Arbeitsmarkt: Deshalb arbeiten Babyboomer länger
Babyboomer werden ihrem Ruf gerecht.
Foto: imago imagesSie sind häufig in Führungspositionen. Sie gelten als arbeitswütig und sie sind den anderen Generationen auf dem Arbeitsmarkt zahlenmäßig überlegen: die Rede ist von den Babyboomern. In den nächsten 15 Jahren werden die in den 1950er- und -60er-Jahren Geborenen in den Ruhestand gehen und damit eine Lücke in den Arbeitsmarkt reißen.
Deshalb ist es eine wichtige Stellschraube, ältere Menschen länger im Erwerbsleben zu halten. Eine aktuelle Studie im Fachjournal „Demography“ aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) hat jetzt neue Berechnungen zur tatsächlich geleisteten Arbeitszeit älterer Personen veröffentlicht. Und das Ergebnis bestätigt das Vorurteil der arbeitswütigen Boomer-Jahrgänge. Sie verbringen deutlich mehr Zeit in bezahlten Jobs als ihre Vorgängergenerationen.
Die Untersuchung basiert dabei auf dem Maß der Erwerbslebensdauer, die eine Kombination von Erwerbstätigkeit und geleisteter Arbeitszeit ist – sie gibt die Anzahl der Jahre an, in denen jemand einer bezahlten Tätigkeit nachgegangen ist. Eine Unterscheidung von Voll- und Teilzeitbeschäftigung ist hierbei wichtig. Das Maß erlaubt, die Dauer des Erwerbslebens für den gesamten Lebensverlauf oder nur für bestimmte Altersabschnitte zu berechnen. Dies ermöglicht den Einblick in die Verlängerung des Erwerbslebens, die über die sonst übliche Betrachtung der reinen Erwerbstätigenquoten hinausgehen.
Die Studienautoren kamen auf eine rechnerisch maximal mögliche Erwerbsdauer von zehn Jahren in durchgehender Vollzeitbeschäftigung. In der Altersspanne zwischen 55 und 64 gingen 1955 geborene Männer demnach im Schnitt 7,3 Jahre einem bezahlten Job nach, während 1941 geborene Männer in der entsprechenden Zehnjahresspanne durchschnittlich nur 5,3 Jahre erwerbstätig waren.
Bei den Frauen habe sich der Arbeitszeitraum von 2,6 auf 4,8 Jahre fast verdoppelt. Ein Zuwachs, allerdings geringer, habe sich auch für die Altersspanne 65 bis 74 Jahre ergeben. „Ein Großteil der in den letzten Jahrzehnten erfolgten Zuwächse konzentriert sich allerdings in den Altern 55 bis 63 Jahre“, erklärt Sebastian Klüsener, Forschungsdirektor am BiB.
Den deutlichsten Unterschied registrierten die Studienautoren bei Fachkräften und gehobenen Fachkräften, den geringsten bei niedrigen Bildungs- und Berufsgruppen. Als Ursache sehen sie politische Reformen im Bereich Arbeitsmarkt und Rente. Zudem erklärt Klüsener: „Ein weiterer Faktor ist, dass die Babyboomer als Profiteure der nach 1970 erfolgten Bildungsexpansion ein höheres Bildungsniveau aufweisen und gesünder altern als vorherige Generationen.“
Wissenschaftler sehen Steigerungspotenzial
Außerdem fällt ein West-Ost-Gefälle auf. Von den 1955 Geborenen hatten westdeutsche Männer mit 7,4 Jahren die höchste Erwerbslebensdauer im Alter zwischen 55 und 64 Jahren. Dagegen war diese bei westdeutschen Frauen mit 4,6 Jahren am niedrigsten. Ostdeutsche Männer und Frauen befanden sich mit 6,8 Jahren und 5,5 Jahren dazwischen.
Die ausgebrannte Generation
Dass die Babyboomer viel arbeiten, ist also mehr als nur ein Klischee. Mit ihrem Arbeitsdrang prägten sie auch wie keine andere Generation das Erschöpfungssyndrom Burnout. „Leitmotive in der Generation der Babyboomer waren unter anderem Leitsätze wie 'Nur wer etwas leistet, ist etwas wert!'“, erklärte Andreas Hillert, Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck, der WirtschaftsWoche.
Dadurch wuchs die Gefahr, in Überlastungskonstellationen hineinzugeraten. Doch auch hier fand in den vergangenen Jahren ein Wandel statt. Die Babyboomer lernten, auch mal „Nein“ zu sagen. Oder wenn das nicht gelang, ging es in die Frührente – oft dann aber mit depressiver Symptomatik aus Überforderungserleben. Rund 70 Prozent der Babyboomer gaben in einer Befragung der Bergischen Universität Wuppertal an, dass sie spätestens 64 Jahren in den Ruhestand gehen wollen. Die Gründe sind vielfältig – mehr Freizeit, ein früher Einstieg ins Berufsleben oder das Erreichen der finanziellen Absicherung.
Steigerungspotenzial bei Frauen in Westdeutschland
Die Wissenschaftler sehen Steigerungspotenzial für das Alter ab 63 Jahre, besonders für Frauen in Westdeutschland. „Ob diese Potenziale erschlossen werden können, hängt davon ab, inwieweit ein Verbleib im Arbeitsmarkt attraktiv und möglich ist“, wird BIB-Forscherin Elke Loichinger zitiert. Nötig seien etwa flexible Arbeitszeiten. Unbezahlte Sorgearbeit in der Familie könne bezahlter Erwerbsarbeit entgegenstehen.
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