Riedls Dax-Radar: Die nächste Phase der Börsenrally hat begonnen
Mit zahlreichen Kaufsignalen beenden die weltweiten Börsen die im April eingeleitete Korrektur. Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq 100 überwinden ihre kurzfristigen Abwärtstrends, in die sie in der Korrekturphase der vergangenen Wochen geraten waren. In Europa hat der marktbreite Stoxx 600, in dem neben den EU-Titeln auch britische und Schweizer Aktien stecken, neue Höhen erreichen – ebenso wie der Dax, der sein altes Top um 18.500 Zähler ausgerechnet am Feiertag Christi Himmelfahrt um gut 200 Punkte übertroffen hat.
Motor der jüngsten Kurserholung ist zuallererst der amerikanische Bondmarkt. Hier hatte es Ende April eine Vorentscheidung gegeben, als die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen nach starken Wirtschaftsdaten noch einmal bis auf 4,73 Prozent hochschnellte, dann aber dennoch nach unten drehte und bis auf 4,5 Prozent abtauchte.
Diese Zinsentspannung ist für die Aktienbörsen besonders wichtig. Zum einen stützt dies die Hoffnung, dass die Anleihezinsen doch längere Zeit unter dem letztjährigen Hoch bei fünf Prozent bleiben. Zum anderen ist es eine Indikation dafür, dass die US-Notenbank Fed in der zweiten Hälfte dieses Jahres ihren Zinssenkungsprozess einleitet. Dass es am Währungsmarkt zu einer analogen Entwicklung gekommen ist und der Dollar-Index (in dem der Greenback gegen sechs zentrale Weltwährungen gerechnet wird) seit Anfang Mai nachgibt, ist dafür eine Bestätigung.
Zweiter fundamentaler Grund der Hausse ist die wiedererwachte Stärke Chinas. Die ist, nach enttäuschten Wachstumshoffnungen, schweren Immobilienturbulenzen und geopolitischen Ängsten nirgends so gut abzulesen wie am zentralen Aktienindex Shanghai Composite. Der hatte 2021 ein Top gebildet, ging 2022/23 in eine hektische Seitwärtsphase über und Anfang 2024 kam es zu einem Ausverkauf bis zum Coronatief bei 2700 Punkten. Seitdem aber hat der Shanghai-Index, gestützt und angeschoben von politischem Rückenwind, aus dem Stand wieder nach oben gedreht. Zwischen 3000 und 3100 Punkten gab es zunächst eine Konsolidierung – und nun durch den Ausbruch über 3100 Punkten ein vielversprechendes Kaufsignal. Mittelfristig sollte zumindest wieder die Zone um 3400 Punkten das Ziel sein.
Ein Comeback der chinesischen Wirtschaft ist für den Dax essenziell, weil die meisten Branchen, von Chemie bis Automobile, hier deutlich zweistellige Prozentanteile ihres Umsatzes erwirtschaften.
Henkel mit reichlich Nachholbedarf zu Beiersdorf
Positiv überraschen konnte zuletzt Henkel. Nach langer Unsicherheit ist es dem Düsseldorfer Konsumchemiker gelungen, im ersten Quartal besser abzuschneiden als erwartet: Der Umsatz kletterte organisch (bereinigt um Wechselkurse und Unternehmenskäufe sowie Verkäufe) um drei Prozent auf 5,3 Milliarden Euro, für das Geschäftsjahr 2024 wird das mögliche Wachstum auf bis zu 4,5 Prozent angehoben. Beim Gewinn je Aktie gehen die Erwartungen auf bis zu 25 Prozent plus.
Positiv verlief in den vergangenen Monaten die Entwicklung der verkauften Mengen. Sie gingen vor einem Jahr noch um 5,4 Prozent zurück, nun ist das Minus auf 0,4 Prozent eingegrenzt. Das hat zwar auch mit dem Basiseffekt zu tun, zeigt aber dennoch eine Stabilisierung. Mit 3,4 Prozent sind die durchgesetzten Preissteigerungen zwar deutlich geringer als im vergangenen Jahr, angesichts der allgemein gesunkenen Inflationsraten ist das nicht verwunderlich.
Henkel-Aktien verlaufen seit 2022 in einer moderaten Aufwärtsbewegung. Mit der jüngsten Prognoseheraufsetzung ist der Sprung über die Hürde bei 75 Euro gelungen. Nachdem Konkurrent Beiersdorf schon seit zwei Jahren zu den stärksten Titeln im Dax gehört, hat Henkel Nachholbedarf. Die Bewertung ist vertretbar, das nächste mittel- bis langfristige Kursziel liegt bei knapp 100 Euro.
Siemens Energy hat wieder Wind im Rücken
Im Gegensatz zu den letztjährigen Enttäuschungen kann der Energietechniker Siemens Energy seine Prognosen nun auch einmal anheben. Gründe dafür sind ein starkes Netzgeschäft und die fortschreitende Sanierung des angeschlagenen Windanlagen-Ablegers Siemens Gamesa. Der schreibt zwar nach wie vor rote Zahlen, aber eben nicht mehr so hoch, wie bisher befürchtet.
Besonders eindrucksvoll ist die Wende bei den Ertragszahlen von Siemens Energy. Noch vor einem Jahr standen nach der halben Saison 787 Millionen Euro Minus zu Buche, jetzt ist es ein Plus von 1,7 Milliarden. Mit diesem Ergebnis hat Siemens Energy im Gegensatz zur pessimistischen Stimmung der vergangenen Monate sein Comeback offensichtlich geschafft. Dass die Schätzungen der Banken für das aktuelle Geschäftsjahr (bis September 2024) insgesamt nur von einem Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro ausgingen, zeigt das Ausmaß des positiven Swing.
Nachdem sich Aktien von Siemens Energy binnen sechs Monaten verdoppelt haben, steckt vom Turnaround schon reichlich in den Kursen. Spätestens bei etwa 25 Euro, dem Hoch des vergangenen Jahres, sollte es eine Kurspause geben. Danach könnte die Spanne zwischen 20 und 25 Euro zur neuen Einstiegszone werden.
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Infineon: Hoffnung auf eine bessere Saison 2025
Mit einem Kurssprung regiert die Infineon-Aktie auf die jüngsten Zahlen zur Mitte des laufenden Geschäftsjahres, das bis Ende September 2024 geht. Wegen abschwächender Nachfrage im Kerngeschäft Chips für Autos sowie Leistungshalbleiter für die Energiebranche dürfte der Umsatz in diesem Jahr wahrscheinlich nicht viel mehr als 15 Milliarden Euro erreichen, eine halbe Milliarde weniger als bisher erwartet.
Dazu wird es nach nur 981 Millionen Euro Nettogewinn in der ersten Hälfte der laufenden Saison schwer werden, die bisherigen Analysten-Prognosen von bis zu 2,5 Milliarden Euro zu erreichen. Und wenn jetzt Sparmaßnahmen eingeleitet werden, könnte dies kurzfristig auch noch die Kosten zusätzlich erhöhen. 2024 bleibt ein Übergangsjahr.
Die jüngsten Kursaufschläge an der Börsen sind ein Zeichen von Hoffnung, dass der Tiefpunkt bei Infineon erreicht sein könnte und 2025 dann die Erholung ansteht. Das ist durchaus möglich, nur zeigt eben die aktuelle Prognosekürzung, dass sich dieser Prozess länger hinziehen kann als erwartet. Auch wenn Infineon-Aktien nun erst einmal die letztjährigen Höhen um 38 Euro anlaufen, sollten Infineon bei der Vorlage der nächsten Zahlen nicht wieder mit einer Prognosekürzung dazwischenfunken.
Dämpfer für BMW, Zittern bei Continental
Einen Rückschlag müssen BMW-Aktien verkraften. Zwar konnten die Bayern im ersten Quartal vor allem dank guter Verkäufe teurer Modell den Umsatz mit 36,6 Milliarden Euro in etwa halten, doch die operative Marge des Gewinns vor Zinsen und Steuern (Ebit) fiel mit 8,8 Prozent schwächer aus als erwartet. Das zeigt, wie sehr sich der Aufwand für den umfangreichen Start der neuen elektrischen Modellgeneration, der für 2025 geplant ist, finanziell bemerkbar macht. Dazu kommen hohe Kosten für IT-Projekte und Personal.
Vorteil für die Aktie: Durch die deutliche Kurskorrektur, die BMW-Stammanteile seit Anfang April schon absolviert haben, dürfte die Enttäuschung der schwächeren Ebit-Marge weitgehend verarbeitet sein. Selbst wenn die Gewinnaussichten ein Stück zurückgenommen werden, ist die Aktie günstig und rentabel genug, um mittelfristig den nächsten Anlauf zu starten. Basis dafür ist der Kursbereich um 100 Euro, den BMW-Anteile kurzfristig nun allerdings halten sollten.
Bei Continental hält die Enttäuschung an. Im ersten Quartal ging der Umsatz um fünf Prozent auf 9,8 Milliarden Euro zurück, netto rutschte das Unternehmen mit 53 Millionen Euro sogar in die roten Zahlen. Schon in den vergangenen Quartalen war die Entwicklung bei Conti eher mager – und nun ist wieder kein Ende der Durststrecke in Sicht.
Frustrierend für Aktionäre ist vor allem das schwache Abschneiden im zentralen Autozuliefergeschäft, in dem nach bisher mageren Gewinnen nun vor Zinsen und Steuern nun 205 Millionen Euro Minus entstanden. Selbst der wichtigste Gewinnbringer von Conti, die Reifen, konnten das trotz eines Ebits von 386 Millionen Euro in der Konzernrechnung nicht mehr ausgleichen. Profitabel, aber auch etwas nachgebend, ist die kleinere Sparte Contitech (Bänder, Dichtungen), die aber von der Rendite weit unter der Premiumsparte Reifen rangiert.
Immerhin, teuer sind Conti-Aktien nicht mehr. Bei rund 40 Milliarden Euro möglichem Jahresumsatz machen 12 Milliarden Euro Börsenwert gerade einmal das 0,3-Fache aus. Als rentabler Autozulieferer könnte Conti leicht eine doppelt so hohe Bewertung auf die Waage bringen. Damit besteht die Chance, dass die Aktie im Bereich des letztjährigen Tiefs um 58 bis 60 Euro wieder Boden findet. Allerdings dürfte das eine Zitterpartie bleiben, denn aus dem Schneider sind die Hannoveraner an der Börse erst, wenn die Aktie die Zone 75 bis 78 Euro nach oben nachhaltig hinter sich lässt.
Fazit für den Dax: Die Hoffnung auf eine Entspannung an den Zinsmärkten und auf eine Konjunktur, die besser läuft als noch vor wenigen Wochen befürchtet, stimuliert die Aktienmärkte. Die hohe Dynamik, mit der die Dax-Notierungen durch das bisherige Hoch um 18.500 Punkte drängen, ist ein Zeichen von Marktstärke. Die großen internationalen Aktienmärkte ziehen ebenfalls an, eine wichtige Bestätigung.
Nach einer Korrektur, die mit vier Wochen etwas knapp ausgefallen ist, dürfte der Dax seinen Rekordlauf fortsetzen. Kurzfristig wäre eine Bestätigung des Break-Niveaus um 18.500 Punkten nicht verwunderlich, neue Käufer aber sollten den Markt dann von da aus wieder nach oben drehen lassen. Ein Rückfall unter 18.500 wäre ein Warnsignal, ein Rutsch unter 17.700 sogar gefährlich. Die jüngste Marktstärke aber spricht nicht für eine weitere Zitterpartie, sondern dafür, dass der Dax jetzt erst einmal eine neue Phase seiner langen Hausse begonnen hat.
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