US-Wahl 2024: „Die vergangenen drei Wochen waren beispiellos in der politischen Geschichte der USA“
Joe Biden tritt als Präsidentschaftskandidat zurück.
Foto: APWirtschaftsWoche: Am Sonntagabend gab Präsident Joe Biden bekannt, dass er sich aus dem Präsidentschaftsrennen zurückziehen wird. Was bedeutet das?
Sudha David-Wilp: Die Demokraten erhalten einen Neuanfang. Dieser kann allerdings sehr komplex und schwierig sein, da die Amerikaner bereits am 5. November ihren künftigen Präsidenten wählen. Viele Demokraten waren nervös, dass Biden es nicht nochmal schaffen könnte. Die Umfragen fielen schlecht aus. Und einige Spender drehten den Geldhahn zu. Nach und nach meldeten sich Mitglieder seiner Partei zu Wort und bedankten sich für seine Dienste.
Wie ist der Rücktritt aus Sicht der Demokraten zu bewerten?
Es kann in jede Richtung gehen. Aber grundsätzlich denke ich, dass es ein kompletter Neuanfang für die Demokraten wird. Zuletzt haben wir den recht erfolgreichen Parteitag der Republikaner, bei dem Donald Trump seinen Vize-Kandidaten vorgestellt hat, gesehen. Der Rücktritt könnte den Demokraten nun die Möglichkeiten geben, in den Umfragen nach oben zu kommen. Zuletzt hatten sich die Umfragen eingependelt. Ich weiß nicht, ob Biden das Ruder selbst nochmal hätte umreißen können. Denn viele Amerikaner denken, dass er zu alt ist. Andere Demokraten haben hingegen noch den Raum, zu wachsen.
Wer könnte denn nachrücken?
Vize-Präsidentin Kamala Harris. Ihre Beliebtheitswerte sind zwar ebenfalls nicht die besten, aber vielleicht wurden sie auch überschattet. Nun könnte sie zeigen, wieso sie es verdient hat, in diesem Jahr für die Demokraten als Präsidentin zu kandidieren.
Welche Alternativen gibt es?
Es gibt eine ganze Reihe von Gouverneuren, die infrage kommen könnten. Aber sie haben einen geringeren Bekanntheitsgrad als Kamala Harris. Doch obwohl Harris bereits von Präsident Biden unterstützt wird, muss nun die Partei entscheiden und sie offiziell am Parteitag als Kandidatin ernennen.
Donald Trump äußerte sich bereits zu Bidens Rückzug. „Der korrupte Joe Biden war nie in der Lage, für die erneute Präsidentschaft zu kandidieren – und ebenso nicht in der Lage, das Amt zu bekleiden“, schreibt er auf dem sozialen Netzwerk Truth Social. Könnte von Seiten der Republikaner der Rücktritt Biden nun auch Rückzugsforderungen als Präsident folgen?
Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Joe Biden hat nie gesagt, dass er sich aus Altersgründen zurückzieht. Er sagte, dass er sich vollständig auf seine Verpflichtungen als Präsident konzentrieren will.
Als Nächstes steht der Parteitag der Demokraten vor der Tür, weitere TV-Debatten und schließlich die Wahlen im November. Worauf muss man sich die kommenden Monate einstellen?
Wir haben im laufenden Wahlkampf bereits eine Achterbahnfahrt erlebt. Es gab ein Attentat auf Trump und Präsident Biden zog sich aus dem Rennen zurück – die drei Wochen seit der TV-Debatte sind beispiellos in der amerikanischen politischen Geschichte. Wir befinden uns derzeit in unbekannten Gewässern. Ich gehe davon aus, dass Harris nominiert wird. Aber wir wissen nicht, was passieren wird. Ich gehe dennoch davon aus, dass die kommenden ein, zwei Wochen sehr wichtig für das Rennen am 5. November werden. Nun müssen sich die Demokraten erstmal zusammenschließen.
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