Protest bei Mercedes: „Ich bin Mercedes. Jeden Tag“? Von wegen!
Flaggen der IG-Metall sind bei einer Kundgebung im Rahmen eines bundesweiten Aktionstages für die Zukunft der Beschäftigten der Mercedes-Benz Niederlassungen vor dem dem Berliner Mercedes-Benz-Niederlassungscenter zu sehen.
Foto: Christoph Soeder/dpaWenn Ergun Lümali es will, dann stehen bei Mercedes-Benz die Produktionsbänder. Und am Dienstag wollte der Gesamtbetriebsratschef es. Zumindest für rund 1,5 Stunden.
Denn Mercedes-Benz plant den Verkauf der rund 80 eigenen Niederlassungen, wovon etwa 8000 Beschäftigte bundesweit betroffen sind. Gemeinsam mit der Gewerkschaft IG Metall hatte er daher für Dienstag zu Protesten aufgerufen. Unter dem Motto „Wir halten zusammen am 2. Juli und jeden Tag“ fanden Kundgebungen an sechs Standorten statt: In Stuttgart-Untertürkheim, Sindelfingen, Rastatt, Bremen, Düsseldorf und Berlin. Und an all diesem Standorten standen die Bänder, denn 25.000 Beschäftigte folgten dem Aufruf.
Damit wollen auch die Arbeitnehmer an den Bändern ein Zeichen der Solidarität mit den betroffenen Kolleginnen und Kollegen in den Niederlassungen setzen. Und sie setzten es lautstark. In Sindelfingen, wo rund 10.000 Menschen sich versammelt hatten, waberte zeitweise roter Rauch durch die Luft. Trillerpfeifen, Rufe und abgewetzte Blechtrommeln mit bauchig gehauenen Böden sorgten für ohrenbetäubenden Lärm.
Denn Mercedes-Benz hat seine Mitarbeiter am 19. Januar darüber informiert, dass das Unternehmen verkaufen möchte. Doch der Verkauf der Niederlassungen sei eine „einseitige Entscheidung vom Vorstand“, kritisiert Michael Bettag, Verhandlungsführer beim Betriebsrat, am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Die Arbeitnehmer betrachten einen konzerneigenen Vertrieb als wichtige Säule für den Erfolg des Unternehmens. In Deutschland geht es um gut 80 Standorte.
800 Millionen Euro fehlen für Investitionen
Einer davon ist die Niederlassung in Mannheim. Auch Jutta Knapp, die Betriebsratsvorsitzende der Niederlassung in Mannheim, ist für die Proteste angereist. Mit auf die Bühne in Sindelfingen bringt sie am Dienstag einen großen Mercedes-Stern. Unter dem Jubel der Demonstrierenden drückt sie ihn sich an ihr Herz.
Und dann berichtet Knapp den Kolleginnen und Kollegen vom 19. Januar. Da kam Mercedes-Vertriebsvorständin Britta Seeger, „unsere Chefin“, wie Knapp sagt – lautstarke Buhrufe aus dem Publikum. Diese Chefin habe erklärt, dass 800 Millionen Euro fehlen würden, „um die Niederlassungen wieder fit zu machen, auf den neuesten Stand zu bringen und außerdem würden das Fremde besser machen wie wir“. Wieder Buhrufe. Und die Fremden hätten bis zu zehn Automarken und die würden besser performen. Und dann habe Seeger ausgerechnet die Senger-Gruppe erwähnt, doch die sei noch nicht einmal tarifgebunden. „Da will die uns hinschicken? Aber ohne uns, Kolleginnen und Kollegen!“, ruft Knapp. Und schon strecken Demonstranten ein Plakat nach vorne: „Wir lassen uns nicht abSEEGERn!“, steht dort geschrieben.
Vor dem Mercedes-Werk in Sindelfingen wird protestiert.
Foto: Julian Weber/dpaDer Stern rollt weg – „egal!“
Das Schlimmste aber sei, ruft Knapp von der Bühne, dass man im Frühjahr noch eine Kampagne inszeniert habe: „Ich bin Mercedes. Jeden Tag.“ Buuuh! Und dann, ausgerechnet dann, fällt ihr der Mercedes-Stern aus der Hand. Der Plastik-Stern fällt unsanft von der Bühne und rollt weg. „Egal!“, ruft Knapp ins Mikrofon – ganz so, als hätte sie Mercedes innerlich schon abgeschrieben.
Die Stimmung im Laden sei „explosiv“, berichtet Knapp. Und rollt ein T-Shirt aus. Auf dessen Rücken steht: „Alles muss raus – Mercedes-Benz-Niederlassungen mit Personal zu vergeben.“ Das können man nicht zulassen, das sei Sauerei, wettert sie. Und man sei auch nicht mehr „Mercedes jeden Tag“, man sei „Mercedes am Arsch“. Dann dreht sie das T-Shirt um: „Ich bin Mercedes. Jeden Tag. Am Arsch“, steht dort mit Blick auf die alte Kampagne.
Unter Trillerpfeifen, Rufen und Trommeln streift sie es über. Der Vorstand solle sich jedenfalls „warm anziehen“, denn der Protesttag am Dienstag, das sei nur der Anfang. „Wir werden weitermachen – wir lassen uns nicht die Butter vom Brot nehmen.“
Im ganzen Parkhaus an der Seite von Tor 7 stehen Mitarbeiter und schauen runter. „Unsere Niederlassung, unsere Arbeit, unsere Zukunft“, steht auf einem ausgerollten Plakat. „Jeden Tag unser Bestes für Mercedes-Benz. Jetzt fordern wir das Beste für uns“, steht auf einem anderen.
Der Gesamtbetriebsrat und die IG Metall fordern jetzt Sicherheit, gute Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge und Tarifbindung, einen angemessenen Werteausgleich sowie Respekt für die Beschäftigten der Niederlassungen. Sie wollen zudem Kriterien für den besten neuen Besitzer durchsetzen. Vorher, heißt es, dürfe das Unternehmen gar nicht mit einem potenziellen Käufer verhandeln. Die Arbeitnehmer befürchten ansonsten eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen.
„Aus der Mercedes-Familie rausgeschmissen“
Im Falle eines Verkaufs, heißt es hingegen bei Mercedes, gehe es um den besten Besitzer. Dabei seien „Kriterien wie ausgewiesene Automobil Retail Expertise, nachhaltige Investitionsbereitschaft, langfristiges unternehmerisches Konzept, wirtschaftliche Stärke und Aufgeschlossenheit gegenüber Arbeitnehmervertretungen besonders wichtig“. Mercedes-Benz plane „nicht, an reine Finanzinvestoren zu verkaufen. Eine Schließung von Standorten ist nicht Gegenstand der Überprüfung.“ Kündigungen werde es nicht geben.
Doch das besänftigt die Arbeitnehmer nicht. Und so ließ sich auch IG-Metall-Bezirksleiterin Barbara Resch bei den Protesten sehen: Die Mercedes-Familie stehe zusammen, wetterte sie. „Ihr wollt einen angemessenen Nachteilsausgleich, da ihr aus der Mercedes-Familie rausgeschmissen werdet – das werden wir nicht so einfach zulassen“, ruft sie auf der Bühne ins Mikrofon.
Und auch der oberste Betriebsrat Lümali mahnt den Vorstand, nun endlich ein gutes Angebot auf den Tisch zu legen. „Hört auf die Leute hier. Empfangt die Signale richtig“, droht er in Richtung Vorstand. Ansonsten sei das nur „der Beginn“ gewesen. „Wir können noch viel mehr“, ruft Lümali. Fortsetzung, so sieht es aus, dürfte folgen.
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