Ifo-Index: „Die deutsche Wirtschaft gerät zunehmend in die Krise“
Dunkle Wolken über dem Hamburger Hafen.
Foto: imago imagesDie Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich auch im August weiter verschlechtert. Das Ifo-Geschäftsklima als wichtigstes Barometer für die Konjunktur in Deutschland sank auf 86,6 Zähler von 87,0 Punkten im Vormonat, wie das Münchner Ifo-Institut am Montag zu seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte. Es war bereits der dritte Rückgang in Folge.
Die Unternehmen beurteilten ihre aktuelle Geschäftslage schlechter und auch die Aussichten für die kommenden Monate pessimistischer als zuletzt. „Die deutsche Wirtschaft gerät zunehmend in die Krise“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.
Zuletzt hatte bereits die Umfrage unter Einkaufsmanagern für die hiesige Privatwirtschaft den Hoffnungen auf einen Aufschwung einen kräftigen Dämpfer versetzt: Das Barometer rutschte im August noch tiefer unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten, wie S&P Global jüngst mitteilte.
Nach einem Anstieg von 0,2 Prozent zu Jahresbeginn war das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) von April bis Juni wegen sinkender Investitionen um 0,1 Prozent zum Vorquartal geschrumpft. Die Bundesbank erwartet allerdings derzeit keine Rezession, sondern im laufenden Sommerquartal ein leichtes Plus beim BIP.
Von Reuters befragte Fachleute hatten sogar mit einem Minus auf 86,0 Zähler gerechnet. Das Meinungsbild ist recht ähnlich.
Elmar Völker, LBBW
„Immerhin war der Rückgang geringer als im Vormonat, vor allem bei der Erwartungskomponente. Es gibt dennoch gerade nicht allzu viele Gründe für Zuversicht: Die Weltwirtschaft läuft holprig, von der Geopolitik drohen weiterhin Risiken und der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl lauert als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Last but not least sorgt die Performance der Bundesregierung eher für Ratlosigkeit als für Aufbruchstimmung. Hoffnung auf Besserung gibt es wohl frühestens gegen Jahresende, wenn man wenigstens in den USA genauer abschätzen kann, wo die Reise hingeht.“
Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank
„Aus der konjunkturellen Erholung wird vorerst nichts. Die deutsche Wirtschaft setzt ihren Ritt auf der Rasierklinge zwischen Rezession und minimalen Wachstum fort. Der schwache Welthandel ist eine schwerwiegende Belastung für die exportabhängige deutsche Industrie. Darüber hinaus werden die privaten Haushalte kaum positive Konjunkturimpulse setzten können. Zwar sind die realen Netto-Einkommen unter Einbezug der steuerfreien Inflationsausgleichprämien deutlich gestiegen, doch dies gilt eben nur unter Berücksichtigung der Einmalzahlungen. Da Letztere nicht zum dauerhaften Einkommen zählen, wird sich der Konsum auch nicht nachhaltig erholen.“
Alexander Krüger, Chefvolkswirt Hauck Aufhäuser Lampe
„Der Daumen über der deutschen Wirtschaft bleibt gesenkt. Wahrscheinlich war es die Sommerpause der Politik, die Unternehmen abseits neuer Hiobsbotschaften nicht weiter hat abstürzen lassen. Die Lagebeurteilung spricht weiterhin für eine anhaltende konjunkturelle Schwerfälligkeit. Auch die kriselnde Autoindustrie nimmt jede Hoffnung auf eine Konjunkturwende. Gründe für eine nachhaltige Stimmungsverbesserung gibt es vorerst nicht. Etwas mehr als wirtschaftliche Stagnation wäre bei diesem Stimmungsbild schon ein Erfolg.“
Lesen Sie auch: Was für eine Lockerung der Schuldenbremse spricht – und was dagegen