Bauernproteste: „Wir schaffen es nicht eine vernünftige und professionelle Landwirtschaft zu führen“
In den Morgenstunden machten sich viele Landwirte auf dem Weg zu ihren Protestaktionen.
Foto: imago imagesIn der Dämmerung machten sich vergangene Woche an einem Morgen 70 Traktoren auf den Weg. Sie sind teilweise plakatiert. Auf einem Laken steht: „Heizöl/Diesel muss bezahlbar bleiben. Weg mit der CO2-Steuer.“ Für die Trecker geht es nicht auf ein Feld. Stattdessen werden sie Straßen blockieren. Der Grund: die geplanten Kürzungen der Agrarsubventionen für Bauern. Unter der Demonstrierenden befindet sich auch Jörn Schulte aus Hattingen. Er ist selbst Landwirt. In einigen Jahren soll er den Familienhof übernehmen. Im Gespräch erzählt er, was er von den Aktionen hält.
WirtschaftsWoche: Herr Schulte, Sie haben sich an den Bauernprotesten beteiligt. Was bewegte Sie dazu auf die Straße zu gehen?
Jörn Schulte: Ich halte an der Position des Deutschen Bauernverbands fest: Alle Kürzungen der Agar-Subventionen müssen weg. Es kann nicht sein, dass ein Großteil der Einsparungen auf eine Berufsgruppe fällt. Der Druck unserer Seite hat bereits etwas bewirkt. Nun muss auch das Auslaufen der Dieselrückvergütung gekippt werden. Sie läuft zwar nicht mehr wie anfänglich geplant jetzt direkt aus, sondern schrittweise bis 2026.
Ist es denn damit getan oder muss die Bundesregierung Ihrer Ansicht nach die deutsche Landwirtschaft noch anderweitig fördern?
Die Politik der vergangenen 15 bis 20 Jahren hat mit ihren Auflagen der Landwirtschaft geschadet. Wir brauchen weniger Auflagen, um mit anderen Ländern mithalten zu können und wieder wettbewerbsfähiger zu werden. In Deutschland gibt es genügend Tiere und Ställe, dennoch importieren wir zu viele Lebensmittel. Wir schaffen es nicht, eine vernünftige und professionelle Landwirtschaft zu führen. Obwohl wir flächenmäßig und technisch gut aufgestellt sind. Allerdings schrumpft die landwirtschaftliche Nutzfläche jedes Jahr, durch Zubauten. Letztendlich leiden darunter die Landwirte und große Konzerne machen die kleinbäuerlichen Familienbetriebe kaputt.
Das heißt, die günstigen Preise im Supermarkt sind ein Problem?
Wir haben hier die höchsten Lebensmittelstandards. Wie sollen wir mit den Discounterpreisen mithalten? Ob die hohen Standards und Auflagen immer so gut sind, wage ich manchmal auch zu bezweifeln. Dass wir uns für Tierwohl einsetzen, ist richtig. Aber die EU hat bereits hohe Auflagen und Deutschland schlägt nochmal obendrauf.
Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Da fällt mir jetzt als Erstes die Flächenstilllegungen ein. Während der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg sprachen wir plötzlich über Getreideknappheit am Weltmarkt. Alle Länder haben versucht möglichst viel anzubauen, um die Futterproduktion und Getreidelieferungen aufrechterhalten – bis auf Deutschland. Hier wurden etwa vier Prozent der landwirtschaftlichen Flächen stillgelegt. Auch wir mussten vier Hektar stilllegen und dürfen die Fläche nicht bearbeiten. Eine Auflage, an die wir uns halten müssen, sonst dürfen wir nicht mehr landwirtschaftlich arbeiten.
Sie waren selbst auf der Straße und haben protestiert. Wie haben Sie den Protest erlebt?
Zusammen mit rund 70 weiteren Landwirten haben wir eine Autobahnauffahrt zwischen Sprockhövel und Wuppertal gesperrt. Als die Polizei uns gebeten hat die Straße freizumachen, taten wir das. Anschließend sind wir mit rund 100 Treckern durch Wuppertal gefahren. Schließlich hat die Polizei gesagt, dass es reicht. Daraufhin haben wir uns aufgelöst. Wir wollten keine Schwierigkeiten bekommen. Uns kam große Solidarität und Zuspruch entgegen. Die Menschen, die in der Nähe wohnten, haben uns Kaffee vorbeigebracht. Doch wir wurden auch beschimpft. Die Pendler auf dem Weg zur Arbeit waren genervt.
Politiker warnen davor, dass die Proteste von Rechten unterlaufen werden könnten. Wie schätzen Sie die Gefahr ein?
Ich habe bei dem Protest, bei dem ich war, davon nichts mitbekommen. Es gibt immer ein paar Pappenheimer. Wir haben hier friedlich demonstriert und uns an die Anweisungen der Polizei gehalten. Zumindest hier in der Region gehe ich davon aus, dass die Proteste nicht unterlaufen werden.
Sie haben bereits die große Solidarität angesprochen, die Ihnen entgegengebracht wurde. Denken Sie, dass ein größeres Problem dahintersteckt?
Mittlerweile sind alle angespannt und unzufrieden – das wird jetzt deutlich. Es sind nicht nur wir Landwirte betroffen, sondern beispielsweise auch die Gastronomen. Aktuell haben viele Bürger das Gefühl, dass die Regierung ihre Probleme einfach auf die Bevölkerung abschiebt. Und der Unmut darüber wird nun deutlich.
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