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Riedls Dax-RadarDeutsche Aktien stehen vor einer entscheidenden Kraftprobe

Gute Zahlen der Allianz und eine robuste Telekom stützen den Aktienmarkt. Dennoch, kurzfristig muss der Dax noch mehr zulegen, um aus der Gefahrenzone zu kommen.Anton Riedl 10.11.2023 - 13:23 Uhr

Deutsche Aktien vor der Wende? Es braucht noch einen Kraftakt um aus der Gefahrenzone zu kommen

Foto: Getty Images, Marcel Reyle

Erst rückläufige Inflation und Entspannung bei den Zinsen, dann nachgebende Ölpreise trotz Krieg im Nahen Osten, schließlich noch die Einigung beim deutschen Industriestrompreis. Das alles ließ den Dax innerhalb von zwei Wochen von 14.600 Punkte auf bis zu 15.370 Punkte klettern. Zuletzt legte der deutsche Leitindex sogar stärker zu als die Börsen in den USA, von denen die jüngste Erholung ausging. 

Doch aus Amerika kommen nun wieder Zwischentöne, die an den Börsen für eine Abkühlung sorgen könnten. Notenbank-Chef Jerome Powell weist darauf hin, dass die Zinsen im Kampf gegen die Inflation womöglich doch noch nicht hoch genug seien. Auch wenn er damit wahrscheinlich nicht gleich die nächste Erhöhung vorbereiten will, sondern eher den jüngsten Erwartungen etwas Wind aus den Segeln nimmt, an den Bondmärkten kommt seine Botschaft an: Nach dem schnellen Renditeverfall von 5,0 auf 4,5 Prozent bei den zehnjährigen US-Staatspapieren ging es zuletzt wieder auf 4,6 Prozent nach oben. 

Hoher Finanzierungsbedarf der US-Regierung und das anstehende Wahljahr, in dem Präsident Joe Biden die Wähler sicherlich eher mit Ausgaben als mit Knausrigkeit bei Laune hält, sprechen für die nächsten Monate für einen angespannten Bondmarkt. Und die US-Wirtschaft ist weiter stark genug: Im Sommerquartal hatte sie mit 4,9 Prozent über Erwarten gut zugelegt. 

Von solchen Zuwachsraten kann Europa nur träumen. Hier rechnet die Notenbank EZB in diesem Jahr mit 0,7 Prozent Wachstum und dann von 2024 an mit einer marginalen Beschleunigung. Es ist deshalb auch kein Wunder, dass die EZB im Gegensatz zur Fed an weitere Zinserhöhungen überhaupt nicht denkt. 

Insgesamt deuten die Signale der Notenbanken nach den zahlreichen Erhöhungen der vergangenen Monate auf ein Plateau der Zinsen auf dem erreichten Niveau. Ob es von hier aus im nächsten Jahr dann schnell wieder nach unten geht, ist fraglich. Gehen die Wirtschaftsprognosen der Notenbanken in etwa auf, dürfte dies kaum der Fall sein. Aktien- und Bondmärkte müssten sich dann von der Hoffnung verabschieden, die Zinsen könnten wieder in Richtung der Rekordtiefen wie in den Jahren 2019 bis 2021 abtauchen. Schließlich war genau diese extreme Geldexpansion der Notenbanken ein substanzieller Grund für die Inflation, die von 2021 an in unerwartet heftiger Weise ausbrach und bis heute nicht wieder richtig im Griff ist.

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Natürlich, ein deutlicher Wirtschaftsabschwung und die hohe Verschuldung der Staaten könnten eher als erwartet doch zu Zinssenkungen führen. Für die Aktienbörsen wäre ein solches Szenario aber nur im ersten Moment wegen sinkender Renditen verlockend. Dann aber wäre ein scharfer Konjunkturabschwung mit rückläufigen Unternehmensergebnissen vor allem angesichts fortgeschrittener Bewertungen ein ernstes Risiko für die Kurse. 

Allianz souverän, Telekom auf Draht, Hoffnung bei Henkel

Zahlungen für Naturkatastrophen, dieses Mal im heimatlichen Bayern, drücken den Gewinn der Allianz im Sommerquartal um fast ein Drittel auf 2,1 Milliarden Euro. Dank gestiegener Zinsen ist das Anlageergebnis jedoch höher. In der Schaden- und Unfallversicherung steigen Preise und Absatzvolumen, in der Leben- und Krankenversicherungen kommen Einmalbeiträge hinzu. Nach 6,8 Milliarden Euro Nettogewinn in den ersten neun Monaten dürfte es für die Allianz kein Problem werden, 2023 unterm Strich insgesamt acht bis neun Milliarden Euro zu verdienen – wenn es nicht zu außergewöhnlichen Naturkatastrophen kommt.

Für Allianz-Aktien ergäbe dies bei 88 Milliarden Euro Marktkapitalisierung für 2023 eine Gewinnbewertung um zehn – das ist weder teuer noch besonders billig. Bei 401 Millionen Aktien würde das auch leicht für eine Dividendenerhöhung auf 12 Euro reichen. Bewertung, Rendite und stabiles Geschäftsmodell in wackligen Zeiten (in denen Versicherungen besonders gefragt sind) machen die Allianz für Daueranleger zu einem Favoriten im Dax. Kurzfristig wäre es gut, wenn die Aktie das Kursniveau zwischen 215 bis 220 Euro verteidigt. Von hier aus könnte dann ein Anlauf zum alten Hoch um 230 Euro gelingen – und womöglich sogar etwas darüber hinaus gehen.

Ebenfalls eine Daueranlage im Dax ist die Deutsche Telekom. Mitte des Jahres war die Aktie unter Druck geraten, vor allem wegen schwächerer Geschäfte der wichtigen Amerikatochter T-Mobile US und der hohen Verschuldung, die in Zeiten steigender Zinsen eine schwere Belastung ist. Im dritten Quartal jedoch lief es operativ besser als erwartet. Die Zahl der Kunden im Mobilfunk und im Breitbandgeschäft nimmt zu, der Nettogewinn klettert um 22 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro, Gewinnprognosen werden angehoben. Zudem, besonders wichtig, gehen die Nettoschulden um ein Zehntel auf 137 Milliarden Euro zurück.

Mit 114 Milliarden Euro Börsenwert ist die Telekom nicht billig, und mit rund vier Prozent Dividendenrendite hat die T-Aktie auch noch nicht wieder Anschluss an den internationalen Dividendenadel gefunden. Dennoch beweist sie gerade in wirtschaftlich kritischen Zeiten ein weiteres Mal die Stabilität ihres Geschäftsmodells. Der seit 2020 anhaltende Aufwärtstrend der Aktie ist intakt, kurzfristig könnte es zu einem Test der jüngsten Kursspitzen um 23 Euro kommen. Ins Wanken gerät das positive Szenario erst, wenn die Aktie unter die Bandbreite 18 bis 19 Euro sinkt. Davon aber ist die T-Aktie beruhigend weit entfernt. 

Auch Henkel könnte, mit Verspätung, nun noch die Wende schaffen. Schon im Frühjahr hatte es Hoffnung gegeben, dass der Düsseldorfer Konsumchemiker nach dem glimpflichen Rückzug aus seinen umfangreichen Russlandgeschäften durchstartet. Die zähe Entwicklung auf dem wichtigen chinesischen Markt kam dazwischen. Nun kann Henkel nach einem organischen Umsatzwachstum von zuletzt knapp drei Prozent, vor allem getragen vom starken Konsumgeschäft, die Prognose anheben. Der Aufwand für Restrukturierungen und Investitionen fällt etwas niedriger aus, Preiserhöhungen können durchgesetzt werden. Auch die Gewinnerwartungen werden einen Tick heraufgesetzt.

Henkel-Aktien standen zuletzt im Schatten des erfolgreichen Konkurrenten Beiersdorf, dessen Börsenperformance langfristig zu den besten im Dax gehört. Die vergleichsweise günstige Bewertung half Henkel bisher wenig, weil den Düsseldorfern eine nachhaltige Wachstums- und Ertragsstory fehlt. 

Auch jetzt gehen die Banken in ihrer Mehrheit davon aus, dass Henkel in diesem und in den nächsten Jahren bei einem Umsatzniveau von rund 22 Milliarden Euro nur sehr langsam vorankommt. Bei der Nettomarge, dem Reingewinn vom Umsatz, wird nach dem Tief des Jahres 2022 eine stete Erholung von sechs auf rund acht Prozent erwartet. Ein solches Szenario dürfte zwar dafür reichen, Henkel-Aktien mittelfristig wieder bis zum diesjährigen Hoch um 78 Euro klettern zu lassen. Für einen nachhaltigen Anstieg über den Bereich um 80 Euro hinaus allerdings ist ein dynamischeres und stabileres Wachstum erforderlich. 

Fazit für den Dax: Die Erholung des deutschen Aktienmarkts von 14.600 Punkten aus war dynamisch und wurde kurzfristig von führenden Aktien wie SAP, Siemens und sogar BASF getragen. Nach dem starken Anstieg der vergangenen zwei Wochen liegt nun aber zumindest eine Gegenbewegung in der Luft. Die könnte in klassischer Weise von den gewonnenen 770 Punkten etwa die Hälfte wieder abgeben. Für eine mögliche Korrektur ergäbe dies einen Zielbereich um 15.000 Punkte. Das jüngste Abkippen der Notierungen an den US-Indizes und eine mögliche erneute Schwäche der Bondmärkte deuten in die gleiche Richtung.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Indizes notiert der Dax unterhalb seiner 200-Tagelinie, die aktuell bei 15.644 Punkten verläuft. Die gesamte Bandbreite 15.500 bis 15.700 ist damit nach wie vor die entscheidende Zone, die aus den aktuellen Schwankungen nur eine Zwischenerholung in einer seit Sommer anhaltenden Abwärtsbewegung macht und noch keine neue Aufwärtsbewegung. Die im Vergleich zu den US-Indizes schwächere Verfassung des Dax passt hier durchaus zur ebenfalls schwächeren Verfassung der deutschen und europäischen Konjunktur.

Für den Dax kommt es nun darauf an, in einer möglichen Verschnaufpause nicht zu viel Boden zu verlieren. Dann könnte noch in den saisonal guten Wochen von Ende November bis Anfang Dezember der Anlauf zur entscheidenden Zone um 15.600 Punkte starten. Und wenn der Dax dann auch noch dieses Bollwerk nehmen sollte, würde sich der Blick auf 2024 dann doch merklich aufhellen. 

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