Alles Handarbeit: Für die Herstellung eines Rasierpinsels sind viele Arbeitsschritte notwendig.
Foto: Anna WernerDie Letzten ihrer Art | Mühle Rasur: Wenn die Nische den Erfolg verspricht
Die Rasur ist für viele nur eine lästige Pflicht. Schnell muss es gehen, und bluten darf es nicht. Man(n) kann die Rasur aber auch zum Ritual der Gesichtspflege erheben, zu Self-Care-Minuten aufwerten, um dem Tag von Anfang an etwas Frische zu verleihen.
Genau diese Kundengruppe hat Mühle Rasur im Visier.
Mühle Rasur wird in dritter Generation von den Brüdern Andreas und Christian Müller geleitet. Die Manufaktur hat sich vor allem auf hochwertige Rasierpinsel und Rasierhobel spezialisiert. Bei jedem Pinsel wird etwa „das Haar bis aufs Zehntelgramm abgewogen“, erklärt Andreas Müller. Auch die Griffe entstehen in Handarbeit. Damit ist Mühle Rasur der Hersteller mit der größten Fertigungstiefe überhaupt.
Das Unternehmen aus Stützengrün im Erzgebirge hat sich im Bereich Nassrasur erfolgreich eine Nische erobert – und exportiert seine Produkte weltweit.
Das hat viel mit der Firmengeschichte zu tun: 1945 gründet der Großvater Otto Johannes Müller das heutige Unternehmen, und spezialisiert sich schon damals auf handgefertigte Rasierausstattung. Nach wenigen Jahren werden die Produkte bereits ins Ausland verschickt. Doch 1972 wird das Unternehmen auf Druck der DDR-Führung verstaatlicht und in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt. „VEB - Vaters ehemaliger Betrieb“, nannte sein Vater das Unternehmen seitdem, erinnert sich Sohn Andreas mit einem Hauch Bitterkeit.
Die Rettung für die Gründerfamilie kommt mit der Wende: Die Firma kann von der Treuhand zurückgekauft werden. In den ersten Jahren ist es jedoch ein einziger Kampf ums Überleben, die allermeisten Mitarbeiter müssen sie entlassen. „Ich wusste, dass es schwierig wird, aber dass es so schwierig wird, hätte ich mir nie träumen lassen“, sagte Hans-Jürgen Müller damals immer wieder zu seinen Söhnen. Diese erkennen in jungen Jahren, dass sie für den Erfolg der Firma selbst „ranklotzen müssen“.
Mit der Zeit geht es mit dem Unternehmen „sacht“ bergauf, beschreibt Andreas Müller. Der 47-Jährige teilt sich mit seinem älteren Bruder Christian (50 Jahre) die Aufgaben des Unternehmens: Er selbst kümmert sich bevorzugt um das Design der Produkte und um das Marketing. Christian verantwortet die Produktion und den Einkauf. Stück für Stück gewinnt das Unternehmen neue Kunden und stellt ehemalige Mitarbeiter wieder ein. Der Fokus liegt im Ausbau der Manufaktur und im Revival der Marke „Mühle“. Damals hätten sie erkannt, sagt Andreas Müller, dass „wir mit der Marke einen Schatz besitzen“.
Seither wächst die Firma fast jedes Jahr zweistellig, berichtet Andreas Müller, besonders in den USA und Japan. Wer jetzt glaubt, dass sich Mühle Rasur nur an Männer richtet, die etwas gegen einen nachlässig gestutzten Fünf-Tages-Bart à la George Clooney haben, hat sich aber getäuscht: Mit den Mühle-Produkten könne man sich problemlos auch sensiblere Körperregionen wie die Beine, die Achseln, den Kopf oder auch den Intimbereich rasieren, sagt Müller. Auch Frauen würden deshalb immer mehr zu Mühle-Produkten greifen.
Der Erfolg kam für die Brüder unerwartet. „Vor Jahren hätten wir diese Entwicklung nie für möglich gehalten. Wir sind sehr dankbar“, sagt Andreas, der ursprünglich Theologie studiert hat, was man im Gespräch auf angenehme Weise hin und wieder merkt. Er erklärt den Erfolg vor allem mit der Bekanntheit der Marke Mühle. „Ohne unsere Marke wären wir austauschbar“, sagt er.
Für Liebhaber gibt es aber auch exklusivere Produkte: Zum Beispiel das Modell „Rocca“ in Edelstahlausführung und mit einem Griff aus Birkenrinde für 136 Euro. Oder den Rasierhobel „Companion“, der erste Unisex-Rasierer, den Mühle 2021 auf den Markt gebracht hat. Grundsätzlich, betont Andreas Müller, sei aber jeder Rasierer für beide Geschlechter geeignet, die Haut mache da keinen Unterschied.
Und was sind die Ziele für die Zukunft? Andreas Müller hält sich bedeckt. Er ist nicht der Typ für schneller, höher, weiter. Stattdessen gehe es ihnen darum, möglichst ressourcenschonend zu wirtschaften. „Wir leben in einer absoluten Überflussgesellschaft“, sagt er kritisch. Da möchte er mit Mühle ein Gegenbeispiel sein, und Produkte herstellen, die langlebig und umweltfreundlich sind. So ein Rasierhobel sei beispielsweise fast unzerstörbar, sagt Müller.
Fragt man Andreas Müller, auf was er selbst beim Rasieren Wert legt, antwortet er schlicht: Dass die Produkte schön sind – und funktionieren. Diese zwei Merkmale seien seit Jahrzehnten die Leitschnur des Unternehmens. Und ihr Erfolgsrezept. Vielleicht kommt Mühle aber gerade noch eine weitere Erkenntnis der Kunden gelegen: nämlich die, dass man mit der richtigen Ausstattung auch an den alltäglichsten Ritualen Freude haben kann. Und sei es nur bei der morgendlichen Rasur im Bad.
„Die Letzten ihrer Art“ ist ein neues Format der WirtschaftsWoche in der Reihe „Leben“. Jeden Monat porträtieren wir an dieser Stelle Unternehmen, die in ihrer Branche einzigartig sind, und viel Wert auf Handarbeit und Tradition legen.
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