Heidelberg Materials: „Fridays for Future war der letzte Weckruf“
Vorstandschef Dominik von Achten will klimaneutralen Zement herstellen und so die Zukunft von Heidelberg Materials sichern.
Foto: Anna Ziegler für WirtschaftsWocheWirtschaftsWoche: Herr von Achten, Sie sind inzwischen eineinhalb Jahrzehnte Mitglied des Vorstands von Heidelberg Materials. Das Thema Nachhaltigkeit stand auf Ihrer Prioritätenliste jahrelang weit unten. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie sich der grünen Transformation gewidmet haben?
Dominik von Achten: Weit unten würde ich nicht sagen. Es standen einfach andere Themen weiter oben. Ich nenne mal die Stichwörter: 2007, 2008, Finanzkrise. Das scheinen inzwischen viele vergessen zu haben.
Gab es einen Wendepunkt, an dem Sie realisiert haben, dass Nachhaltigkeit für Heidelberg Materials jetzt oberste Priorität haben muss?
Die Klimadebatte ist in der breiten Gesellschaft angekommen und hat unsere Geschwindigkeit noch einmal erhöht. Die junge Generation mit Fridays for Future war der letzte Weckruf, wenn es denn einen gebraucht hat. Als großer Emittent von CO2 können wir nicht sagen: Wir wollen nicht reduzieren, oder da habt ihr nicht richtig gerechnet. Wir haben erkannt, dass wir neben unserer Verantwortung auch die große Chance haben, unser Unternehmen und die Industrie grundlegend zu transformieren.
Eine Chance? Das klingt arg optimistisch, wenn man einen so hohen CO2-Ausstoß hat wie Heidelberg Materials.
Hohe Emissionen bedeuten im Umkehrschluss, dass wir einen großen Hebel haben, das Problem zu lösen. Beton ist nach Wasser das am zweitmeisten verbreitete Produkt der Welt. Wir können und wollen uns der gesellschaftlichen Diskussion nicht entziehen. Wenn die Gesellschaft andere Anforderungen an das Produkt stellt, müssen wir reagieren. Die Gesellschaft – das sind schließlich auch unsere Kundinnen und Kunden. Für mich ist das der Hauptantrieb.
Vorletztes Jahr haben Sie sich Nicola Kimm als Nachhaltigkeitsvorständin an die Seite geholt. War das ein Hilferuf? Sind Sie der Aufgabe alleine nicht gewachsen?
Wie das alte Sprichwort so schön sagt: Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich habe ein großes Herz für das Thema Nachhaltigkeit und in das Thema auch persönlich viel Energie reingesteckt, aber ich bin kein langjähriger Nachhaltigkeitsexperte. Nicola Kimm ist seit Jahren in dem Bereich operativ tätig. Wir haben uns ganz bewusst externe Expertise dazu geholt, um zu zeigen: Wir meinen das wirklich sehr ernst.
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Ein Teil der Emissionen lässt sich bei der Zementherstellung technisch nicht vermeiden. CO2-neutral kann Heidelberg Materials nur werden, wenn es CO2 abscheidet und unter der Erde speichert (CCS). Ihre erste Anlage, die das leistet, soll 400.000 Tonnen CO₂ pro Jahr abscheiden. Das entspricht knapp 0,6 Prozent der Emissionen des Konzerns. Um alle Emissionen auszugleichen, müsste Heidelberg Materials zahlreiche dieser Anlagen bauen. Ist das realistisch?
Ja. Die Frage ist, mit welchem Aufwand und mit welchen Kosten diese Transformation verbunden ist. Bevor wir über mögliche weitere Anlagen sprechen, muss erst mal jemand beweisen, dass CO2-Abscheidung im großen Stil funktioniert. Wir wollen dieser jemand sein. Aktuell reden viele über CO2-Abscheidung, in der Regel geht es dabei aber um wenige Tonnen pro Jahr. Im Vergleich zu unserem Vorhaben ist das eine mikroskopisch kleine Menge.
Und potenzielle CO2-Lagerstätten? Sind davon genügend vorhanden?
Daran mangelt es nicht. Allein die vorgesehene Lagerstätte in Norwegen kann den gesamten CO2-Ausstoß Europas aus den nächsten 50 Jahren aufnehmen. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Speichermöglichkeiten. Bislang aber verbietet uns das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz sowohl die Lagerung von CO₂ in Deutschland als auch den Export in andere Staaten. Das Bundeswirtschaftsministerium will das mit seiner Carbon-Management-Strategie ändern. Diese Diskussion müssen wir jetzt führen.
Heidelberg Materials hat gerade eine Förderzusage für ein CCS-Projekt in Geseke erhalten. Dort soll das erste emissionsfreie Zementwerk entstehen. Das CO2 soll vor Ort abgeschieden und unter der Nordsee gespeichert werden. Bisher ist es allerdings nicht erlaubt, dort CO2 zu speichern. Wie soll das also funktionieren?
Wir werden all unsere Energie in das Projekt stecken. Wir sind in Deutschland zu Hause, hatten hier bisher aber kein Projekt. Das geht nicht. Dafür werden wir international vorgeführt. Nicht als Unternehmen, sondern als Wirtschaftsstandort Deutschland. Wir können nicht immer sagen: überall, aber nicht bei uns, und wir können uns auch nicht immer auf andere verlassen. Das gilt für Windräder und Solarenergie genauso wie für CO2-Speicherung. Wenn wir die CO2-Speicherung ausschließlich nach Norwegen verlagern, begeben wir uns erneut in eine Abhängigkeit. Was machen wir, wenn Norwegen unser CO2 irgendwann nicht mehr will oder das Fünffache dafür verlangt?
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CO2-Abscheidung ist ziemlich energieintensiv. Sind die hohen Energiekosten in Deutschland kein Problem?
Doch. Allerdings macht die CO2-Abscheidung aus Klimagesichtspunkten ohnehin nur Sinn, wenn wir sie mit erneuerbaren Energien betreiben. In Geseke ist aktuell die Hauptfrage: Wie können wir sicherstellen, dass der Energiebedarf mit Erneuerbaren gedeckt wird? Es gibt eine ganze Menge Standorte, an denen die klimatischen Voraussetzungen nicht passen oder die nötige Infrastruktur fehlt. Außerdem müssen wir uns an jedem Standort fragen: Macht sich so eine Investition überhaupt bezahlt?
Und? Macht Sie sich bezahlt?
Das kommt auch darauf an, was die Menschen in Zukunft bereit sind, für Zement zu bezahlen. In deutschen Drogerien gibt es Zahnbürsten verschiedener Preisklassen zu kaufen: eine traditionell produzierte günstige, eine teurere aus Bambus und eine noch wertigere aus recyceltem Plastik. Was ich damit sagen will: In Deutschland gibt es Menschen die bereit sind für die Nachhaltigkeit zu bezahlen. Das wird bei Zement nicht anders sein. Noch ist das aber nicht überall der Fall. Insbesondere Schwellenländer sind bei dem Thema aber noch nicht so weit. Die Emerging Markets, so fair muss man sein, haben im Moment noch andere Prioritäten.
Wie will Heidelberg Materials als Gesamtkonzern bis 2050 die Klimaneutralität erreichen, wenn sich das klimaneutrale Geschäft in den Schwellenländern nicht rechnet?
Da bin ich zuversichtlich. Wir haben für alle Länder und jedes Werk konkrete Fahrpläne zur CO2-Reduktion schon bis 2030.
Wir fassen zusammen: CO2-Abscheidung ist für die grüne Transformation der Zementindustrie unumgänglich. Sie sagten, es fehle bisher an Beweisen, dass die Technologie im großen Stil funktioniert. Ihr Weg kann also noch schiefgehen?
Ein Restrisiko bleibt immer, das gehört zur Wahrheit dazu. Es führen immer mehrere Wege nach Rom. Wenn Weg A nicht funktioniert, dann suchen wir eben nach B oder C. Die grüne Transformation ist für uns als Unternehmen alternativlos. Die Gesellschaft akzeptiert unser Produkt in Zukunft nur, wenn wir es dekarbonisiert oder zumindest weitgehend CO2-frei bekommen.
Haben Sie Angst davor, dass in der Zwischenzeit ein alternatives, nachhaltiges Produkt entwickelt wird, das Beton ersetzt?
Unser Ziel ist es, die Kernprodukte Zement und Beton zu dekarbonisieren. Ich könnte mich jetzt hier hinstellen und sagen: Damit sind wir unangreifbar. Aber das haben auch schon andere Industrien gedacht, und dann kam es plötzlich ganz anders. Der Markt ist über vier Milliarden Tonnen pro Jahr groß. Klar gibt es auf dieser Erde Hunderttausende, die versuchen, ein Alternativprodukt zu kreieren. Aber Angst? Nein, das liegt mir eher fern. Beton hat zu viele Vorteile, als dass er großflächig ersetzt werden könnte.
Sie haben vor gar nichts Angst?
Ich bin grundsätzlich ein positiv gestimmter Mensch.
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