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Landtagswahlen im OstenNur nicht bevormunden!

Im Westen appellieren Manager an ihre Mitarbeiter, sich für Vielfalt und Demokratie einzusetzen. Im Osten, wo wichtige Wahlen anstehen, kommt das in den Belegschaften nicht gut an. Und nun?Varinia Bernau 20.07.2024 - 11:13 Uhr

Teilnehmer schwenken Fahnen bei der Auftaktveranstaltung der AfD in Brandenburg zur Landtagswahl.

Foto: Britta Pedersen/dpa

Es ist ein gefährliches Gift. Und ein unsichtbares. Das macht es für Thorsten Kramer so schwer, dieses Gift, das in seine Belegschaft sickert, einzudämmen. „Sie merken nicht in der Region, nicht in der Stadt, nicht in der Company, welchen Anteil die AfD hält. Da gibt es keine Parolen, keine persönlichen Ansprachen, keine Beleidigungen, keine Schmierereien – gar nichts“, berichtet Kramer.

Der Manager führt die Leag, Deutschlands zweitgrößten Stromversorger, der in der Lausitz, tief im Osten der Republik, vier Braunkohletagebaue sowie sieben Kraftwerke betreibt. Und wie so viele Manager im Osten blickt Kramer mit Sorge auf die im September anstehenden Landtagswahlen.

Längst sind die hohen Zustimmungswerte, die die Rechtsextremen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen erreichen, zu einem Standortnachteil geworden: Sie verschrecken Investoren, Kunden, Fachkräfte. Erst neulich kassierte Kramer eine Absage von einem Talent, das er anheuern wollte – aber das lieber nicht nach Brandenburg, an den Firmensitz in Cottbus, kommen wollte. Dorthin, wo die AfD laut der jüngsten Prognose 23 Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl am 22. September holen könnte.

Der Osten tickt anders

Im Vorfeld der Europawahlen hatte ein Bündnis aus 30 deutschen Unternehmen – darunter Siemens, Mercedes und Deutsche Bank – seine Beschäftigten dazu aufgerufen, zur Abstimmung zu gehen und für Vielfalt, Offenheit und Toleranz geworben. Der Unternehmer Reinhold Würth warnte seine Belegschaft in einem fünfseitigen Schreiben ausdrücklich davor, die AfD zu wählen. Doch im Osten der Republik liegen die Dinge etwas anders. „Wir maßen uns nicht an, den Mitarbeitern eine Vorgabe zu machen, was sie zu tun und zu lassen habe, weil das, glaube ich, nach hinten losgeht“, kommentiert Kramer im aktuellen Chefgespräch, einem Podcast der WirtschaftsWoche.

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Was er, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und später auf internationalem Parkett Karriere gemacht hat, aus den Gesprächen in der Region mitnehme, sei vor allem ein besseres Verständnis für die Erfahrungen, die viele in der Lausitz zu DDR-Zeiten gemacht haben. „Dass alles sehr hart bestimmt war, vorgegeben war, man sich in Leitplanken bewegen musste. Sonst wurde man dafür zur Verantwortung gezogen“, wie Kramer es beschreibt. Das habe Spuren hinterlassen. „Durch diese Prägung, glaube ich, wollen sich die Menschen heute nicht mehr sagen lassen, was sie machen sollen.“

Das zeige sich auch, erzählt der Manager, wenn er mit seinen Kollegen und Kolleginnen über Politik spricht. „Sobald man zu sehr versucht, was vorzugeben“, stoße man auf Widerstand. Auf eine Haltung, die Kramer als ein „Das haben wir alles schon mal gehabt, und das wollen wir nicht mehr!“ beschreibt.

Betriebsrat? Gewerkschaft? Auch das hilft der Demokratie

Der Eindruck, fremdbestimmt zu sein, auch am Arbeitsplatz, schadet der Demokratie. Er stärkt gewissermaßen jenes Gift, das Kramer wie so viele andere Manager in ihren Belegschaften spüren. Denn dieser Eindruck führt dazu, dass den Leuten auch allgemeineres politisches Engagement sinnlos erscheint. Zu diesem Ergebnis kommt eine Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Untersuchung eines Forscherteams um den Soziologen Johannes Kiess von der Universität Leipzig im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung. Die Wissenschaftler befragten rund 3000 Beschäftigte aus den ostdeutschen Bundesländern – und stellten fest: Wer auch im Unternehmen erlebt, dass er etwas bewegen kann, stimmt seltener rechtsextremen und autoritären Aussagen zu, beispielsweise der Verklärung des Nationalsozialismus, antisemitischen Schmähungen oder dem Ruf nach einer Diktatur. „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Erfahrungen demokratischer Handlungsfähigkeit am Arbeitsplatz ein Baustein sind, um demokratische Einstellungen zu fördern und autoritäre und rechtsextreme Ansichten zurückzudrängen“, schlussfolgert Andre Schmidt, einer der Autoren.

In Thüringen und Sachsen sind der Untersuchung zufolge positive Erfahrungen von Partizipation am Arbeitsplatz schwächer ausgeprägt als in den restlichen drei ostdeutschen Ländern.

Dort stehen bereits am 1. September Landtagswahlen an. In Sachsen liegt die AfD nach aktuellen Prognosen bei 31 Prozent der Stimmen – und damit noch vor der CDU. Und auch dort ist unter Führungskräften eine ähnliche Haltung zu beobachten wie die von Thorsten Kramer. Etwa bei der Leipziger Messe, einem Unternehmen mit knapp 390 Mitarbeitern, für das der internationale Austausch zum intellektuellen wie ökonomischen Selbstverständnis gehört.

Kein Aufruf, zur Wahl zu gehen

Die Unternehmensführung, so erzählt Kommunikationsdirektor Andreas Knaut, habe sich dagegen entschieden, für die Belegschaft eine Wahlempfehlung auszusprechen. Und auch dagegen, zur Abstimmung an sich aufzurufen. Man scheue nicht die Diskussion, betont Knaut. Die Geschäftsleitung habe sich beispielsweise im Januar an der Pro-Demokratie-Demonstration und im Mai an einer Veranstaltung zum Geburtstag des Grundgesetzes in Leipzig beteiligt. Aber grundsätzlich sei man der Überzeugung, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre demokratischen Rechte kennen und solche Empfehlungen eher als übergriffig wahrnehmen. „Wir wollen vermeiden, bevormundend zu erscheinen“, sagt Knaut.

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Ulrike Lorenz hat selbst erlebt, was sich Kramer, dem Wessi, nun erst in vielen Gesprächen erschließt. „Ich komme aus der DDR – und ich weiß, was Indoktrination mit einem macht.“ Vielen ihrer Kollegen und Kolleginnen gehe es ähnlich, so ihr Eindruck. Deshalb betont Lorenz: „Eine Ideologisierung des Innerbetrieblichen lehne ich ab.“

Ulrike Lorenz leitet die Klassik Stiftung Weimar, die mehr als 20 historische Stätten, Museen und Parkanlagen in und um Weimar sowie mit der Anna-Amalia-Bibliothek und dem Goethe- und Schiller-Archiv auch wichtige Forschungseinrichtungen betreut. Die Kulturstiftung, die drittgrößte in der Republik, beschäftigt etwa 340 Mitarbeiter, vom Akademiker bis zum Gärtner.

Praktische Arbeit statt ideologischer Phrasen

Auch Lorenz hält eine Wahlempfehlung für den falschen Weg. Das bedeutet keinesfalls, dass sie die Klassik Stiftung Weimar als eine unpolitische Einrichtung versteht. Nur eben nicht im parteipolitischen oder tagespolitischen Sinne. Lorenz sieht ihren Auftrag darin, all das, was in den Archiven steckt, zugänglich zu machen. „Und das tun wir offensiv.“ Sehr bewusst beleuchte die Stiftung in diesem Jahr die Widersprüche des 20. Jahrhunderts. Etwa in einer Ausstellung, die der Verstrickung einzelner Bauhauskünstler mit der NS-Diktatur nachgeht – und so verdeutlicht, dass auch die Moderne keinesfalls immun war gegenüber der Verführungskraft durch totalitäre Regime.

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Doch auch an diesem Ansatz stößt sich mancher oder manche in der Belegschaft der Stiftung. Das merkte Lorenz im Frühjahr. Da bekam sie eine E-Mail von einem Mitarbeiter, der damit haderte, dass sich die Stiftung neben Gewerkschaften, Unternehmen und Sportlern in der Initiative „Weltoffenes Thüringen“ engagiert. Er fühlte sich unwohl mit einer so klaren Positionierung. Lorenz sagt, sie sei froh, dass sich der Kollege gemeldet hat. Sie antwortete binnen weniger Tage. Erklärte, wofür die Initiative stehe. Dass die Stiftung darin mit ihren Bildungsprogrammen und Ausstellungen einen konkreten Beitrag leisten wolle, nicht nur mit ideologischen Phrasen. Dass sie auch persönlich nichts von vorschnellen Urteilen halte. Und dass die Stiftung alle ansprechen müsse und für alle offen sei. Übrigens auch für AfD-Wähler.

Auf ähnliche Weise, sagt Lorenz, suche sie das Gespräch mit anderen in der Belegschaft, beim Sommerfest oder auch mal auf dem Flur. „Ich versuche, mit einer offenen, zugewandten Sprache das Miteinander zu stärken, ohne den Druck weiterzugeben, den wir als Stiftung spüren, finanziell wie durch die Ideologisierung des öffentlichen Diskurses.“

Die kleinen Unternehmen tun sich schwerer

Bei großen Konzernen mit Sitz in Thüringen, wo die Landtagswahlen ebenfalls schon am 1. September anstehen, beobachtet Lorenz, dass diese es „an Klarheit nicht fehlen lassen“, wie sie es ausdrückt. Der Optikspezialist Carl Zeiss Jena etwa. „Die haben deutlich gemacht, dass sie auf internationale Kunden und auch auf Fachkräfte aus aller Welt angewiesen sind – und ein Erstarken der AfD wirtschaftlich schaden würde.“ Aber ein kleines Unternehmen im Thüringer Wald agiere in einem anderen Umfeld. „Da tut sich der Chef mit solch einer klaren Haltung vermutlich schwerer. Und das verstehe ich auch.“

Thorsten Kramer von der Leag hat seinen eigenen Weg gefunden, den Kollegen und Kollegen zu vermitteln, wie gefährlich dieses Gift ist, das da in die Belegschaft sickert. Ebenfalls, ohne sie zu bevormunden. „Wir versuchen, mit den Menschen im Gespräch zu klären, was für uns wichtig ist, auch als Unternehmen: eine demokratische Umgangsweise, kein Extremismus, keine Verletzung, keine Benachteiligung von Menschen aus anderen Ländern.“ So hoffe er „Signale zu setzen, was möglicherweise die richtigen Ansätze wären für die Zukunft, auch bei den Wahlen.“

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