Remote-Arbeit: Von wegen Rückkehr ins Büro: So stark hat sich das Homeoffice etabliert
Drei verpflichtende Tage pro Woche im Büro: Diese Ansage gab es Anfang des Jahres von SAP-Chef Christian Klein. Regelmäßige Büropräsenz trage entscheidend dazu bei, neue Ideen zu generieren und so den Wettbewerbsvorteil zu sichern, hieß es in einem internen Schreiben.
Dabei erfreut sich die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, vier Jahre nach dem Ausnahmezustand durch die Coronapandemie immer noch großer Beliebtheit. Mehr noch: Sie steigt sogar weiter an, wie aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervorgeht.
Der Anteil an Online-Stellenanzeigen mit Homeoffice-Option hat sich demnach seit 2019 verfünffacht. Im vergangenen Jahr lag die Quote im Durchschnitt bei 18 Prozent. Auf Monatsbasis überstieg der Wert die 18 Prozent zuletzt sogar.
In 82 Prozent der Firmen der Informationswirtschaft arbeiten Beschäftigte mindestens einmal wöchentlich zu Hause, wie aus einer aktuellen Umfrage des Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW hervorgeht. Im verarbeitenden Gewerbe, das stärker ortsgebunden ist, sind es 48 Prozent. Der Anteil der Unternehmen, die ihren Beschäftigten mindestens einen Homeoffice-Tag pro Woche ermöglichen, verharrt laut ZEW auf einem konstant hohen Niveau. Die Wissenschaftler sehen aktuell keine Anzeichen für eine Abkehr.
Der Trend hält also an. Dabei hat nicht nur SAP eine Ansage gemacht, die auf die kollektive Rückkehr ins Büro abzielt. Auch die Deutsche Bank und der Medienkonzern Axel Springer waren jüngst Beispiele, die ihren Mitarbeitern ein Comeback verordneten – zumindest teilweise. Doch allen Unkenrufen aus den Vorstandsetagen zum Trotz bleibt das Homeoffice beliebt.
Ein Blick auf Onlineversandhändler Amazon zeigt, es geht auch ganz anders. Wie der „Business Insider“ berichtet, hat der Konzern seine Maßnahmen zur Kontrolle der Anwesenheitspflicht der Mitarbeiter verstärkt. Künftig müssen die Angestellten zwei Stunden pro Tag im Büro anwesend sein, um die Anwesenheitspflicht zu erfüllen. Für einige Teams gebe es laut dem Bericht sogar eine Mindestanwesenheitspflicht von sechs Stunden pro Tag. Anschließend könne aus den eigenen vier Wänden weitergearbeitet werden.
Argument im Kampf um Fachkräfte
Doch die meisten Arbeitgeber scheinen es weiterhin für notwendig zu halten, Remote-Arbeit anzubieten. „Homeoffice hat sich in vielen Branchen nicht nur etabliert. Es wird zum wichtigen Argument im Kampf um die Fachkräfte“, sagt Gunvald Herdin, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. Innerhalb des Wachstumstrends zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede je nach Region und Branche.
Fast schon Standard ist das Heimarbeits-Angebot in IT-Stellenangeboten. Unter den zehn Berufen mit der höchsten Homeoffice-Quote sind allein sieben aus dem Bereich Software und IT. Im Jahr 2023 kamen in fast zwei Drittel aller Stellenangebote für Experten in der IT-Anwendungsberatung Remote-Optionen vor.
Dass Unternehmen in den vergangenen zwölf bis 18 Monaten etwas zurückhaltender eingestellt haben, auch in der IT, hat den Trend offensichtlich nicht gestoppt. „Die Fachkräftelücke in der IT ist nach wie vor erheblich“, sagt Herdin. „Ob die 40 Prozent, die ITler suchen und Homeoffice nicht als Option anbieten, noch Bewerberinnen und Bewerber auf ihre Stellen haben, kann ich natürlich schwer sagen. Meine Vermutung wäre aber, dass es die Personalsuche jedenfalls nicht einfacher macht.“
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Noch mehr Heimarbeit ist jedenfalls nur einer Berufsgruppe vorbehalten: Fremdsprachenlehrern. „Dies ist vermutlich in der Vielzahl von virtuellen Kursangeboten begründet“, sagt Herdin. Am anderen Ende der Skala rangieren Handwerksberufe von der Fleischverarbeitung (0,2 Prozent) über die Lebensmittelherstellung (0,3 Prozent) und den Metallbau (0,4 Prozent), in denen die Präsenz vor Ort an den Maschinen unumgänglich ist.
Aber nicht nur die Berufsgruppe an sich ist entscheidend. Wie oft jemand seine Aufgaben zu Hause erledigen darf, hängt stark von der Stellung und dem Anforderungsprofil innerhalb einer Berufsgruppe ab. So ist der Homeoffice-Anteil für Hilfsjobs zwischen 2019 und 2023 nur leicht angestiegen, von gut einem Prozent auf drei. Stellenangebote für Experten weisen die Option inzwischen in fast einem Drittel der Fälle auf, eine Verfünffachung seit 2019.
Ländlicher Raum bietet wenig Homeoffice – könnte aber profitieren
Ein deutliches Gefälle sieht die Bertelsmann Stiftung, die insgesamt 55 Millionen Online-Stellenanzeigen ausgewertet hat, auch zwischen Stadt und Land. Der Hintergrund: In den Ballungsräumen haben sich mehr Unternehmen angesiedelt, die ihren Mitarbeitern Beschäftigung im Homeoffice anbieten. In Großstädten liegt die Quote den Daten zufolge bei rund 26 Prozent. Extrem wenig Freiheit, in den eigenen vier Wänden zu arbeiten, bieten Firmen in dünn besiedelten Kreisen an (9 Prozent).
Dennoch sieht Herdin „eine Chance für ländliche Räume, Menschen in der Region zu binden oder zurückzugewinnen“, weil eben immer weniger Menschen für ihren Job in Ballungsgebiete ziehen müssten.
Die absolute Homeoffice-Hauptstadt ist Düsseldorf. Der Heimarbeits-Anteil in der NRW-Landeshauptstadt lag 2023 bei 34 Prozent, dicht gefolgt von Frankfurt am Main und Stuttgart. Etwas überraschend: Berlin liegt mit gut fünf Prozentpunkten Abstand nur auf Platz zehn der Städte mit dem größten Homeoffice-Angebot. Am Springer-Konzern liegt das nicht. Noch bietet der in seinen Stellenausschreibungen Homeoffice an.
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Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im 19. Juni 2024. Wir haben ihn aktualisiert und zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.