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EinzelhandelImmer weniger Schuhgeschäfte in Deutschland

Angesichts hoher Inflation und sinkender Reallöhne kämpft der Schuhhandel mit der Konsumflaute. Hunderte Läden schlossen laut Schätzungen dieses Jahr – und die kommenden Monate versprechen weitere Herausforderungen. 28.08.2023 - 15:26 Uhr Quelle: dpa

Ein Aufsteller mit dem Prozentzeichen auf einem Außenregal eines Schuhgeschäfts in der Kölner Innenstadt macht auf Rabatte aufmerksam. Immer mehr Schuhhändler in Deutschland geben auf.

Foto: dpa

Immer mehr Schuhhändler in Deutschland geben auf. Nach Schätzungen des Handelsverbandes Textil Schuhe Lederwaren (BTE) hat sich die Zahl der Schuhgeschäfte seit Jahresbeginn erneut um rund 500 auf etwa 9500 verringert.

Gründe für die Entwicklung seien nicht zuletzt die deutlich gestiegenen Kosten für Personal, Energie und Mieten, sowie die anhaltende Konsumflaute in Deutschland, sagt BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels anlässlich der Messe „Shoes“ in Düsseldorf.

Mit einer raschen Besserung der Situation rechnet der Branchenkenner nicht. „Auch der Rest des Jahres wird für die Branche herausfordernd. Die Marktbereinigungen im Schuhhandel werden weitergehen“, sagt Pangels. Zuletzt hatten Insolvenzen bekannter Schuhhandelsketten wie Görtz und Reno für Aufsehen gesorgt. So werden etwa 150 der insgesamt 180 Geschäfte der Reno-Kette geschlossen, wie die WirtschaftsWoche berichtete.

Aus für 150 Filialen

Schuhkette Reno wird weitgehend abgewickelt

Reno ist insolvent: Deswegen verlieren bei der Schuhhandelskette die meisten Mitarbeiter ihre Jobs. Das Unternehmen sei „runtergewirtschaftet“, erklärte der Reno-Insolvenzverwalter bei einer Betriebsversammlung.

von Henryk Hielscher

Der Schuhhandel bewege sich weiter in schwierigem Fahrwasser, sagt Pangels. Zwar stiegen im ersten Halbjahr die Umsätze im stationären Schuhhandel nach ersten Hochrechnungen des BTE nominal um acht bis neun Prozent. Doch sei dies vor allem auf die hohe Inflation zurückzuführen. Preisbereinigt lägen die allermeisten Geschäfte nur knapp im Plus oder sogar im Minus. Gleichzeitig belasteten deutlich gestiegenen Kosten in vielen Bereichen das Ergebnis. „Es ist zu befürchten, dass sich die Konsumenten im zweiten Halbjahr weiterhin in Zurückhaltung üben werden“, so der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Doch nicht nur der Schuhhandel leidet, auch große Modeketten versuchen, gegen die Schwierigkeiten anzukämpfen. „Viele Unternehmen müssen kämpfen“, sagt Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textil-, Schuh- und Lederwareneinzelhandels (BTE). So stehen einer BTE-Branchenumfrage zufolge ein knappes Drittel der befragten Händler 2022 „tief in den roten Zahlen, jeder fünfte sogar mit einem operativen Verlust von fünf Prozent oder schlechter“. Die meisten Händler wären wahrscheinlich nicht in der Lage, einen solch starken Rückgang des Geschäfts noch ein weiteres Jahr zu überstehen.

Positive Bilanz: Geschäfte gewinnen vor Online-Handel

Eine gute Nachricht gab es allerdings vom stationären Schuhhandel. Nach den Marktanteilsverlusten während der Corona-Pandemie konnten die Händler in den Einkaufsstraßen zuletzt wieder Boden gegenüber dem Onlinehandel gutmachen. Nach ersten BTE-Hochrechnungen entfielen im ersten Halbjahr wieder knapp zwei Drittel der Umsätze im Schuhhandel auf den stationären Fachhandel. Der Onlinehandel, der in den Hochzeiten der Pandemie weit über die Hälfte der Umsätze auf sich vereint hatte, komme aktuell auf einen Anteil von 18 Prozent. Auf Waren- und Modehäuser entfielen demnach 17 Prozent des Gesamtumsatzes mit Schuhen.

Die deutsche Schuhindustrie steigerte ihren Gesamtumsatz im ersten Halbjahr um 5,4 Prozent auf 1,17 Milliarden Euro. Inflationsbereinigt bedeute dies allerdings „eigentlich Nullwachstum“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L), Manfred Junkert.

Der größte Teil der in Deutschland verkauften Schuhe wurde auch im ersten Halbjahr 2023 in Asien produziert. Allein der Gesamtwert der aus China importierten Schuhe belief sich auf rund 1,5 Milliarden Euro. Er lag damit allerdings leicht unter dem Vorjahresniveau. Dagegen nahmen die Importe aus Vietnam, Indien und Indonesien zu.

Lesen Sie auch: Der gespaltene Konsument

dpa, mgr
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