„Tiefgreifende strukturelle Probleme“: Der Druck auf europäische Unternehmen in China wächst rasant
Jens Eskelund, der Präsident der EU-Handelskammer in China, spricht bei einer Pressekonferenz.
Foto: dpaWenn Jens Eskelund, der Chef der EU-Handelskammer in Peking, über den Stand der Beziehungen zwischen der EU und China spricht, klingt das fast wie ein Termin beim Paartherapeuten: „Wir müssen uns hinsetzen, einander zuhören und dann sehen, ob wir unsere Differenzen ausräumen können. Und wir müssen es schaffen, denn es wäre einfach falsch, keine Lösungen zu finden“, sagte Eskelund am Freitag bei der Vorstellung der diesjährigen Geschäftsklimaumfrage unter den Kammermitgliedern. Der Satz macht es deutlich: Die Stimmung der EU-Firmen in China ist alles andere als gut.
Noch vor einem Jahr strotzten die Unternehmen vor Optimismus. Nach den harten Corona-Jahren waren sie überzeugt, dass mit dem Ende der Pandemie in China ein gewaltiger Aufschwung einsetzen würde. Doch weit gefehlt. Die chinesische Wirtschaft stottert, die Spannungen zwischen Brüssel und Peking nehmen zu und die chinesischen Konkurrenten werden immer besser. Diese Gemengelage hat dazu geführt, dass sich die Stimmung der Unternehmen innerhalb von zwölf Monaten praktisch um 180 Grad gedreht hat.
23 Prozent der befragten Unternehmen beurteilen ihre Wachstumsaussichten für die kommenden zwei Jahre pessimistisch – so viele wie noch nie. In der Vorjahresumfrage hatten sich nur 9 Prozent pessimistisch geäußert. Die Zahl der Unternehmen, die ihre Wachstumsaussichten positiv einschätzen, ist dagegen von 55 Prozent im Vorjahr auf 32 Prozent und damit auf einen Tiefststand gesunken.
Das vergangene Jahr sei für die europäischen Unternehmen in der Volksrepublik von „wachsender Unsicherheit“ geprägt gewesen, so die EU-Kammer. Zwar habe die Öffnung Chinas nach der Pandemie zunächst ein „Gefühl des Optimismus“ ausgelöst. „Tiefgreifende strukturelle Probleme“ wie die schwache Binnennachfrage, die hohe Verschuldung der Lokalregierungen und anhaltende Herausforderungen im Immobiliensektor hätten die Aussichten jedoch schnell wieder eingetrübt. Das Vertrauen der Unternehmen sei zudem durch widersprüchliche Botschaften der chinesischen Regierung weiter geschwächt worden.
Stimmung in China: neues Rekordtief
Die schlechte Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Umfrageergebnisse. So sehen nur noch 15 beziehungsweise 12 Prozent der Befragten China als Top-Destination für aktuelle und zukünftige Investitionen. Das ist der bisher niedrigste Wert. Mehr als zwei Drittel der Befragten (68 Prozent, +4 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr) geben an, dass die Geschäftstätigkeit in China im Jahr 2024 schwieriger werden wird. Dies ist der höchste jemals gemessene Anteil.
Nur noch sechs Prozent gaben an, dass es einfacher geworden sei. Noch 42 Prozent der Unternehmen wollen im nächsten Jahr ihre derzeitigen Aktivitäten in China ausbauen, ebenfalls ein Rekordtief (-6 Prozentpunkte im Vorjahresvergleich). Noch rund zwei Fünftel der Befragten (39 Prozent, -2 Prozentpunkte im Vorjahresvergleich) berichten von Umsatzsteigerungen im Jahr 2023, ebenfalls ein Rekordtief. Mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent, +11 Prozentpunkte im Vorjahresvergleich) plant Kostensenkungen, ein Viertel davon durch Personalabbau, was den Druck auf den ohnehin angespannten Arbeitsmarkt weiter erhöhen wird.
Als mit Abstand größte Sorge nannten die Unternehmen in diesem Jahr die Schwäche des chinesischen Marktes. Aber die chinesische Wirtschaft sei doch nach offiziellen Zahlen im ersten Quartal mit 5,3 Prozent sogar stärker gewachsen als erwartet, merkte ein Journalist eines chinesischen Staatsmediums bei Eskelunds Präsentation am Freitag an. Der Kammerchef hatte darauf eine klare Antwort. Die Kammermitglieder würden sich weniger auf Wachstumszahlen wie vier, fünf, sieben oder acht Prozent konzentrieren. Wichtiger sei ihnen die Zusammensetzung des BIP-Wachstums. Wenn das Wachstum vor allem durch Investitionen in zusätzliche Produktionskapazitäten erzielt werde, für die es keine Nachfrage gebe, sei das nicht gut für die Unternehmen. Positiv sei vielmehr ein Wachstum, das vor allem durch steigenden Konsum getrieben werde. Die Kammer wünscht sich in China einen „stärkeren Fokus auf den Konsum“ als Motor der chinesischen Wirtschaft.
Unternehmen in China: Angst vor Überkapazitäten
Was die Unternehmen aber zunehmend sehen, sind Überkapazitäten. Insgesamt beobachteten 36 Prozent der Befragten von Überkapazitäten in ihrer jeweiligen Branche. Weitere zehn Prozent erwarten diese in naher Zukunft. Der höchste Anteil der Befragten (69 Prozent) meldete Überkapazitäten im Baugewerbe. Den zweithöchsten Anteil verzeichnet die Automobilindustrie mit 62 Prozent.
Drei Fünftel der Befragten, die von Überkapazitäten in ihrer Branche berichteten, nannten zu hohe Investitionen in die heimische Produktion als Hauptursache für die Probleme. Aber auch eine zu geringe Nachfrage sowohl auf dem chinesischen Markt als auch auf dem Weltmarkt wurde als Grund genannt.
Eskelund erinnerte daran, dass das, was man jetzt etwa bei Elektroautos sehe, für China kein neues Phänomen sei. Bereits in der Vergangenheit sei es häufiger vorgekommen, dass die chinesische Regierung bestimmte Industrien zu Prioritäten erklärt habe. Daraufhin seien alle Unternehmen in diesen Bereich geströmt und hätten massiv investiert. Dies habe regelmäßig zu enormen Überkapazitäten geführt, da die Nachfrage nicht mit dem Angebot mithalten konnte. In der Folge seien die Preise eingebrochen und viele Unternehmen hätten Verluste gemacht. Eine solche Politik der Förderung einzelner Sektoren berge daher die Gefahr massiver Ressourcenverschwendung, resümiert er.
Mit dieser Analyse liegt er auf einer Linie mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie hatte erst am Montag vor einem Treffen mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in Paris deutlich gemacht, dass die EU die derzeitigen Subventions- und Handelspraktiken Chinas nicht länger tolerieren werde. Aufgrund der schwachen Binnennachfrage produziere China derzeit mit massiven Subventionen mehr, als es verkaufe, argumentierte von der Leyen.
Laut Eskelund sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und China so tief und komplex, dass beide Seiten auf jeden Fall zusammenarbeiten sollten. Allerdings müsse das gegenseitige Vertrauen erst wieder aufgebaut werden. Die russische Invasion in der Ukraine habe die Wahrnehmung Chinas in Europa stark beeinflusst, da nicht klar sei, wo China in dieser Frage stehe. Es sei wichtig, bestehende Differenzen zwischen Europa und China, wie das wachsende Handelsbilanzdefizit Europas gegenüber China, anzusprechen und zu lösen. Andernfalls würden die Handelsspannungen zunehmen, was beiden Seiten schaden würde.
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