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Strompreis auf RekordniveauFlexibler Tarif, teuerster Preis

Strom ist plötzlich abends wieder so teuer wie zuletzt mitten in der Energiekrise 2022. Das trifft vor allem die Kunden neuer, flexibler Stromtarife. Besser wird die Lage vorerst nicht – Auswege aber gibt es dennoch.Stefan Hajek, Florian Güßgen 07.11.2024 - 09:20 Uhr
Foto: dpa Picture-Alliance

Jetzt tritt ein, wovor Skeptiker der Energiewende immer laut warnten: Die Strompreise gehen durch die Decke, und zwar besonders in den Abendstunden zwischen 17 und 20 Uhr. Also dann, wenn viele Menschen von der Arbeit nach Hause kommen und beginnen, zu kochen, den Fernseher anschalten, kurz: die Nachfrage besonders hoch ist.

In der Spitze kostete der Strom am Mittwochabend über 800 Euro je Megawattstunde (MWh) im Großhandel an der Leipziger Strombörse EEX kosten. Zuletzt hatte der Preis im August 2022 so hoch gelegen – auf dem Höhepunkt der Energiekrise nach Putins Überfall auf die Ukraine also.

Man kann darüber streiten, ob sich der Begriff Dunkelflaute zur Beschreibung des Problems eignet, der eigentlich längere Phasen ohne Wind und Sonnenenergie beschreibt. Fest steht aber: Es gibt derzeit kaum Fotovoltaik, die günstigen Strom einspeisen würde, das Wetter ist spätherbstlich trüb. Am gestrigen Mittwoch kam dazu auch noch sehr schwacher Wind. Das deutsche Stromsystem ist gerade im Winter aber zunehmend auf günstigen Windstrom angewiesen.

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Warum wird Strom teurer, obwohl so viel grüne Energie produziert wird?

von Florian Güßgen

Nach Daten des Freiburger Strommarkforschers Bruno Burger vom Fraunhofer Institut ISE lieferte die Windkraft am Mittwoch Mittag beispielsweise nur 58 Megawatt Leistung. Zum Vergleich: Braunkohle lieferte 11.700 Megawatt, Erdgas 13.464 MW. Insgesamt ist der Anteil der Erneuerbaren (Wind, PV, Wasserkraft, Biomasse) an der Last im bisherigen November im Schnitt auf 36 Prozent gefallen; in den Monaten Mai, April oder September hatte er noch bei über 60 Prozent gelegen.

Da die Erneuerbaren in der Regel die geringsten Gestehungskosten aller Erzeugerarten haben, ist ein steigender Preis logisch, wenn sie schwächeln. Das erkläre jedoch nicht „solche drastischen Preisspitzen“, findet Christoph Maurer, Dozent für Energiewirtschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg und Co-Chef des Thinktanks Consentec, der Netzbetreiber, Versorger und Regierungen zu Fragen des Strommarkts berät. „Zumal ich die sehr hohen Preise in den Abendstunden schon seit dem Spätsommer beobachte, auch an Tagen, an denen mehr PV- und Windstrom am Markt war“

Ein Stromhändler bei RWE, der anonym bleiben möchte, deutet an, dass Spekulanten den Preis zusätzlich treiben könnten: „Es gibt in den Abendstunden tendenziell mehr Nachfrage, an dunklen, windarmen Tagen auch einen kurzfristigen Nachfrageüberhang“, erklärt er. Aber es wären auch noch Notfallkapazitäten da, eine akute Gefahr für die Versorgungssicherheit bestehe nicht. Angebot und Nachfrage allein erklärten die hohen Ausschläge alleine auch nicht, so der Trader. Dass der Strompreis abends höher liege als am Tag, sei normal, „aber nicht um 900 Prozent.“

Wahr ist auch: Die Preise zeigen eine tendenzielle Knappheit bei der Erzeugerkapazität, so Marco Wünsch, Energieexperte bei Prognos: „Normalerweise setzt das so genannte Marginalkraftwerk den Preis im Strommarkt“, sagt Wünsch. Das sind jeweils jene Kraftwerke am Markt mit den höchsten Kosten für die Energieerzeugung. Ihre Betreiber bieten den Strom daraus im aktuellen Preisfindungssystem erst an, wenn die Nachfrage durch günstigere Kraftwerke nicht gedeckt werden kann. 

„Die marginalen, preisbestimmenden Kraftwerke in Deutschland sind derzeit Gaskraftwerke“, sagt Wünsch. Die Gestehungskosten der Gas-Kraftwerke liegen seinen Berechnungen zufolge aber nur bei rund 130 Euro je MWh, erklären also die 800 Euro bei weitem nicht. Die Differenz von über 650 Euro „deutet schon auch auf eine echte Knappheit hin“, so Wünsch.

Für die Industrie ist das ein Problem

Ein Problem sind die hohen Ausschläge vor allem für jenen Teil der Industrie, der seine Stromnachfrage kaum steuern kann, etwa weil er im Dreischichtbetrieb arbeitet. Aber auch für die Anbieter flexibler Stromtarife – wie Tibber oder 1Komma5 Grad und mit Abstrichen Enpal – sind die heftigen Ausschläge eine Herausforderung.

Eigentlich sollten deren Kunden von Schwankungen profitieren: Ist Strom billig oder gibt es sogar Negativpreise, wie es vor allem im Sommer und mittags der Fall, ist, soll Strom eingekauft und gespeichert werden. Ist der Strom teuer, klassischerweise in den Abendstunden, soll er mit Gewinn verkauft werden. Private Verbraucher, die flexibel auf die Tagesschwankungen reagieren können, sollen von niedrigeren durchschnittlichen Strompreisen als bei starren Tarifen profitieren. 

Ab Anfang 2025 müssen alle größeren Stromanbieter dynamische Tarife anbieten, also Stromtarife, die sich an der Entwicklung der Strompreise im Tagesverlauf orientieren.  Den ganzen vergangenen Sommer über haben die Marketing-Profis dieser Unternehmen Kurven mit Negativpreisen gezeigt und gelockt: Schaut doch, wie hier die Preise absacken. Wer hier nicht mitmacht, verschenkt Geld.

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1Komma5 Grad etwa lockt mit einem Strompreis, der über eine „Strompreisgarantie“ gedeckelt ist, seit dieser Woche bei 10 Cent für die Kilowattstunde im Jahresschnitt. Liegt der im Handel erzielte Strompreis darunter, zahlt der Kunde weniger. Die Preise würden eins-zu-eins weitergegeben, ohne Marge, heißt es. Für 6500 Kunden kauft und verkauft das Startup in Deutschland bereits Strom im Day-Ahead-Markt, heißt es.

Und was passiert, wenn die Preise über Wochen relativ hoch sind, wie in diesem Spätherbst? „Ein dynamischer Tarif ohne Smartmeter und Steuerung ist ein stumpfes Schwert“, sagt 1Komma5-Grad-Gründer und Chef Philipp Schröder. „Die Kunden, die nicht in ein integriertes System eingebunden sind, werden gerade verschreckt.“ Mit einem „integrierten System“ meint Schröder ein System, in dem 1Komma5 Grad „voll Durchgriff“ auf mehrere Anlagen des Kunden hat, also im Idealfall auf Wallbox, Wärmepumpe und Batteriespeicher. „Dann laden wir das Auto und die Batterie eben vor der Spitze“, sagt Schröder. „So können wir in den drei Stunden des Peaks den Haushaltsstrom bereitstellen. Unsere Kunden haben so zu den Zeiten der Höchstpreise überhaupt keinen Strombedarf. Wir umfahren die Höchstpreise.“ 

Technischer Knackpunkt dabei ist allerdings, dass ein Smart Meter, ein digitales Mess- und Steuergerät, installiert ist, über das sich das System steuern lässt. Auch ist ein Batteriespeichersystem mit einer Kapazität von mindestens 10 Kilowattstunden und eine Fotovoltaikanlage mit einer Leistung von mindestens 10 Kilowattpeak erforderlich. 

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Tibber, das sich auch mit dynamischen Tarifen zu profilieren versucht, verfügt nicht über so umfassende Steuermöglichkeiten. Dort heißt es nun, man setze auf frühzeitige Information der Kunden. „Wir haben die Preisentwicklung stets in Echtzeit im Blick und informieren unsere Kund:innen frühzeitig über Push-Benachrichtigungen in der Tibber App und über Mailings“, sagt Deutschland-Chef Merlin Lauenburg. „Wir erklären dabei jeweils auch, woher die Preisspitzen unserer Interpretation nach stammen und geben den Usern Empfehlungen, wie sie ihre Verbräuche so managen können, dass möglichst keine hohen Zusatzkosten entstehen.“ Schließlich gebe es bei allen Ausschlägen nach oben auch weiterhin solche in die entgegengesetzte Richtung, sogar mehr als in der Vergangenheit: 2023 habe es 301 Stunden mit negativen Strompreisen gegeben, allein bis Ende September 2024 seien es bereits 413 Stunden gewesen. Unterm Strich würden sich dynamische Tarife deshalb rechnen. „Langfristig und bei richtiger Optimierung zahlen Kund:innen mit einem dynamischen Tarif immer weniger als Verbraucher:innen mit einem Fixtarif, in den die Preisschwankungen eingepreist sind“, sagt Lauenburg.

Auch Enpal setzt wie 1Komma5 Grad auf einen „ganzheitlichen“ Ansatz, um von Preisschwankungen zu profitieren. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Münchner Startup Flexa, ein Joint Venture, an dem Enpal mehrheitlich beteiligt ist. Flexa soll nach und nach die Erzeugungsleistung der Enpal-Kunden bündeln, um größere Mengen Strom speichern und am Markt handeln zu können.  2025, so der Plan, soll Flexa „schrittweise bei dem größten Teil“ der Enpal-Kunden eingesetzt werden. „Am Abend mit sehr hohen Preisen können Haushalte mit unserem Energiemanagementsystem in das Netz einspeisen und aktiv Geld verdienen“, sagt Flexas Chief Technology Officer Sébastien Schikora. „Bei Haushalten, die noch nicht am Stromhandel teilnehmen, minimieren wir aktiv den Einkauf zu den teuren Zeiten.“ 

Bleibt es so teuer?

„Nein. Im Sommer wird es auch wieder richtig günstige Strompreise geben“, sagt Wünsch von Prognos. Worauf sich Industrie und Verbraucher aber einstellen sollten, sind stärkere Schwankungen, meint Wünsch, „und zwar nicht nur die viel diskutierten stündlichen, sondern auch ein ausgeprägtes saisonales Muster.“ Im Klartext: Im Winter wird der Strom tendenziell teurer sein als im Sommer. Und dreckiger, weil mehr Kohle- und Gaskraftwerke einspeisen.

Ein schnell wirksames Gegenmittel gebe es kaum, meint Maurer von Consentec. „Was langfristig hilft, ist bekannt, und es wird ja auch gemacht, aber es geht zu langsam.“ Maurer meint damit den Bau neuer Kraftwerke, vor allem schneller, flexibler Gaskraftwerke. Auch mehr stationäre Speicher wie Batterien würden helfen. „Batterien könnten selbst an so teuren Tagen  den Strom in den Morgenstunden relativ günstig für rund 90 Euro pro Megawattstunde einspeichern und ab 17 Uhr wieder ins Netz geben, das würde die Preisspitzen dramatisch senken“, sagt Wünsch. In Kalifornien, Australien oder auch in Großbritannien habe sich das bereits bewährt. Immerhin: An dieser Stelle tut sich was. Derzeit sind viele neue Batteriespeicher in Planung oder in Bau.

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