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Werner knallhartAbzocke „Gästebeitrag“: Weg mit dem Eintrittsgeld für unsere Strände!

Wer an die deutschen Strände will, muss nicht selten Eintritt bezahlen. Menschen anderer Länder langen sich an den Kopf: Gehören Strände, Seen und das Meer der kommunalen Verwaltung? Schluss mit dem unwürdigen Naturschauspiel. Eine Kolumne.Marcus Werner 31.07.2024 - 07:37 Uhr
Foto: imago images

Wenn Sie meine Mutter im Dreieck springen sehen wollen, dann fahren Sie mit ihr mal nach Neuharlingersiel in Ostfriesland.
In meiner Kindheit mussten wir als Familie dort immer erst ein paar Minuten im Auto auf dem Parkplatz vor dem Deich warten, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Mit Blick auf das Kassenhäuschen vor dem Deich. Das mit der Drehtür. An diesem Kassenhäuschen wurde der Eintritt für den Blick über den Deich fällig.

Sie müssen wissen: Meine Mutter ist Schwedin. Die Schweden lieben ihre Natur anders als wir Deutschen. Die Farben der schwedischen Fahne, gelb und blau, symbolisieren den Himmel und die gelben Blumen. In Schweden sieht man die Schönheit der Welt als Geschenk für alle. Nicht als zufällige Abkassier-Chance für die, zu deren Verwaltungsbereich das jeweilige Fleckchen Erde oder See oder Meer gerade gehört.

In Schweden gilt das „Allemannsrätt“, das Jedermannsrecht. Das ist das Recht, die Natur zu genießen, unabhängig davon, wem das Land gehört. So dürfen etwa private Eigentümer von Wassergrundstücken diese nicht so einzäunen, dass Fremden kein Zugang zum Wasser möglich wäre. In Deutschland herrscht das Prinzip „Ätschibätsch. Der Strand gehört uns!“ Da können dann etwa die Kommunen selber entscheiden, wie saftig sie die Gäste zur Kasse bitten, wenn diese einfach Kontakt zur deutschen Natur haben wollen.

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Ohne gleich das schwedische Jedermannsrecht in Deutschland einzufordern: Was sagt das bloß über uns als Gemeinschaft aus, wenn Zugang zu dem, was unser Heimatgefühl ganz wesentlich prägt, nämlich die Vielfalt der Natur mit den Bergen und Flüssen und Seen und Wiesen und Wäldern und dem Meer behördlich reglementiert werden kann?

Jaaaa, werden jetzt die Befürworter des nun „Gästebeitrag“ genannten Eintrittsgeldes sagen. Für das Geld (3 Euro pro Erwachsenem in der Hauptsaison etwa in Neuharlingersiel – am Tag) gibt es ja auch einiges an Urlaubsfreuden.

Auf „die-nordseeküste.de“ zählen es die beteiligten Gemeinden von C wie Carolinensiel-Harlesiel bis W wie Werdum auf:
„Für Ihren gesunden Aufenthalt gibt es Bade- und Saunalandschaften“. Als wenn die Nutzung aller Wellnesseinrichtungen im Gegenzug zur Tagesabgabe kostenlos nutzbar wären.

Dann heißt es weiter: „In der Saison reinigen wir den Strand jeden Morgen für Sie. Die Sanitäranlagen werden regelmäßig gewartet und gepflegt. Bänke, Wege und Promenaden halten wir für Sie in Stand und sauber – Nehmen Sie gern Platz.“ Och, danke. Mir ist allerdings nicht bewusst, dass Gäste, die etwa in Köln, Bielefeld oder Erfurt vorbeikommen, um ihr Geld in Restaurants, Geschäften und Cafés auszugeben, extra dafür bezahlen müssen, sich auf eine Parkbank zu setzen. Auch, wer im Schwarzwald wandern geht, muss keinen Wegezoll entrichten.



„Sturmfluten und Gezeiten spülen im Winter oft große Flächen unserer Strände davon. Im Frühjahr wird neuer Sand aufgefahren.“ Die Aufschüttung der Strände ist die Grundlage für das Geschäft mit den Touristen. Ist der Strand weg, kommt niemand. Sich die eigene Geschäftsgrundlage von den Kunden absichern zu lassen, ist so, als wenn man zuhause auf dem Heimweg mit einem Mal eine Stadtpark-Durchquerungs-Gebühr entrichten müsste, damit die defekten Laternen repariert werden können.

„Mit viel Liebe und Ideen gestalten und pflegen wir das ganze Jahr über die Kur- und Parkanlagen.“ Machen das nicht alle Kommunen bundesweit? Bei allem Respekt vor der guten, harten Arbeit der Beteiligten: Lasst es sein und die Gäste fahren ein paar hundert Kilometer weiter nach Dänemark.

Spielplätze mit tollen Spielgeräten, Kinderhäuser, Kinderanimation, selbst den Betrieb der Tourist-Information, die im Wesentlichen eine Selbstvermarktungs-Einrichtung der jeweiligen Kommunen ist, sollen die Gäste anteilig mitfinanzieren, schreiben die Ostfriesen zu ihrer Rechtfertigung für die Strand-Eintrittsgebühr.

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Ja, andere Kommunen verlangen Touri-Aufschläge bei Hotelübernachtungen. Aber das ist nicht vergleichbar mit einer Abgabe für den Zutritt zur Natur.

Ein Freund von mir wohnt in Berlin-Weißensee. Wenn der nach dem Joggen eine Runde baden gehen möchte, muss er mittlerweile jedes Mal acht Euro bezahlen. Acht Euro für eine schnelle Abkühlung in der Natur. Weil die einzig erlaubte Bademöglichkeit das „Strandbad Weißensee“ ist. An allen anderen Stellen hat man das Baden strikt verboten. Super! Da wohnt er in der Nähe eines natürlichen Sees und müsste für Saisonkarten für die ganze Familie mit drei Kindern 533 Euro bezahlen. Mit dem Hinweis unter dem Sternchen: „Der Eintritt wird an hochfrequentierten Tagen nicht garantiert“. Eine Eintrittskarte zum Preis eines Kurzurlaubs und dann muss man noch bangen, ob man die Natur betreten darf.

Das ist Deutschland. Und das ist bekanntlich nicht der einzige Grund, warum das Ausland über uns den Kopf schüttelt. Wie bekommen es denn die anderen Nationen hin, ihre Naturschätze zu wahren, ohne Besucher neben den ohnehin schon eingeschleppten Devisen (Gastronomie, Parkplatz, Shopping) noch einmal extra abzukassieren? Warum darf man sich in so vielen anderen Ländern kostenlos auf eine Bank setzen, ohne sich als Schmarotzer zu fühlen, und bei uns nicht?

Antwort: Weil wir hierzulande mal wieder nur mit den Schultern zucken. Dabei gibt es durchaus die Chance, gegen die selbstgerechte Urlaubs-Abzocke anzugehen. Es gibt Initiativen von Menschen, die gegen den kostspieligen Eintritt zur Natur klagen. Und teilweise recht bekommen.
Denn auch in Deutschland gibt es das Recht auf freien Zugang zur Natur. Artikel 2 Grundgesetz: Freizügigkeit.
3 Euro an Nordsee ist jetzt nicht die Welt? 8 Euro in Berlin ist noch im Rahmen? Nein! Unser Meer und unsere Seen sind für alle da.

Den Autor erreichen Sie über LinkedIn.

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