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  4. Babboe Lastenrad Rückruf: Befindet sich die Branche im Abwärtstrend?

Babboe und Co.„Ein Lastenrad zu kaufen, ohne Gewissheit über den Service zu haben, ist keine gute Idee“

Der Verkaufsstopp für die Lastenrad-Marke Babboe hat Zweifel in der Branche gesät. Die guten Marktdaten für das Jahr 2023 kommen hier gelegen. Trotzdem hat der Fall Schwächen offengelegt.Sebastian Schug, Henryk Hielscher 13.03.2024 - 12:59 Uhr aktualisiert

Ein Mann fährt mit einem Lastenrad durch Berlin. Neben dem Transport von Einkäufen wird in vielen Lastenrädern auch der Nachwuchs befördert.

Foto: imago images

Lastenräder gehören in vielen deutschen Großstädten bereits zum gewohnten Straßenbild. Der kürzliche Verkaufsstopp der bekannten niederländischen Marke Babboe wegen des Verdachts auf Sicherheitsmängel im Heimatland passte hier nicht in das positive Bild des fortschrittlichen und vorbildlichen Verkehrsmittels. Dabei sah es bisher so aus, als wäre der Siegeszug nicht aufzuhalten.

„In der Coronazeit zog der gesamte Fahrradverkauf extrem an, davon profitierten auch Lastenräder. Dazu gab es Förderungen durch die Politik“, sagt Robert Peschke, Chef von Little John Bikes, einem der größten Fahrradhändler Deutschlands. Doch nach dem Ende der Pandemie setzte nach seinen Worten eine Konsolidierung ein: „Der Absatz von Lastenrädern ging 2023 tendenziell stärker zurück als der von anderen Warengruppen und musste durch Kampagnen stimuliert werden“.

Nach den aktuellen Marktdaten des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) ist das gelungen. Mit einem Absatzplus von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr liege man über den Zahlen des restlichen Fahrradmarktes, hieß es vom Schwesterverband Zukunft Fahrrad. Der Lauf geht also vorerst weiter: Zwischen 2018 und 2023 stieg der Absatz in Deutschland von rund 60.000 auf über 235.000 pro Jahr - die Mehrheit davon mit Elektroantrieb.

Zum Saisonauftakt Anfang Februar schlug Anke Schäffner vom ZIV jedoch zunächst einen vorsichtigen Ton an: „Es kann durchaus passieren, dass wir noch die eine oder andere Insolvenz sehen werden in diesem Jahr. Ich würde aber nicht von einer Insolvenzwelle sprechen“.

Im Bereich der Lastenräder trübt auch der Bund das Bild: Ausgerechnet für diese Produktgruppe lief Ende Februar eine Bundesförderung aus. „Die Bundesregierung prüft derzeit, wie mit der Förderrichtlinie für Lastenräder weiter verfahren wird“, teilte das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) noch zur Monatsmitte mit. Konkret betraf dies einen Zuschuss von 25 Prozent der Anschaffungskosten, maximal 2500 Euro pro Rad.

Seit Beginn der Förderung im März 2021 waren bis dato laut BMWK bisher 11.700 Förderanträge eingegangen. Davon seien 10.636 mit einem Volumen von rund 15,6 Millionen Euro bewilligt worden. Allerdings hätten nur 7828 Antragsteller bisher ihr Geld erhalten, der tatsächliche Mittelabfluss liege mit rund 11,1 Millionen Euro entsprechend niedriger.

Bei Zukunft Fahrrad erwartet man jedoch, dass die ausgelaufene Lastenradförderung neu aufgelegt und ausgeweitet wird. „Grundsätzlich sind Lastenräder für den privaten und gewerblichen Transport aus dem Mobilitätsmix nicht mehr wegzudenken und werden ihren Siegeszug fortsetzen.“

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Und selbst wenn die Förderung nicht fortgesetzt wird, bleibt abzuwarten, ob der Preis für die Zielgruppe der entscheidende Faktor ist. Peschke sieht in den vergleichsweise hohen Preisen für Lastenräder durchaus einen Hemmfaktor. Auch generell seien Lastenräder ein Marktsegment, das „nur in den wirklich großen Städten“ mit einer Fahrradinfrastruktur eine Bedeutung habe. „In den allermeisten Regionen in Deutschland ist das ein absolutes Nischenprodukt und im Absatz nur mäßig interessant“, so Peschke.

Noch scheint der Fall Babboe den ZIV-Zahlen nach keine direkten Folgen für die hiesige Branche zu haben. In Deutschland hat im Zuge der Arbeitsteilung unter den Ländern die Regierung von Mittelfranken den Fall im Sinne der Marktbeobachtung übernommen. Von dort hieß es auf Anfrage: „Der Hersteller Babboe hat die mit der niederländischen Behörde NVWA abgestimmten Maßnahmen im gesamten europäischen Binnenmarkt umgesetzt.“ Man begleite den daraus resultierenden Rückruf in Deutschland, sehe aber keine Notwendigkeit für eigene Maßnahmen, wie gesonderte Prüfungen. Der Grund: Der Hersteller sei verpflichtet, die Ergebnisse der Niederländer weiterzugeben.

Viele deutsche Kundinnen und Kunden - vor allem solche, die ihre Kinder mit dem Lastenrad transportieren - dürften die Nachrichten aus dem Nachbarland aufmerksam verfolgt haben. Die NVWA wirft dem Hersteller vor, Meldungen über Rahmenbrüche bei Fahrrädern der Marke nicht ernst genommen und nicht wie gesetzlich vorgeschrieben verfolgt und gemeldet zu haben. Neben einem Verkaufsstopp für viele Modelle wurde auch ein Rückruf angeordnet.

Peschke sieht hierzulande jedoch Hürden bei der Umsetzung eines Rückrufs: „Die Fahrradbranche ist auf große Rückrufaktionen nicht professionell vorbereitet. Die Räder werden zwar insbesondere durch die Elektrifizierung technisch immer komplexer, weshalb wir wohl auch in Zukunft mehr Rückrufe sehen werden.“ Vor allem in kleineren Geschäften fehle es aber an einem Warenwirtschaftssystem, das schnell nachvollziehbar macht, wer welches Modell gekauft hat. „Und es gibt noch sehr viele solcher Einzelkämpfer in Deutschland.“

Auch bei Zukunft Fahrrad sieht man das Thema Service noch als Achillesferse für den wachsenden Erfolg von Lastenrädern. Viele Fachhändler, so ein Sprecher, bemühten sich bereits, den Service zu verbessern, etwa durch einen mobilen Pannendienst. Wie andere Branchen leide aber auch die Zweiradbranche unter dem Fachkräftemangel. Der Verband rät den Kunden, sich vor dem Kauf eines Lastenrades auch über die Wartung Gedanken zu machen: „Ein Lastenrad zu kaufen, ohne Gewissheit über den Service zu haben, ist keine gute Idee.“

Hilfe könnte allerdings von unerwarteter Seite kommen - aus der Automobilbranche. Dem Vernehmen nach geht der Trend bei Werkstätten und Autohäusern schon länger dahin, Lastenräder in ihr Verkaufs- und Servicesortiment aufzunehmen. Hintergrund sei die geringere Wartungsanfälligkeit von E-Autos, die Betriebe suchten daher nach neuen Geschäftsfeldern und stellten sich breiter auf.

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Transparenzhinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 20. Februar. Wir haben ihn aktualisiert und zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.

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