Editorial: Zum Zoobesuch bei den Ossis: Was wir von der Biografie von Trumps Vize lernen können
Nie werde ich den Sommer 2017 vergessen, als ich im Urlaub, irgendwo im tiefen Südfrankreich, innerhalb von zwei Tagen „Hillbilly Elegy“ von J.D. Vance las, ja verschlang. Vielen ging es damals so, den Kanzler hat die Geschichte des Jungen aus Ohio, der den Abgründen des amerikanischen Rostgürtels entkam, bekanntlich „zu Tränen gerührt“. Heute, da Vance als Senator schlimmer wütet als Donald Trump und als sein „Running Mate“ auf die dunkle Seite der Macht gewechselt ist, gilt das Buch irgendwie vergiftet, als fühle man sich betrogen. Wie kann er nur?
Ich würde sagen: Wer es noch nicht gelesen hat, sollte es diesen Sommer tun. Denn Vance, der nun als Verkörperung des amerikanischen Traums verkauft wird, könnte das America-First-Erbe Trumps antreten. Er ist 39 Jahre alt.
Für mich lieferte das Buch damals ein Schlüssel für eine Erklärung, die heute in so vielen Ländern unvollständig ist, wenn wir darüber rätseln, warum „die Leute da draußen“ abgehängt, unzufrieden, ja irgendwie aus der Spur sind. Und warum sie partout nicht zu den Schlüssen kommen, die wir für sie vorsehen.
Ich habe viel über die Spaltung Amerikas gelesen, neben „Hillbilly Elegy“ packte mich besonders George Packers grandioses Mosaik „Die Abwicklung“, das anhand einiger Porträts nachzeichnet, dass in den USA „der Glaube an die gemeinsame Zukunft nicht mehr gültig“ ist. Viele der Bücher und Studien aber sind akademisch, der Blick von außen oder oben. J.D. Vance erzählte aus der Herzkammer, ein Überlebensbericht aus jenen Landstrichen und Schichten, über die wir zu oft dozieren und urteilen; ein Puzzlestück, das mir in Deutschland etwa für den Osten fehlt – wo manche Journalisten immer noch hinfahren, als ginge es um Zoobesuche: Mal zwei Tage schauen, was so abgeht und schiefläuft bei den Ossis.
Das marode Aufstiegsversprechen
Beim Lesen von „Hillbilly Elegy“ versteht man, dass das Problem nicht unbedingt die Spaltung der Gesellschaft ist; wir reden über eine Entkopplung: Das Leben, was hier mit all seinen Problemen, Baustellen und Abgründen nachgezeichnet wird, hat nichts oder wenig mit der Welt zu tun, in der die Menschen agieren, die diese Probleme lösen wollen – oder vorgeben es zu tun. Die sich politisch (und vor allem rhetorisch) fortwährend darum kreisen, warum dieses Elend so elend ist, warum die Hoffnungslosigkeit so ohne Hoffnung, kurz: Warum das Aufstiegsversprechen so marode ist wie eine amerikanische Mall, die vor zehn Jahren dicht machte und durch die nun der Wind pfeift. Die Brüche in diesen Leben sind tiefer und vielschichtiger.
Ohio und Middletown sind nicht Sachsen und Zwickau (oder Gelsenkirchen oder Bremerhaven) und ein deutscher J.D. Vance ist nicht in Sicht, insofern sind Vergleiche begrenzt sinnvoll. Aber das Muster hält Lehren parat: Denn in die Sorge um die „Abgehängten“ mischt sich bei vielen Politikern die paternalistische Attitüde, sich noch intensiver um diese Menschen zu kümmern, ihre „Sorgen ernst zu nehmen“, oder noch besser: die eigene Politik noch besser zu kommunizieren, weil diese Abgehängten partout nicht begreifen wollen, wie gut man es mit ihnen meint. Also stockt man irgendwo etwas auf, erhöht einen Regelsatz und startet ein Förderprogramm – und wundert sich, dass die Wohltat nicht ankommt.
Bürgergeld ist toxischer als Hartz IV
Warum ist das so? Um diese Frage dreht es sich längst auch hier. Die SPD hat endlich ihr Bürgergeld, die große sozialdemokratische Errungenschaft, und merkt, dass es bereits toxischer ist als Hartz IV, das man 20 Jahre lang loswerden wollte. Aber anders toxisch: Es untergräbt die Moral, das Gerechtigkeitsempfinden der Mittelschicht.
Das Ergebnis ist das gleiche wie in den USA: Man erreicht viele Menschen nicht mehr, nur dass man hier glaubt, noch mehr tun zu müssen, als ginge Sozialpolitik darum, noch mehr Care-Pakete abzuwerfen.
Dabei dreht es sich in vielen Ländern doch um zwei Kernthemen: Inflation und Migration. Erstere hat tiefe Wunden geschlagen – sie ist gottlob (fast) im Griff. Letztere mitnichten, und da es zu wenig entschlossene Ansätze gibt, sie zu begrenzen, gilt die Formel: Wenn die Mitte sie nicht löst, wird sie die Mitte auflösen.
Warum ist J.D. Vance Darth Vader?
Zurück zu J.D. Vance: Warum wurde aus ihm (aus unserer Perspektive) ein Darth Vader, in dem doch der Jedi Anakin Skywalker steckte? Vielleicht aus Machthunger, sicher aus Wunsch nach „sozialer Akzeptanz durch Amerikas Eliten“, wie er selbst sagte, vielleicht steckte das Antielitäre immer in ihm drin: „Ich werde nie vergessen, wo ich herkomme.“
Die Lehren seiner Biografie propagiert er ironischerweise dabei nicht: Vance schaffte es aus der Hölle dank einiger Menschen, die ihm eine Richtung gaben: neben Lehrern war das vor allem seine Großmutter, bei der er lebte, weil seine drogensüchtige Mutter unzuverlässig war. Die Großmutter, liebevoll „Mamaw“ genannt, sorgte für Struktur, dafür, dass er zu Schule ging und einen Abschluss machte.
Zwei Planeten, die umeinanderkreisen
Mamaws Botschaft war es allerdings, dass man sein Leben selbst in der Hand habe – und sein Schicksal nicht immer auf die bösen Umstände schieben solle. Was man tut, wenn man sich damit abfindet, abgehängt zu sein. (Und was Vance verrät, wenn er diese Botschaft missachtet, aber aus der Herkunft dennoch Kapital schlägt.)
Das Phänomen des Abgehängtseins kann sich im Übrigen verselbständigen: Die einen dozieren und rätseln fortwährend darüber – und starten dann die Zoobesuche. Die anderen verfestigen ihre Meinung oder versteigern sich in ihrem Eindruck, dass man sie nicht mehr erreicht. Zwei Planeten, die umeinanderkreisen.
Die Figur Vance ist aus einem anderen Grund noch wichtig für uns: Vance ist für Europa der Weckruf nach dem Weckruf, dass das Phänomen Trump und die ganze Bewegung kein Spuk ist, der sich biologisch erledigt – die Republikaner bleiben eine gekaperte Partei, deren Motive sich aber in den USA festsetzen. Und die Demokraten ringen, bangen und zögern, dieser Welle etwas entgegenzusetzen.
Lesen Sie auch: Völlig „unberechenbar“? Wie sich deutsche Politiker auf Trump und Vance vorbereiten