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HV-Saison 2023Virtuelle Hauptversammlung: Immer Ärger mit dem Stream

Viele Unternehmen halten am digitalen Format fest, zum Ärger von Anlegern und Aktionärsschützern. Diese ziehen nun eine kritische Bilanz, sind vor allem über Defizite beim Rederecht erbost – und über Technik-Desaster.Julia Groth 20.10.2023 - 17:11 Uhr

Trotz Highend-Technik wie hier bei Siemens: Die digitale Hauptversammlung kann die Präsenz-HV bisher nicht adäquat ersetzen. (Im Bild: Jim Hagemann Snabe, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Siemens AG).

Foto: WirtschaftsWoche

Die virtuelle Hauptversammlung (HV), ein Kind der Coronapandemie, war auch im laufenden Jahr bei Unternehmen beliebt. Bei Aktionärinnen und Aktionären dagegen weniger: Sie fühlten sich in mehr als einem Drittel der virtuellen HVs nicht angemessen informiert oder gehört, ergab eine Umfrage der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) unter ihren eigenen Vertretern und Aktionären in Deutschland sowie auf Aktionärsversammlungen in Europa.

Der Gesetzgeber hatte die Möglichkeit für Aktiengesellschaften, Hauptversammlungen digital abzuhalten, im Coronajahr 2020 geschaffen. Ursprünglich handelte es sich dabei um eine befristete Pandemie-Sonderregelung. Im Jahr 2022 beschloss der Bundestag dann mit einer breiten Mehrheit, die virtuelle HV dauerhaft im Aktiengesetz zu verankern, weil sie sich „im Großen und Ganzen bewährt“ habe. Aktionärsschützer sehen die Digi-HV indes überwiegend kritisch.

Wann dürfen Aktionäre reden?

Insgesamt luden in diesem Jahr wieder mehr Unternehmen zu Präsenz-HVs. Das virtuelle Format ist aber nach wie vor weit verbreitet, vor allem bei den Dax-Konzernen: Von den 40 Unternehmen aus der ersten deutschen Börsenliga entschieden sich 28 für eine rein virtuelle HV mit Livestream. Kritisch daran finden die Befragten im DSW-Report vor allem die eingeschränkte Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Angriff auf Aktionärsrechte

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von Julia Groth

Zwar hatte der Gesetzgeber bei diesem Punkt früh nachgebessert. Zum Start der Sonderregelung durfte der Vorstand einer Aktiengesellschaft noch verlangen, dass Aktionäre ihre Fragen spätestens einen Tag vor der Veranstaltung einreichen. Kritische Wortmeldungen bei laufender Versammlung konnten so im Vorfeld unterbunden werden. 

Das ist inzwischen anders. Aber: Bei den meisten virtuellen HVs in diesem Jahr konnten Aktionäre frühestens zu Beginn der Veranstaltung Redebeiträge anmelden. Bei Präsenz-HVs sei der sogenannte Wortmeldetisch meist schon vor Beginn der Veranstaltung geöffnet, so die DSW.

Bei neun Prozent der diesjährigen Digi-HVs seien Wortmeldungen sogar erst mit Verspätung, nach Veranstaltungsbeginn, freigeschaltet worden, kritisieren die Aktionärsschützer. „Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, auch im virtuellen Format die Aktionärsrecht uneingeschränkt zu wahren. Nach der ersten HV-Saison unter neuer Gesetzgebung ist aus Sicht der Anleger klar, dass dieses wichtige Ziel in der Umsetzung nicht erreicht worden ist“, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler.

Extremsport HV-Hopping

Unternehmen argumentieren gern, dass das virtuelle HV-Format die Präsenz erhöhe. Schließlich müssen Aktionäre dann nicht mehr die Anreise zum Veranstaltungsort auf sich nehmen. Dieses Ziel sei aber verfehlt worden, heißt es von der DSW. Mit Blick auf die HVs von Dax-Konzernen zeige sich, dass die Präsenz seit Beginn der Pandemie rückläufig sei, trotz virtueller HV.

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Ein möglicher Grund: In diesem Jahr fanden auffallend viele virtuelle HVs gleichzeitig statt. An einem einzigen Tag im Mai hatten fast 30 Unternehmen, die in Indizes der Dax-Familie enthalten sind, ihr HV-Termine angesetzt. Gleich vier Konzerne aus dem Dax 40 – Deutsche Bank, E.On, Fresenius, Vonovia – starteten ihren Stream an diesem Tag auch noch zur selben Uhrzeit. Parallel an mehreren HVs teilzunehmen ist im digitalen Format zwar theoretisch möglich, in der Praxis aber kaum zu stemmen. Einige Aktionärsschützer halten Parallel-Terminierungen nicht für Zufall, sondern wittern hier Taktik vonseiten der Unternehmen.

Hinzu kamen teils technische Probleme, die Aktionäre verärgerten. Ein Negativbeispiel war Covestro: Wegen Technik-Kalamitäten zog sich die virtuelle HV des Kunststoffspezialisten über mehr als neun Stunden. Ein Drittel der Zeit sei auf Verzögerungen wegen Technikpannen zurückzuführen gewesen, moniert die DSW. 

Aktionäre wollen nicht unbedingt zurück zur reinen Präsenz-HV. Der DWS-Umfrage zufolge würde die Mehrheit ein hybrides Format bevorzugen, mit Präsenzveranstaltung plus Livestream. Diese Variante wählen in Deutschland bisher nur vergleichsweise wenige Unternehmen. Auch bei hybriden Veranstaltungen gilt aber: Die Technik sollte doch bitte funktionieren.

Lesen Sie auch: "Das war schon an der Grenze des Zumutbaren" - Pleiten, Pech und Pannen bei virtuellen HVs

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