Lastenräder: Babboe-Rückruf: „Ich finde den Fall höchst bedauerlich“
Babboe-Schriftzug auf einem Lastenfahrrad auf der Fahrradmesse Velo Berlin.
Foto: imago imagesDie Rückrufaktion des Lastenrad-Riesen Babboe sorgt für Nervosität: Die Konsumentinnen und Konsumenten ließen sich offenbar schneller verunsichern als bei anderen Produkten, kommentiert der Branchenverband Zukunft Fahrrad. „Bei Autoherstellern gibt es ständig sicherheitsrelevante Rückrufe, ohne dass deshalb die Sicherheit von Autos generell infrage gestellt würde.“
Beim niederländischen Hersteller Babboe hatte die zuständige Marktaufsichtsbehörde NVWA einen Verkaufsstopp und einen Rückruf angeordnet. In anderen Ländern habe das Unternehmen eigenständig gehandelt, unterstreicht eine Sprecherin für Deutschland: „Die Sicherheit unserer Kunden hat für Babboe höchste Priorität“, hierzulande habe es keine behördliche Anordnung gegeben.
Doch der Imageschaden bleibt, fürchtet Arndt Graeve, Mitgründer des Lastenrad-Start-ups Ca Go. „Ich finde den Fall höchst bedauerlich, für uns und für die Branche.“ Er macht aber auch deutlich, dass kein Hersteller vor einzelnen Produktionsfehlern gefeit sei. Zum konkreten Fall sagt er: „Ich denke, es ist kein generelles Problem. Aber man muss sich klarmachen, dass Lastenräder anders beansprucht werden als normale Räder. Das sagt schon der Name.“ Darauf weist auch der Verband hin: Lastenräder hätten aufgrund der höheren Gewichtsbelastungen natürlich auch höhere Anforderungen an den Rahmen und die meisten Komponenten.
Angaben von Babboe zufolge ist für den angeordneten Rückruf ein Problem verantwortlich, das bereits 2019 bei einigen Modellen aufgetreten ist: „Bei starker Beanspruchung können Haarrisse im Rahmen entstehen, die im schlimmsten Fall zu einem Rahmenbruch führen können“, hieß es. Die niederländische Behörde NVWA hatte dem Hersteller vorgeworfen, zu lange nicht reagiert zu haben.
Graeve macht im Gespräch mit unserer Redaktion deutlich, dass man ohne professionelle Qualitätsprüfungen nie sicher sein könne. Beispielsweise sei eine schlechte Schweißnaht bei Aluminium von außen nicht erkennbar. Es lohne sich, Zehntausende Euro in die Hand zu nehmen, um das abzuklären, meint er. Eine gründliche Prüfung im Vorfeld sei immer billiger als ein Rückruf, egal ob freiwillig oder angeordnet: „Das ist eine einfache Rechnung.“
Grundsätzlich ist es für die Verwendung eines CE-Zeichens nicht notwendig, solche Prüfungen durchzuführen. Es kann aber schnell zu einer Haftungsfrage werden, wenn ein Problem auftritt und sich im Nachhinein herausstellt, dass die entsprechenden Normen nicht eingehalten wurden.
Aus Sicht von Zukunft Fahrrad ist der Fall Babboe kein Grund, an der Branche zu zweifeln: „Es gibt viele Hersteller von qualitativ sehr hochwertigen Lastenrädern, die keinerlei Rahmenprobleme haben.“ Das betont auch Graeve, nach dessen Kenntnis es sich um einen der ersten unfreiwilligen Rückrufe in der Fahrradindustrie handelt.
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Ziehen sich die Kunden nun zurück? Der Absatz von Lastenrädern sei nach einem Hoch während der Coronapandemie zuletzt bereits zurückgegangen, das spürten auch die Hersteller, heißt es bei Ca Go. Den Glauben an den Markt haben die Unternehmen aber nicht verloren. Graeve ist sich sicher, dass Lastenräder ein wichtiger Teil der Verkehrswende sein werden.
Ähnlich sieht es der große deutsche Hersteller Riese & Müller: Die Nachfrage sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. „Zum einen haben immer mehr Familien, Singles und Paare die Vorteile im Alltag für sich erkannt, zum anderen werden Cargo-Bikes auch zunehmend von Gewerbetreibenden für die Auslieferung von Waren oder in der Logistik für die letzte Meile genutzt.“ Auch die Babboe-Muttergesellschaft Accell sieht weiter „enormes Wachstumspotenzial“ im gesamten Fahrradmarkt.
Beim Verband gibt man sich dagegen zurückhaltend und verweist auf die neuen Marktdaten für 2023, die erst Mitte März vorgestellt werden. „Es gibt krisenbedingt eine deutliche Stagnation“, kommentierte der Branchenverband bereits im Vorfeld. Derzeit erwarte man aber, dass die Ende Februar ausgelaufene Lastenradförderung des Bundes bald neu aufgelegt und ausgeweitet werde. „Grundsätzlich sind Lastenräder für den privaten und gewerblichen Transport aus dem Mobilitätsmix nicht mehr wegzudenken und werden ihren Siegeszug fortsetzen.“
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