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  4. Kohleausstieg: Was kommt, wenn die Kohle geht? Ein Blick auf verschiedene Orte

Kohlekraftwerk Ratcliffe-on-Soar, Nottinghamshire, England

Foto: LiveEO/Airbus, LiveEO/Pleiades Neo

Wirtschaft von oben #284 – KohlekraftwerkeWas kommt, wenn die Kohle geht?

Großbritannien hat sein letztes Kohlekraftwerk abgeschaltet. Die Briten sind damit nicht allein: Weltweit ist der Energieträger auf dem Rückzug. Exklusive Satellitenbilder zeigen, welche Mega-Meiler schon verschwunden sind – und welche Technologien an ihre Stelle treten. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Andreas Menn 12.10.2024 - 13:24 Uhr

Die Nacht zum 1. Oktober bedeutete für die Briten das Ende eine Ära: Punkt Mitternacht ging das Kohlekraftwerk Ratcliffe-on-Soar bei Nottingham endgültig vom Netz.

Vor 142 Jahren hat Großbritannien als erste Nation Kohle zur Stromerzeugung verfeuert – nun verabschiedet sich das Land von dem fossilen Energieträger.

Es ist ein Signal für die ganze Welt: Bereits ein Drittel der OECD-Länder ist kohlefrei, bis zum Jahr 2030 sollen es drei von vier Ländern sein, besagt eine Studie des Londoner Think-Tanks Ember. Weltweit dürfte der Kohleverbrauch darum laut der Internationalen Energieagentur IEA in den kommenden Jahren sinken. 

Bei den Mitgliedstaaten der OECD ist das schon der Fall: Hier ist der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung von 36 Prozent im Jahr 2007 auf nur noch 17 Prozent gefallen.

Deutschland ist eines von vier Ländern, in denen der Anteil noch bei mehr als 25 Prozent liegt.


Kohle spielte in Großbritannien einst eine Schlüsselrolle für die Industrialisierung – nun hat sich das Land von der Ressource verabschiedet. Allein das Kraftwerk Ratcliffe-on-Soar verbrauchte in den 1980er-Jahren 5,5 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr – die letzte Fuhre kam im Juni per Zug, 1650 Tonnen schwer. Mit einer Leistung von zwei Gigawatt erzeugte das Kraftwerk laut Betreiber Uniper genug Strom für zwei Millionen Haushalte. 

Im Oktober soll der Abriss des Kohlekraftwerks beginnen. Es ist ein Prozess, den andere Meiler schon hinter sich haben. Wo bisher Kühltürme standen, nutzen Energieversorger die Flächen und die Netzanschlüsse für innovative neue Kraftwerke. Etwa östlich von Melbourne in Australien: Dort ging im Jahr 2017 ein Kohlekraftwerk außer Dienst, das zeitweilig fünf Prozent des Strombedarfs Australiens gedeckt hat. 

Das Kraftwerk Hazelwood war ab dem Jahr 1964 errichtet worden, um den wachsenden Energiebedarfs des Landes zu stillen. Doch die Anlage war für bis zu drei Prozent der australischen CO2-Emissionen verantwortlich – und galt als eines der schmutzigsten Kraftwerke weltweit. Im März 2017 ging das Kraftwerk schließlich vom Netz. An seiner Stelle entstand in den vergangenen Jahren ein Projekt für das Energienetz der Zukunft.

Bilder: LiveEO/Airbus/Google Earth

Beim ehemaligen Kraftwerk Hazelwood stehen nun dutzende weiße Container, darin: Batterien. Die Anlage, die im Jahr 2023 in Betrieb ging, ist laut dem Betreiber Engie die größte ihrer Art weltweit. Mit einer Leistung von 150 Megawatt soll sie eine Stunde lang so viel Solarstrom speichern, wie 30.000 Dach-Solaranlagen erzeugen – und so die Stromnetze stabilisieren.

Eine Energiewende weg von der Kohle erlebten auch die Anwohner von Nanticoke nahe Toronto: Dort war bis zum Jahr 2013 das größte Kohlekraftwerk Nordamerikas in Betrieb – und die größte CO2-Quelle Kanadas. Mit einer Leistung von vier Gigawatt konnte es fast 2,5 Millionen Haushalte mit Strom versorgen.

Im Jahr 1981 verbrauchte Nanticoke 35.000 Tonnen Kohle – pro Tag. Doch aufgrund seines hohen Klimagasausstoßes beschloss die Regierung der Provinz Ontario schon Anfang der 2000er-Jahre, das Kraftwerk abzuschalten. 2013 war es dann so weit. In den Jahren darauf wurden die Turbinenhallen und Schornsteine abgerissen. Heute ist auf dem Gelände ein neues Kraftwerk entstanden, das ganz ohne Emissionen auskommt, wie die Satellitenbilder zeigen.

Bilder: LiveEO/Maxar/Google Earth

Wind- und Solarkraftwerke haben in der OECD zu 89 Prozent die Stromproduktion übernommen, die mit der Schließung von Kohlekraftwerken weggefallen ist, so die Studie von Ember. Anderswo versuchen die Betreiber, die Meiler am Laufen zu halten – und nur den Brennstoff auszutauschen. Indonesische Kraftwerke etwa mischen Biomasse bei, um den CO2-Ausstoß ihrer Kraftwerke zu senken.

In Japan unternimmt Jera, der größte Stromerzeuger des Landes, ein anderes Experiment: Im Kohlekraftwerk Hekinan, nahe der gleichnamigen Stadt gelegen, mischen die Anlagenbetreiber zur Kohle Ammoniak bei. Verbrennt man das Gas, wird kein Kohlendioxid frei. Aktuell fügt Jera 20 Prozent des Gases bei, im Jahr 2030 sollen es 50 Prozent sein. Künftig sollen Kraftwerke, die umgerüstet werden, auch mit 100 Prozent Ammoniak laufen. Bisher wird es zwar aus Erdgas hergestellt, das auch nicht klimafreundlich ist. Weltweit arbeiten Unternehmen aber daran, Ammoniak aus grünem Wasserstoff umweltfreundlich herzustellen. Im Jahr 2030 will Japan drei Millionen Tonnen grünes Ammoniak importieren, im Jahr 2050 dann 30 Millionen. 

Bilder: LiveEO/Airbus/Google Earth

Vor allem in China und Indien sind in den vergangenen Jahren immer noch zahlreiche Kohlekraftwerke ans Netz gegangen. Immerhin macht sich auch hier ein Umdenken bemerkbar, wie die NGOs Centre for Research on Energy and Clean Air und Greenpeace recherchiert haben: Kohle-Kraftmeier China hat im ersten Halbjahr 2024 nur 14 neue Kohlekraftwerke zugelassen – satte 83 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. 


Lesen Sie auch: Wie Russland mit einem Mega-Gasprojekt im Osten die Gasexporte nach China ankurbeln will

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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