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Politische Eliten„Soziale Beziehungen haben zwei sehr unterschiedliche Effekte auf die politische Elitenbildung“

Wie bilden sich politische Eliten, wenn es keine Wahlen gibt? Dieser Frage geht eine neue Studie nach. Ein Blick in die deutsche Geschichte offenbart ein asymmetrisches Muster.Nell Rubröder 16.10.2023 - 15:48 Uhr

Woher kommen Xi Jinping und Wladimir Putin? Woher kommen politische Eliten in Autokratien?

Foto: imago images (4)

WirtschaftsWoche: Frau Mohr, autokratische Regierungen sind weltweit auf dem Vormarsch, während Demokratien auf dem Rückzug sind. Manche sprechen sogar von einer schleichenden Autokratisierung, allen voran Russland und China. Warum ist es gerade in Autokratien wichtig, die politische Elitenbildung zu verstehen?
Cathrin Mohr: In jeder Regierungsform treffen Politiker Entscheidungen, die das Wohlergehen der gesamten Bevölkerung betreffen. Politiker sind also unglaublich wichtig. Verglichen mit Demokratien wissen wir für Autokratien nur sehr wenig darüber, woher Politiker kommen. In der Forschung ist die Thematik in etwa wie eine Blackbox. Theoretisch gibt es viele verschiedene Faktoren, die bei der Elitenbildung in autokratischen Regimen eine Rolle spielen können. Der Faktor, der uns am meisten interessiert hat, sind die Beziehungen oder Netzwerke zwischen den einzelnen potentiellen Politikern. Insbesondere die Frage, wie sich soziale Beziehungen auf die Karriere von Politikern oder potenziellen Politikern auswirken.

Wie kann man soziale Beziehungen empirisch untersuchen?
Wir mussten ein Beispiel finden, bei dem sich eine Gruppe von Menschen zufällig getroffen hat und dadurch Netzwerke entstanden sind. Würden wir nur Personen mit und ohne Verbindungen zur politischen Führungselite untersuchen, könnten wir nicht sicher sein, ob die Verbindungen durch Netzwerke oder durch Ehrgeiz entstanden sind.  In der deutschen Geschichte gibt es ein solches Szenario, nämlich als die nationalsozialistische Diktatur an die Macht kam. Nach dem Reichstagsbrand haben die Nazis begonnen, politisch aktive Kommunisten zu verhaften und in verschiedene Konzentrationslager zu stecken - und das relativ planlos. Wir haben hier also eine Situation, in der sich Menschen, die später zur politischen Elite der DDR gehörten und schon vorher in der kommunistischen Partei aktiv waren, quasi zufällig getroffen haben.

Wie einfach war es da an Daten gekommen?
Wir haben über 1000 Lebensläufe verwendet, aus denen wir die für uns wichtigen Faktoren isoliert und zu einem großen Datensatz verarbeitet haben. Die Lebensläufe haben wir relativ schnell über das Handbuch der deutschen Kommunisten gefunden, das bereits von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur digitalisiert wurde. Die Umwandlung der Texte in einen Datensatz hat dann aber noch einmal zwei Jahre gedauert.

Zur Person
Cathrin Mohr ist Postdoktorandin an der Universität Bonn. Die 33-Jährige studierte Volkswirtschaftslehre in München und an der Barcelona Graduate School of Economics. Von September 2017 bis Januar 2018 war sie Gastwissenschaftlerin in Harvard. 2019 promovierte sie an der Universität München. In ihrer Forschung untersucht sie historische Ereignisse, um die politische Ökonomie von Autokratien, fiskalische Kapazitäten und kulturellen Wandel besser zu verstehen. Sie ist Mutter von zwei Kindern.

Sie sprechen in ihrem Fazit von einem asymmetrischen Ergebnis. Was genau kann man darunter verstehen?
Wir stellen fest, dass soziale Beziehungen zwei sehr unterschiedliche Effekte auf die politische Elitenbildung haben können: Wenn man Verbindungen zur Elite hat, wird es nach unseren Untersuchungen unwahrscheinlicher, selbst Teil der Elite zu werden. Andererseits steigt die Wahrscheinlichkeit, ein politisches Amt in der Kreispolitik zu bekleiden, deutlich an.

Warum ist das so?
Wir glauben, dass dieses System viel mit Patronage zu tun hat. Nach dem Motto: Eigentlich möchte man seinen Freunden einen Job verschaffen, aber das geht nur, wenn man es unauffällig macht und dort wo es akzeptiert war. Im Regierungsapparat der DDR war es nämlich verboten, innerhalb der Elite Gruppen zu bilden, weil man glaubte, das führe zu Instabilität.

Ein Weg um Kontrolle auf verschiedenen Machtebenen auszuüben?
Genau, damit werden wir uns im weiteren Verlauf beschäftigen. Gibt es Muster, wo sich die Leute lokal aufhalten? Sind sie in der Nähe von Berlin oder doch weiter weg? Wie sieht es mit der Verwaltung aus? Es wird sehr spannend, diese Fragen zu beantworten.

Helfen Ihre Erkenntnisse auch, heutige Autokratien zu verstehen?
Ja, aber nicht alle Autokratien. Am ehesten für China. Denn es ist wie die DDR ein sozialistisches Regime, das den Menschen noch einen gewissen Lebensstandard zugesteht und gleichzeitig an der Macht bleibt. Es gibt bereits eine Studie, die zeigt, dass sich auch in China die Nähe zum Politbüro negativ auf die Karriere auswirkt.

Was ist mit Russland?
Russland ist meines Erachtens eine andere Form der Autokratie als China. Außerdem agiert man dort sehr im Dunkeln, die Datenlage zu Lebensläufen von Politikern ist viel schlechter als für China. Deshalb kann ich nicht sagen, ob es in Russland ähnliche Muster gibt.

Was ist der nächste Schritt in ihrer Forschung?
Unsere Studie ist ein erster Schritt, um Autokratien historisch, aber auch aktuell besser zu verstehen. Gerade die DDR ist noch nicht ausreichend aufgearbeitet. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt nicht in Demokratien und wir sehen hier eine Chance zu verstehen, wie die Mechanismen in solchen Regimen funktionieren und wie sich Autokraten überhaupt an der Macht halten. Deshalb werden wir uns auch weiterhin auf die DDR konzentrieren.

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