Neuer Zensus: Deutschland hat viel weniger Einwohner als gedacht
Deutschland hat weniger Einwohner als lange angenommen. Bislang gingen die Statistiker – und mit ihnen alle anderen – davon aus, dass derzeit gut 84 Millionen Menschen in Deutschland wohnen. Nun zeigt sich jedoch, dass diese Zahl zu hoch gegriffen war – und das deutlich. Demnach leben nur 82,7 Millionen Menschen in Deutschland, 1,4 Millionen weniger als gedacht.
Die überraschenden neuen Daten stammen ebenfalls von Deutschlands obersten Statistikern, dem Statistischen Bundesamt (Destatis), allerdings aus einer anderen Erhebung. Datenquelle ist jetzt der neueste Zensus, also die größte Bevölkerungsumfrage Deutschlands, die im Frühsommer 2022 durchgeführt wurde.
Die Zahlen stellen den Stand zum Stichtag 15. Mai 2022 dar. Die heutige Einwohnerzahl dürfte wiederum etwas höher liegen, weil es in der Zwischenzeit noch Zuwanderung gab, vor allem aus Krisengebieten.
Eine Million weniger Ausländer
Obwohl die Erhebung in eine „unruhige Zeit“ falle, drei Monate nach der Invasion in der Ukraine, sei er doch verlässlicher als andere Quellen, betonte Destatis-Chefin Ruth Brand bei der Vorstellung der Ergebnisse. Denn der Zensus als Umfrage zeige genau den Stand zum Stichtag, während etwa Meldungen bei Ämtern oft erst Monate verzögert auftauchten.
Auffällig ist, dass der Unterschied zwischen den beiden Bevölkerungsangaben vor allem bei einer Gruppe zum Tragen kommt: den Ausländern. Demnach gab es laut Zensus zum Stichtag etwa 10,9 Millionen Ausländer in Deutschland – und damit eine Million weniger als gedacht. Damit machen die Ausländer mehr als 70 Prozent der Diskrepanz aus.
Über die Gründe möchten sich die Statistiker nicht äußern, sie sehen sich als reine Überbringer von Fakten. Einen Erklärungsansatz wagt Thomas Gößl vom Statistischen Landesamt Bayern.
Demnach gab es schon beim letzten Zensus 2011 deutliche Abweichungen. Denen sei man damals auf den Grund gegangen und habe folgenden Ansatz gefunden: Viele Auswanderer gingen irgendwann zurück in ihre Heimatländer, oft etwa zum Zeitpunkt des Ruhestands. Oft meldeten sie sich jedoch nicht bei den Behörden ab und würden deshalb weiter in den Statistiken geführt. Zudem gebe es durch die aktuellen Fluchtbewegungen eine besonders hohe Mobilität.
Regional gibt es den neuen Zensus-Daten zufolge große Unterschiede bei der Bevölkerungsentwicklung. Demnach leben in Köln fast sechs Prozent weniger Menschen als gedacht, währen in Bremen und Dortmund mehr Menschen leben.
Die Statistischen Landesämter werden die Zensus-Ergebnisse nun als Grundlage nutzen, um die amtliche Einwohnerzahl neu zu berechnen. Auf deren Grundlage wiederum dürften neue Verteilungsdiskussionen beginnen, sind doch die Einwohnerzahlen etwa die Grundlage dafür, wo Schulen gebaut oder Schwimmbäder geschlossen werden – oder wer wie stark vom Länderfinanzausgleich profitiert.
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