen) der Krise. Während die einen sich darüber freuen und die Weltwirtschaft auf einem guten Wachstumsweg wähnen, bemängeln die anderen die wachsende Ungleichheit (die indes durch diese Daten gar nicht immer belegt war).
Nun aber müssen die alten Reflexe aufgebrochen werden. Wie der neue Global Wealth Report der Credit Suisse (erstmals unter Ägide der UBS) herausgefunden hat, sind die weltweiten Vermögen zum ersten Mal seit der Finanzkrise gesunken. Der britische Entwicklungsökonom Tony Shorrocks, der die Studie am Dienstag vorstellte, hatte alarmierende Zahlen im Gepäck.
Demnach fielen die Vermögen rund um den Globus allein 2022 um über elf Billionen Dollar. Mit Abstand am stärksten betroffen waren Nordamerika und Europa mit minus 7,2 beziehungsweise minus 3,7 Billionen Dollar. Indien und vor allem Lateinamerika können hingegen mit Vermögenszuwächsen aufwarten.
Wird also der alte Westen immer ärmer, während Lateinamerika ihm den Rang abläuft?
Mitnichten. Zum einen ist interessant zu sehen, welche einzelnen Entwicklungen hinter den scheinbar so klaren Zahlen stehen. Und zum anderen, was passiert, wenn man nur leicht andere Zahlen betrachtet.
Die UBS – beziehungsweise ihre neue Tochter Credit Suisse, die den Report ja schon lange auflegt – unterscheidet bei der Entwicklung der Vermögen vor allem zwischen zwei Klassen: Finanzvermögen und Sachvermögen. Zweiteres umfasst zu einem großen Teil Immobilienvermögen.
Bei beiden Klassen gab es nun in großen Teilen der Welt genau gegenteilige Entwicklungen: Während die Finanzvermögen 2022 in den meisten Ländern stark unter Börsenkapriolen litten, legten die Immobilienvermögen in den meisten Regionen der Welt ordentlich zu.
Deutschland mit seinen inzwischen sinkenden Häuserpreisen ist hier die Ausnahme, das vergisst man leicht. Europa insgesamt verzeichnet bei den Immobilienvermögen einen Anstieg von 1,5 Billionen Dollar, Nordamerika gar um fünf Billionen Dollar. Nur China schwächelt gegen den Trend und verliert gut 1,6 Billionen Dollar.
Auf der anderen Seite haben die extremen Schwankungen bei den Finanzvermögen vor allem Nordamerika und Europa gebeutelt: Hier gingen 11,2 und 5,7 Billionen Dollar flöten, dicht gefolgt vom asiatisch-pazifischen Raum mit knapp drei Billionen Dollar.
Interessanterweise führen diese gegenläufigen Entwicklungen der zwei Vermögensklassen dazu, dass die finanzielle Ungleichheit auf der Welt insgesamt abgenommen hat. Ökonom Shorrocks findet hierfür die griffige Formel: „Steigende Hauspreise verringern die Ungleichheit.“
Nun hat Shorrocks freilich nicht die Kaufwilligen im Blick, die sich angesichts steigender Preise keine Immobilie mehr leisten können. Viel mehr zielt er darauf ab, in welche Vermögensklassen die Menschen in den unterschiedlichen Vermögensgruppen investieren.
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Weltweit betrachtet sind es die besonders Reichen, die besonders viel Finanzvermögen halten, während es oft der Mittelbau der Gesellschaft ist, der Sachvermögen hält, oft eben Immobilien. Sodass die Superreichen bei den Börsenbeben am meisten Federn lassen mussten, während die mittleren Vermögen kaum Einbußen hatten.
Je schlechter es bei den Finanzwerten läuft, desto gerechter wird also die Welt, zumindest in diesen einfachen Zahlen.
Dass die Werte überhaupt so tief fallen konnten, liegt übrigens nicht zuletzt daran, dass sie 2021 so stark gestiegen sind. Viele Länder (und Personen), die im aktuellen Bericht mit einem Minus dastehen, haben trotzdem in Realität mehr Geld als noch zwei Jahre zuvor.
Und noch ein Faktor trägt maßgeblich zum Vermögensverlust bei: der starke Dollar. Viele Währungen verloren 2022 gegenüber dem Dollar, auch der Euro. Da die komplette Vermögensstatistik jedoch in US-Dollar geführt wird, hatten die Vermögen aus schwächeren Währungen das Nachsehen.
„Die Dinge sähen nicht ganz so düster aus, wenn man konstante Wechselkurse nehmen würde“, erklärt Ökonom Shorrocks. Wenn man etwa nur die Wechselkurse des Vorjahres anlegen würde, also von 2021, so ergäbe sich bereits ein ganz anderes Bild: Die weltweiten Vermögen lägen dann um 5,8 Prozent höher als in der aktuellen Statistik und hätten damit sogar um 3,4 Prozent zugelegt.
Ohne den Wechselkurseffekt hätten also alle Schlagzeilen wieder lauten können: Die Vermögen wachsen weiter.
Wobei auch das noch nicht die ganze Wahrheit ist. Zu der müsste die Inflation gehören, und die ist bei der Vermögensstatistik ausgeklammert. Bei Werten wie denen, die es voriges Jahr weltweit gab, verkehrt sich das Saldo der Statistik denn wieder ins Negative: Bei einer weltweiten durchschnittlichen Inflation von sechs Prozent wären die Vermögen (Wechselkurseffekt ausgeklammert) um 2,6 Prozent gesunken. Also ähnlich stark, wie in der jetzt vorgestellten, vereinfachten Statistik.
Ziemlich sicher ist jedoch, dass der Vermögensreport des kommenden Jahres wieder mit einem Plus und vor allem mit stark steigenden Finanzwerten punkten wird. Die Credit Suisse rechnet in den nächsten fünf Jahren mit einem Vermögenszuwachs um 629 Billionen US-Dollar, ein Plus von 38 Prozent. Spätestens dann dürfen auch die alten Reflexe wieder greifen.
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