Mehr Erfolg mit Englisch: Welcome to the Office of Poetry!
Dass die Mehrzahl im Englischen eine ganz eigene Sache ist, zeigt ein Satz wie The team are ready. „Are?“, werden Sie vielleicht fragen. Die Form ist nicht nur korrekt, sondern Standard. Wie auch bei The staff are messy. The committee are corrupt. Oder: The orchestra are out of tune. Der Plural gilt, solange man über die Eigenschaften der Personen in der Gruppe spricht, statt über die Gruppe als Ganzes. Erst dann steht der Satz im vertrauten Singular: The team is ready, the staff is messy and so on.
Nach dieser Logik kann man auch sagen, dass die Mehrzahl im Englischen eine ganz eigene Sache sind. Schließlich verbirgt sich dahinter noch mehr Abwechslung und Spaß – und davon nicht zu wenig für den mehrsprachigen Büroalltag. Die Rede ist von einem Sprachspiel, das zwar mehr als 500 Jahre alt, aber nicht aus der Mode ist!
Das Spiel besteht darin, die treffendste Bezeichnung für eine Gruppe von Menschen, Dingen oder Tieren zu finden. Was das ist, richtet sich nach Anlass und Umstand sowie der Stimmung und nicht zuletzt dem Humor der Beteiligten, kurz und wie immer: nach dem Kontext. Jeder kennt und sagt zum Beispiel a board of directors, a panel of speakers oder a team of colleagues. Stattdessen könnte man die drei Gruppen auch als „Chor“ bezeichnen: a choir of directors, a choir of speakers oder a choir of colleagues. Dann stellen sich auf einmal Fragen: Singen sie dasselbe und sind sie sich einig – are they singing from the same hymn sheet? Und wäre das gut oder schlecht?
Die Gruppenbezeichnung des „Chors“ ist rätselhaft, weil sie bildhafter ist als board oder panel und weil ihr auf einer übertragenen Ebene eine symbolische oder ironische Bedeutung innewohnen könnte. Damit ist sie eine von unzähligen Möglichkeiten, die Alltagssprache fantasievoller zu machen, mit Wortbildern und ein bisschen Poesie: a herd of individualists, an inflation of influencers, an army of consultants – ganz zu schweigen von a collective of capitalists, a company of communists oder a party of misanthropes.
Selbstverständlich können Gruppenbezeichnungen auch in der deutschen Sprache Anspielungen und Doppeldeutigkeiten enthalten. Wenn ich nur an den Film „Die Meute“ von Herlinde Koelbl denke – gemeint waren damals wir, die Journalists! Auch könnte man im Deutschen vom „Chor der Kollegen und Kolleginnen“, einem „Kollektiv von Kapitalisten“ sprechen – oder vom „Berg der Schulden“ – a mountain of debt – und einer „Lawine voller Probleme“ – an avalanche of problems. Dennoch lässt die englische Sprache sehr viel mehr Spielraum, wie alleine die Übersetzung „ein Unternehmen/eine Unternehmung Kommunisten“ zeigt. Selbst in den Supermärkten oder auf den Speisekarten der englischsprachigen Welt wird das Spiel gespielt, wo hands of bananas angeboten oder Mahlzeiten mit a drizzle of lentils garniert werden. Wir kennen weder eine „Hand voller Bananen“ noch einen „Nieselregen der Linsen“. Dasselbe gilt für Shakespeares „Comedy of Errors“ und unzählige andere Beispiele, die sich im Englischen sehr leicht bilden lassen, während sie im Deutschen aufgesetzt, konfus oder schlicht sinnentleert wären: a bag of shoppers, a ring of jewellers, a buttonhole of lobbyists, a done deal of agents, a barrel of wine lovers, a rusty bench of risk managers, a joint of drug dealers, a plot of playwrights.
Entstanden war das Sprachspiel – selbstverständlich noch nicht mit Drogendealern und Risikomanagern – am Ende des Mittelalters. Damals galten Gruppenbezeichnungen für Tiere als unerlässlich für Jäger – und für den Mann von Welt. Zu diesem uralten Repertoire zählen Klassiker wie a pride of lions (wenngleich zu dieser Zeit wenige Löwen gejagt wurden), a murder of crows oder a gaggle of geese. Was in der langweiligen technischen Sprache von heute group nouns oder collective nouns sind, waren ursprünglich Terms of Venery, also Sammelbegriffe der Jagd. Diese kann man bis heute missverstehen, da „venery“ auch den sexuellen Akt beschreibt. Es ging also von Anfang auch um einen versteckten Witz: absichtliche Missverständnisse und Provokationen aller Art.
Dass sie 1486 im „Book of Saint Albans“ ausgerechnet von einer Klosterdame aufgeschrieben worden sein sollen, ist bemerkenswert, aber tut hier nichts zur Sache. Noch bemerkenswerter ist aus heutiger Sicht, dass es mit James Lipton ein US-Amerikaner war, der dieser uralten englischsprachlichen Tradition 1968 ein noch immer lesenswertes Buch gewidmet hat: „An Exaltation of Larks“! Der Titel ist ein weiteres uraltes Beispiel: Er beschreibt ein äußerst freudiges, beinahe orgastisches Zusammentreffen von Lerchen. Lipton war der Erfinder und Moderator der Fernsehsendung „Inside des Actors Studio“, ein Karussell von großen und kleinen Berühmtheiten und Bühnentalenten – er selbst hat etwa den Schauspieler Bradley Cooper entdeckt.
Lipton – der an einer Stelle a parliament of owls zu seinem Liebling erklärt, während es für den Kolumnisten a kaleidoscope of butterflies ist – hat in seinem Buch insgesamt 1100 Gruppenbezeichnungen zusammengetragen. Viele davon sind auf dem, ich möchte sage, Mist seiner Gedanken gewachsen. Er hat sie in allen möglichen Kategorien und für alle möglichen Gruppen erfunden – immer nach der Regel, dass es keine Regel gibt, aber den Anspruch, dass die vorangestellte Bezeichnung eine doppelte Bedeutung mit sich bringen sollte:
- Wirtschaft: a column of accountants, a commission of brokers, a siege of investment bankers, a burnout of Vice Presidents, a golden parachute of CEO‘s, a recession of economists, a crisis of middle-managers, a persistence of insurance salesmen, a tumult of traders.
- Journalismus und Medien: a click of photographers, a pan of food critics, a scoop of reporters.
- Auf Reisen: an odyssey of luggage. Und scheinbar für die Deutsche Bahn: a tragedy of railroad schedules.
Gleichzeitig hat uns James Lipton alle dazu ermutigt, selbst zu dichten! Der deutsch-englische Kolumnist fängt schon mal an: a revolution of sozialversicherungspflichtig Angestellte, a startup of GenZ‘s, an angst of Germans...
Unser Kolumnist ist u. a. Autor des Bestsellers „Hello in the Round! Der Trouble mit unserem Englisch und wie man ihn shootet“. Das Buch ist bei C.H. Beck erschienen.
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