Künstliche Intelligenz: Was Elon Musk mit seinem sarkastischen Chatbot Grok vorhat
Elon Musks Start-up für künstliche Intelligenz X.AI wird in seine Social-Media-Plattform X integriert, aber auch als eigenständige App verfügbar sein.
Foto: imago imagesEs ist genau die Art von Humor, die Elon Musk liebt. Am Wochenende gaben der Multimilliardär und das Team seines Künstliche-Intelligenz-Start-ups X.AI die Premiere ihres ersten Chatbots namens Grok bekannt.
Eines seiner Unterscheidungsmerkmale zu der inzwischen zahlreichen Konkurrenz: Grok – der Name stammt aus einem Science-Fiction Roman und soll Intuition bedeuten – „wird brenzlige Fragen beantworten, die von den meisten anderen AI-Systemen abgelehnt werden.“
Das erste Beispiel dafür lieferte Musk über seinen Kurznachrichtendienst X – vormals Twitter: Eine Anleitung, wie man Kokain zu Hause herstellt.
Erster Schritt: Einen Abschluss in Chemie und eine Lizenz von der Drogenüberwachungsbehörde DEA erlangen. Wenn beim Letzteren nicht schon die Handschellen zuschnappen, wird man immerhin in Punkt vier gewarnt, sich beim Kochen nicht selbst in die Luft zu jagen. Es ist ein Witz nach dem Stil von Musk, der für Wortspiele schon mal Gegenstände wie ein Waschbecken mit sich herumschleppt – „let that sink in“.
Muss sich jetzt also OpenAI mit ChatGPT warm anziehen? Erstmal nicht. Noch ist Grok nur ein Test, soll als Beta-Produkt einem begrenzten Personenkreis in den USA – wahrscheinlich von Musk selbst ausgewählt – bereitgestellt werden. Später, so kündigte Musk an, soll es Bestandteil der anzeigenfreien Premiumversion von X werden, für die das Unternehmen derzeit 16 Dollar pro Monat verlangt. Zum Vergleich: OpenAI verlangt für die leistungsfähigste Version seines Chatbots derzeit 20 Dollar pro Monat.
Interessant ist, dass Grok auf aktuelle Daten von X zugreifen kann. X.AI nennt das „Echtzeitwissen“. „Was gerade geschieht“ war bislang das Motto von X-Vorläufer Twitter und noch heute ist es trotz aller Kritik an den von Musk vorgenommen Veränderungen eine wichtige Quelle über aktuelle Geschehnisse in der Welt. Wenn Grok diese tatsächlich live in seine Aussagen einbeziehen kann, könnte der Chatbot sogar Googles Bard oder der ChatGPT-Version in Bing von Microsoft überlegen sein. Aber die Herausforderung wäre noch größer als bei der Konkurrenz, zwischen Tatsachen und Gerüchten oder gar Lügen zu unterscheiden.
Spannend ist auch, wie Grok dazu benutzt werden kann, um Musks Umbau von X voranzutreiben. Musk will bekanntlich die ihm gerichtlich aufgezwungene Akquise zu einer Art Universaldienst ähnlich WeChat umbauen, mit dem Nutzer nicht nur ihren Medienkonsum stillen, sondern auch noch einkaufen, bezahlen und investieren sollen. Grok könnte dabei als eine Art persönlicher Assistent zur Seite stehen.
Und auch das ist ganz Musk-Manier: X.AI hat sein eigenes Sprachmodell namens Grok-1 nach eigenen Angaben in nur knapp vier Monaten geschaffen. Das ist Rekordzeit, auch wenn Elon Musk natürlich auf viele Talente zurückgreifen konnte, die von OpenAI und der Google-Tochter DeepMind abgeworben wurden.
Wer ist Igor Babuschkin?
Geführt wird die Entwicklung von X.AI von Igor Babuschkin. Der Experte für Künstliche Intelligenz studierte von 2010 bis 2015 Physik an der TU Dortmund. Ursprünglich auf Experimentelle Teilchenphysik spezialisiert, wandte er sich dem Maschinellen Lernen zu und heuerte bei DeepMind in London an. Für die er knapp vier Jahre arbeitete, bis Babuschkin für anderthalb Jahre zu OpenAI nach San Francisco wechselte und schließlich im April 2022 zu DeepMind zurückkehrte, mit Arbeitsort im Silicon Valley. Seit Mai 2023 arbeitet er nun für X.AI und stapelt tief – auf LinkedIn gibt er als Position „Mitglied des technischen Personals“ an. Auch das ganz nach dem Vorbild Musks, der traditionelle Titel nicht mag und sich lieber als „Techno-King“ denn als CEO bezeichnet.
Wie leistungsfähig ist Grok? Die genaue Zahl der Datenpunkte, mit denen das Sprachmodell trainiert wurde, gibt das Unternehmen nicht an. Nur dass sein Vorläufer 33 Milliarden Parameter umfasste. Zum Vergleich: Die freie Version von ChatGPT – Version 3.5 – wird mit 175 Milliarden Parametern angegeben.
In einem von X.AI veröffentlichten Test wird behauptet, alle Modelle in vergleichbaren Klassen so wie GPT 3.5, Inflection.AI und Metas LLaMA bei der Genauigkeit der Aussagen übertroffen zu haben. X.AI zog dafür mathematische Aufgaben, wie sie in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 in der Schule gestellt werden, sowie Multiple-Choice-Fragen heran und ließ Grok zudem Codes in der Programmiersprache Python schreiben.
Besser waren nur GPT-4, Claude 2 von Anthropic sowie Palm 2 von Google, die mit wesentlich mehr Datenpunkten operieren, allerdings dafür auch weit mehr Rechenleistung verbrauchen.
Außerdem ließ man Grok-1 die Aufgaben der diesjährigen Mathe-Abi Prüfung von Ungarn lösen. Hier konnte das X.AI-Modell auch Claude 2 schlagen, unterlag allerdings GPT-4. Was das im alltäglichen Gebrauch für die Leistungsfähigkeit von Grok bedeutet, muss sich erst noch zeigen.
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Trotzdem – dass X.AI solch ein leistungsfähiges Sprachmodell in nur vier Monaten auf die Beine stellen kann, ist bemerkenswert. Zwar ist nicht bekannt, welche finanziellen Ressourcen Musk dafür locker gemacht hat. Aber es wirft die Frage auf, wie wichtig der bloße Besitz von eigenen großen Sprachmodellen ist.
Laut der US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg versucht OpenAI gerade, frisches Kapital einzuwerben und soll dafür eine Unternehmensbewertung von 86 Milliarden Dollar aufrufen. Open.AI wirbt damit, in diesem Jahr mit Nutzungs- und Abogebühren bereits rund eine Milliarde Dollar umzusetzen. Gut möglich, dass Musk mit dem überraschend bekanntgegebenen Beta-Test von X.AI der Konkurrenz von Open.AI beim Werben um Investoren in die Parade fahren will. Ihn ärgert es noch heute, dass OpenAI, dass Musk 2015 selbst mit aus der Taufe hob und angeblich mit 100 Millionen Dollar unterstützte, zu einem profitorientierten Unternehmen umgewandelt wurde. Dass auch noch – so Musk – von Allianzpartner Microsoft dominiert werde, dem mächtigsten Softwareunternehmen der Welt. Schließlich war OpenAI einst als offene Alternative zu großen Tech-Konzernen gedacht, zum Start vor allem als Bastion gegenüber Google.
Musk hat einen großen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb, ausgenommen Meta. X.AI hat mit X Zugriff auf eine eigene Datenquelle. Sein Vorläufer Twitter hat Musk 43 Milliarden Dollar gekostet. Inzwischen wird es von X selbst nur noch mit 19 Milliarden Dollar bewertet. Falls sich das selbst proklamierte „Echtzeit-Wissen“ tatsächlich als wettbewerbsentscheidend bei Künstlicher Intelligenz erweist, dürfte der Wert von X steigen.
Zwar wird Musk die Daten von X nicht exklusiv verwenden dürfen, wenn Regulierer den allgemeinen Zugriff auf wichtige Datenquellen verordnen, damit keine Monopole entstehen. Aber es wäre eine zusätzliche Einnahmequelle von X. Und wie man Musk kennt, wird er ausreizen, wie umfassend und vor allem schnell dieser Zugriff sein muss.
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