Editorial: Merz wird kein Wirtschaftswunderkanzler

In Rekordzeit ist Friedrich Merz zum Hoffnungsträger der Wirtschaft geworden, zu einer Projektionsfläche für all jene Sehnsüchte, dass es endlich wieder bergauf geht – und der schier unaufhaltsame Abstieg des Landes gestoppt wird.
Uff, eine ganz schöne Last.
Die Autorität des Kanzlers zerfällt derweil dramatisch, im Abgang zeigt er endlich Emotionen, bleibt sich aber treu: Er ist selbstgerecht und entrückt, das Gespür dafür, was los ist und was getan werden muss, hat er verloren. Die Dynamik des Wahlkampfs, der gottlob kurz werden wird, wird angesichts der Inflation im Kandidatenkreis spannend. In einem Land, in dem kaum was geht, ist alles möglich. Die besten Chancen aber hat Friedrich Merz. Und kann er’s besser?
Hoffentlich, denn so viele Optionen gibt es nicht mehr. Merz dürfte von einem Ludwig-Erhard-Effekt profitieren, dem Wunsch nach Neustart, weil das Ende der dysfunktionalen Ampel nicht nur alle erleichtert, sondern als Erlösung empfunden wird. Wenn die Signale an die Unternehmen klar sind, werden sie wieder Vertrauen in den Standort fassen. Was nicht heißt, dass sie automatisch wie wild investieren. Das wird harte Arbeit.
Man muss Erwartungen also dämpfen: Honeymoon, den hatten wir auch zum Ampelstart 2021, der kann schnell vorbei sein. Merz wird kein Wirtschaftswunderkanzler, auch er braucht Kompromisse, wird Allianzen schmieden müssen (was bisher nicht seine Stärke war). Die Energiepreise bleiben hoch, die Sozialabgaben auch, den demografischen Wandel kann niemand durch ein Basta aufhalten.
Die CDU hat sich zwar neu aufgestellt, aber ihr Wirtschaftsprogramm ist seit jeher geprägt von Dreiviertelmut und zaghaft, wenn es um Zumutungen geht. Sie sollte in dem Papier, das Christian Lindner hinterlassen hat, nicht nur blättern, sondern einige der Ideen umsetzen – zumal es keine neue Diagnose braucht, die Baustellen sind bekannt.
Die Frage wird sein, was nach der „Fortschrittskoalition“, die den Fortschrittskräften mehr geschadet hat, die neue Überschrift, die neue Vision fürs Land wird. Oder braucht es die gar nicht, reicht der Fleiß der Standortingenieure, die eine Agenda 2030 abarbeiten?
Die Antwort auf diese Frage sitzt bald im Weißen Haus: Donald Trump wird die nächste Regierung vor sich her, vielleicht in eine Rezession treiben, als gnadenloser Taktgeber und Quälgeist, dem die deutschen Tugenden, die wir wieder wecken wollen, herzlich egal sind.
Je früher wir sortiert sind und je klarer das Mandat für Merz, desto besser.
Lesen Sie auch: Das größte Risiko für Friedrich Merz bleibt Friedrich Merz