H&M, Zara und Co.: Textil-Recycling boomt – wären da nicht Temu und Shein
Textilfabrik in Indien.
Foto: REUTERSTextilien umgeben den Menschen praktisch immer: als Kleidung auf der Haut, in Form von Sofabezügen, Gardinen, Teppichen, Handtüchern und Bettdecken zu Hause, als Sitzbezüge in Autos, Zügen und Flugzeugen. Und stetig wächst die Menge.
Zwischen 80 und 150 Milliarden Kleidungsstücke werden pro Jahr hergestellt. Die Zahl ist vor allem deshalb so ungenau, weil viele Bekleidungshersteller aus ihren Produktionsmengen ein Geheimnis machen.
Kein Geheimnis, sondern höchst offenkundig ist dagegen das gigantische Müll-Problem, das mit diesen Mengen einhergeht. Das erkennt man schon allein an den Abfallbergen weggeworfener Kleidung, die sich an Orten wie der ghanaischen Hauptstadt Accra oder in der chilenischen Atacama-Wüste auftürmen.
In Alto Hospicio mitten in der chilenischen Atacama-Wüste gibt es gleich an mehreren Stellen Berge aus weggeschmissenen Klamotten. Viele davon kommen aus Europa hierher.
Foto: LiveEO/Google EarthTextilproduktion verbraucht Wasser, verbraucht Land, verbraucht Rohstoffe. Schlagartig wird die Krise deutlich, liest man, was die Unternehmensberatung McKinsey in einem Report schätzt: dass nicht einmal ein Prozent des weltweiten Textilfasermarktes aus recycelten Textilien stammt, und dass die globale Modebranche bis zu acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verursacht. Und falls sich an den gängigen Produktionsprozessen und Verhalten nichts ändern sollte, dürften die Emissionen der Branche bis 2030 voraussichtlich um 30 Prozent steigen.
Das grundsätzliche Problem ist den Verantwortlichen in der Branche bewusst. Und so sind Second-Hand-Mode, Kleider-Ausleihen und Textil-Recycling keine ganz neuen Ansätze mehr – über mehr als ebendiese Ansätze geht es bislang nicht hinaus. Zudem werden die kleinen Verbesserungen konterkariert durch neue, rapide wachsende Händler wie etwa Shein und Temu. So kreuzen sich derzeit zwei Tendenzen: Krise und Aufbruch.
Zunächst die schlechten Nachrichten: Die europäische Textilsortier- und -recyclingbranche befinde sich in einer „beispiellosen Krise“, warnten jüngst die zwei großen Lobbygruppen Euric Textiles und Municipal Waste Europe in einem gemeinsamen Statement. Aufgrund des Ukrainekriegs, „logistischer Herausforderungen“ in Afrika und des raschen Aufstiegs von Temu und Shein gebe es „ein Überangebot an gebrauchten Textilien und einen starken Rückgang der Nachfrage auf den traditionellen Exportmärkten“.
Infolgedessen sind die Preise für gebrauchte Textilien stark gesunken, während die Kosten für das Sammeln, Sortieren und Recyceln steigen. Seit dem Frühjahr 2024 würden die Preise für sortierte Secondhand-Kleidung nicht mehr die Verarbeitungskosten decken, klagen die beiden Verbände.
Zugleich herrscht an anderer Stelle Aufbruchstimmung. In den vergangenen Monaten häufen sich ambitionierte und erfolgsversprechende Recycling-Unternehmungen und Initiativen. Im März sammelte das finnische Textilrecycling-Start-up Infinited Fiber 40 Millionen Euro ein, unter anderem vom spanischen Zara-Mutterkonzern Inditex und dem Gründer der japanischen Unternehmens Uniqlo. In vorangegangenen Finanzierungsrunden hatten sich bereits Zalando, H&M, Adidas und die Beststeller Group (Jack & Jones, Only, Vero Moda) beteiligt.
H&M hat mit der Investmentfirma Vargas ebenfalls im März das Polyester-Recyclingunternehmen Syre gegründet. Ende Oktober verkündete Syre eine Partnerschaft mit dem US-Polyesterhersteller Selenis, gemeinsam will man Mitte 2025 eine erste Recyclinganlage für Alttextilien in North Carolina in Betrieb nehmen. Vor wenigen Tagen hat das französische Biochemie-Recycling-Spezialist Carbios mit mehreren Modefirmen wie Puma, Patagonia, On, Salomon, PVH das laut Eigenaussage „weltweit erste Kleidungsstück mit zu 100 Prozent biologisch recycelten Fasern“ vorgestellt.
Zur selben Zeit vermeldete die kanadische Outdoor-Bekleidungsmarke Arc’teryx eine Partnerschaft mit dem in Los Angeles ansässigen Recycler Ambercycle, um dessen Material ab 2026 zu verwenden.
Die EU-Textilstrategie übt Druck auf die Hersteller aus
Was sich die Lobbygruppen Euric Textiles und Municipal Waste Europe wünschen, nämlich stärkeren Druck durch die EU auf die Textilhersteller, wird damit zu einem gewissen Teil bereits umgesetzt. Denn hinter den Recycling-Initiativen steckt wohl weniger ein plötzlich entdecktes Klimaschutz-Gewissen, sondern vielmehr die EU-Textilstrategie, 2022 von der Europäischen Kommission beschlossen. Die Idee: Diejenigen, die die ganzen Textilien unters Volk bringen, sollen künftig auch dafür sorgen, dass der daraus resultierende Müll möglichst systematisch gesammelt, sortiert und, wenn möglich, wiederverwendet wird. Nach Angaben der EU werden europaweit etwa zwei Drittel aller Alttextilien einfach im Hausmüll entsorgt. 80 Prozent der weggeworfenen Kleidung werde verbrannt. Das Ziel der EU ist eine sogenannte erweiterte Herstellerverantwortung.
„Wenn die großen Konzerne im Textilbereich wie H&M, Primark oder Zara von der EU nun dazu verpflichtet werden, ihre Textilien in einen Kreislauf zu bringen, müssen sie das mitorganisieren“, erklärt Stephan Scholl, Leiter des Instituts für Chemische und Thermische Verfahrenstechnik an der TU Braunschweig. „Der Grüne Punkt ist ja auch finanziert durch die Hersteller und In-Verkehr-Bringer der Verpackungen. Die EU-Vorgabe bringt also Druck in den Markt für Textilien.“
Die Textilstrategie gilt bereits in sechs EU-Ländern (Frankreich, Lettland, Niederlande, Schweden, Dänemark, Ungarn), in vier weiteren Ländern wird eine kurzfristige Umsetzung erwartet (Spanien, Italien, Bulgarien, Griechenland). In diesen Ländern müssen die Textilhersteller und Händler bereits die Entsorgung teilweise bezahlen und eine systematische Sammlung mitorganisieren. Kommen sie ihren Pflichten nicht oder unzureichend nach, drohen Bußgelder, Gerichtsverfahren und im schlimmsten Fall Vertriebsverbote. In Deutschland soll die EU-Textilstrategie ab 2025 gelten.
Modell Gelber Sack
Hierzulande gebe es bisher praktisch keine definierten Rücklaufstrukturen und Systeme im Textilbereich, sagt Experte Scholl, anders als bei Verpackungsmüll. „Das ist bei Textilien auch deutlich komplexer, weil es in praktisch allen Fällen komplexe Stoffgemische sind, mit unterschiedlichen Fasermaterialien wie Baumwolle, Polyester, Elasthan.“ Zudem befinden sich fast immer Applikationen auf den Textilien, etwa Reißverschlüsse oder Knöpfe, die man erst entfernen muss, bevor man Textilien in eine Recyclinganlage einspeisen kann.
Hinzu kommt: Textilien sind nicht gleich Textilien. Vor einigen Jahren hat Polyester Baumwolle abgelöst als meistgenutzte Grundfaser der Modeindustrie. Während es mittlerweile immerhin zahlreiche Bio-Baumwoll-Produzenten gibt, bleibt Polyester ein aus Erdöl gewonnener Kunststoff. Beim Waschen von Polyesterhaltigen Textilien gelangt Mikroplastik in die Umwelt. Und steigen die Baumwoll-Preise, etwa wegen schlechter Ernten, steigt auch der Polyester-Anteil.
Polyester ist einfach zu recyceln als Baumwolle
„Es wird seit einiger Zeit an verschiedenen Textil-Recycling-Technologien geforscht“, weiß Stephan Scholl. Das schwedische Start-up Circulose etwa hat sich auf Baumwoll-Recycling fokussiert. Nachdem die Kleidung in den Circulose-Anlagen geschreddert wurde, entziehen die Schweden dem Kleiderbrei etwaige Polyester-Anteile. Das, was übrig bleibt, heißt Cellulose: Kohlenhydrate, die in Zellwänden von Pflanzen vorkommen. Das Material kann nun zu neuem Garn verarbeitet werden. Theoretisch ist so ein Kreislauf möglich.
Viele andere Recycling-Unternehmen aber zielen auf Polyester. Wohl aus gutem Grund: „Polyester ist relativ einfach zu recyclen, weil man das Polymermolekül gut in seine Bausteine, sprich Monomere, zerlegen kann“, sagt Scholl. Die französische Firma Carbios etwa recycelt auf biotechnologischem Weg mit Enzymen, es gebe aber laut Scholl noch drei, vier andere chemische Wege: „Man kann das Polyester etwa mit verschiedenen Alkoholen oder Laugen traktieren. Aber der Trick ist immer der gleiche: Das Molekül wird in seine Einzelbauteile zerlegt. Man erhält bei diesen Verfahren meist eine wässrige Recyclinglösung, die man anschließend sehr gut reinigen kann.“
Der überwiegende Teil des Polyesters, das in Kleidung benutzt wird, ist das gleiche Molekül, das auch bei PET-Flaschen zum Einsatz kommt: Polyethylenterephthalat. Dieses Polyester wird in Abfallaufarbeitungsanlagen in sogenannte Flakes geschreddert und anschießend im Markt gehandelt. „Wenn die Flakes klar und reinsortig sind, kann man sie wiederverwenden, ohne dass man das Polymer zerlegen müsste“, sagt Scholl. „Allerdings gelingt das nicht beliebig oft, nur etwa fünf- bis achtmal, da sich bei jedem Durchlauf die Länge der Polymerketten etwas verkürzen.“ Aus diesen Flakes lassen sich also sowohl PET-Flaschen herstellen, aber auch Mode- oder Sporttextilien, wie Rucksäcke, Outdoorjacken, Skihosen und Ähnliches.
„Das reine Polyester-Shirt gibt es nicht“
Bloß: warum ist das Reinigen dieser Flakes überhaupt notwendig? Die Frage führt zum Grundproblem bei Textil-Recycling, sagt Scholl: „Das reine Baumwoll- oder Polyester-Shirt gibt es praktisch nicht, sondern das Produkt hat ja immer irgendeine Farbe. Auch weiße Shirts wurden mal weiß gefärbt.“ Zudem enthalten praktisch alle Textilien sogenannte Ausrüstungsstoffe, wie zum Beispiel antimikrobielle Zusätze, UV-Schutz oder wasserabweisende Chemikalien. All diese zuvor zugegebenen Funktionschemikalien müssen zunächst wieder abgetrennt werden, erst dann kann man den Stoff oder das Fasermaterial wiederverwenden.
Diese Schwierigkeit beschreibt auch Cabrios-Chef Emmanuel Ladent anhand eines weißen T-Shirts aus Recyclinggarn: „Es mag wie ein gewöhnliches T-Shirt aussehen, aber das Verfahren dahinter ist außergewöhnlich.“ Ein weißes T-Shirt aus farbigen Ausgangsmaterialien herzustellen demonstriere laut Ladent die Leistungsfähigkeit der Technologie. Carbios verwendet Textilreste und Produktionsverschnitte, überwiegend Polyesterstoffe, aber auch Mischgewebe mit Baumwolle und Elasthan. In seinem Biorecycling-Verfahren zerlegt Carbios das Polyester mithilfe von Enzymen in seine Grundbausteine und gewinnt daraus anschließend neues Polyester, das qualitativ mit erdölbasiertem neuem Kunststoff vergleichbar sei. Die beteiligten Modefirmen hätten dies anschließend zu Garn gesponnen zu Stoffen verarbeitet. Nun komme es darauf an, „dass wir diese Technologie skalieren können, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen“, sagte Anne-Laure Descours, im Puma-Vorstand verantwortlich für Beschaffung.
Welche Technologie sich dabei durchsetzen wird, sei noch nicht abzusehen, sagt Stephan Scholl: „Das Rennen ist momentan völlig offen. Es gibt verschiedene technische Ansätze, die mehr oder weniger zum selben Ziel kommen wollen: den Kreislauf schließen, der es erlaubt, ein neues Shirt aus alten Shirts herzustellen, mit einer Qualität, die dem neuen Short gleichkommt.“
Trotz aller Fortschritte steht der Erfolg der Recyclingtextilien infrage. Denn der Wert der Kleidung, die in das bestehende Recycling-System zurückkommt, sinkt beständig, sagen Experten – dank der sogenannten Ultra-Fast-Fashion-Anbieter. „Es gibt jetzt einfach zu viel minderwertige Ware, die Händler nicht weiterverwerten können“, so mahnte jüngst Alan Wheeler, Geschäftsführer der britischen Textile Recycling Association.