Editorial: Gute Zeiten für Autokraten
Kann die Welt einen weiteren Konflikt oder gar Flächenbrand ertragen?
Foto: Getty ImagesMit dem Angriff der Hamas auf Israel kehrt wuchtig und grausam ein Konflikt zurück auf die Weltbühne, den man nicht nur etwas aus den Augen verloren hatte. Es gab ein historisches Momentum für Annäherung und Frieden. Der „neue Nahe Osten“, von dem Israel noch im September als Vision gesprochen hatte – er dürfte vorerst Geschichte sein.
Der Krieg trifft auf einen ohnehin aufgewühlten Erdball, und man fragt sich, wie er einen weiteren Konflikt oder gar Flächenbrand ertragen kann.
Seit Jahren umreißen wir Unruhe und Unfrieden, Chaos und Konflikte mit immer größeren Worten: „Die Welt ist aus den Fugen“, sagte der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schon 2015, Sicherheitsexperten sprechen über die „Welt in Gefahr“ (Wolfgang Ischinger) oder die neue „Weltunordnung“ (Carlo Masala). Diese Worte versuchen die grundstürzende Dimension dieser Konflikte zu erfassen. Sie zeugen auch von einer gewissen Ohnmacht, die den Blick trüben kann. Was tun, wenn die Welt gefühlt nur noch auseinanderbricht?
Bei diesem Krieg ist eine Sache klar, nicht nur wegen des historischen Imperativs gegenüber Israel: Hier verteidigt die einzige Demokratie im Nahen Osten ihre Existenz nach einer beispiellosen Terrorwelle, und das verlangt jede Unterstützung und kein „Ja, aber“. Gleichzeitig muss Deutschland realistisch einschätzen, welche Rolle es spielt: Wir sind nicht das Land, das nun mit über Krieg und Frieden entscheidet.
Wichtiger ist, dass sich nun entfaltet, was bisher nur Szenario war: Was passiert, wenn die USA in weiteren Konflikten gebunden werden – und der Krieg in der Ukraine in den Hintergrund rückt? Darauf ist Europa nicht vorbereitet. Und es sollte sich schleunigst sammeln und klären, wie es selbst abwehrbereit wird.
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Die Welt wird zunehmend geprägt von Unordnungsmächten, zumindest aus Sicht des Westens, dessen Ordnungskraft schwindet. Diese Mächte spielen nach den Regeln der Macht, Werte interessieren sie nicht. Es sind gute Zeiten für Autokraten oder Despoten, Konflikte zu schüren, Grenzen zu verschieben oder sich Landstriche unter den Nagel zu reißen. Dass Russland dieser Krieg in die Hände spielt, ist klar. Dass China auch diesen Angriff nicht verurteilt, sondern mit den üblichen Pekingfloskeln zum Ende der Gewalt aufruft, ist ein Fanal.
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