Zinsen sind Kurstreiber für den Dax
Foto: Getty Images, Illustration: Marcel ReyleRiedls Dax-Radar: Dax-Chance: Plötzlich werden die Zinsen zum Kurstreiber
Mit mehr als 20.700 Punkten im Tagesverlauf hat der Dax ein neues Allzeithoch erreicht. Das bisherige Verlaufshoch, das Mitte Dezember bei 20.523 markiert worden war, wird damit um knapp ein Prozent überboten. Nachhaltig ist das noch nicht, das wäre erst bei einem Übertreffen von zwei bis drei Prozent der Fall. Dennoch ist die jüngste Anstiegsphase bemerkenswert.
Sie findet immerhin in einem Umfeld statt, das für die Börsen keineswegs rosig ist: Die Konjunktur hierzulande lahmt, schon zwei Jahre hintereinander schrumpft die deutsche Wirtschaft. Für 2025 liegen die offiziellen Prognosen bei nur 0,2 bis plus 0,5 Prozent Wachstum.
In Amerika sieht es besser aus, hier legt die Wirtschaft um etwa drei Prozent zu. Dafür bleibt die Inflationslage angespannt: Zwar ist die Kerninflation in den USA, bei der Energie- und Lebensmittelpreise ausgeklammert werden, zuletzt etwas zurückgegangen, doch mit einem allgemeinen Anstieg der Verbraucherpreise von 2,9 Prozent zeigt die Preistendenz generell nach oben.
An den Bondmärkten kam es deshalb bis vor kurzem zu einem Kursrutsch und zu einem Renditeanstieg. In den USA sind die Zinsen zehnjähriger Staatsanleihen seit September von 3,6 auf 4,8 Prozent gestiegen, bei zehnjährigen Bundesanleihen ging es von 2,0 auf 2,6 Prozent nach oben.
Pause im Dollaranstieg und Stabilisierung an den US-Börsen
Doch genau von dieser Seite könnte nun vorübergehend eine Entspannung kommen. So haben sich die US-Renditen nach den jüngsten Inflationsdaten auf 4,6 Prozent ermäßigt. Die Dynamik des Renditerückgangs ist ähnlich wie in der zweiten Novemberhälfte. Damals dauerte die Abschwächung der Renditen etwa drei Wochen.
Bestätigt wird die jüngste Tendenz durch eine partielle Abschwächung des Dollars. Der Dollarindex DXY, in dem der Greenback gegenüber den wichtigen Weltwährungen verrechnet ist, hat von seinem jüngsten Hoch bei 110 Punkten wieder etwas nachgegeben.
Die Entspannung an den Anleihemärkten ist zwar zunächst nur kurzfristig, sie hat aber ausgereicht, den Aktienmärkten einen Schub zu geben. Dow Jones und S&P 500 haben damit wichtige Untergrenzen verteidigt: der S&P die Zone um 5850 Punkte, der Dow den Bereich um 42.000. Beide Kurven haben dabei zudem die kurzfristigen, seit Anfang Dezember bestehenden Abwärtstrends übersprungen.
Auch wenn der Technologieindex Nasdaq derzeit noch hinterherhinkt, könnte die jüngste Gemengelage aus Bond- und Aktienstabilisierung in den USA dem Dax für einige Wochen Luft verschaffen.
Airbus steuert mittelfristig Kurse um 200 Euro an
Zugute kommt dem deutschen Aktienmarkt außerdem, dass bei einer ganzen Reihe von Einzelwerten die geschäftliche Entwicklung wesentlich besser verläuft als bei der deutschen Wirtschaft im allgemeinen. Dazu zählt Flugzeugbauer Airbus, mit 125 Milliarden Euro Marktkapitalisierung einer der fünf entscheidenden Einzelwerte, die den Dax besonders tragen und letztlich für die gute Performance des Deutschen Aktienindex angesichts der schwachen deutschen Wirtschaft verantwortlich sind.
Während die Amerikaner im vergangenen Jahr 348 Maschinen ausgeliefert haben und wahrscheinlich das sechste Verlustjahr in Folge absolvierten, lieferte Airbus 766 Maschinen aus, 4,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Zudem dürfte der deutsch-französische Flugzeughersteller mit rund vier Milliarden Euro Reingewinn auch unterm Strich sehr gut abgeschnitten haben.
Der hohe Auftragsbestand von 8658 Maschinen signalisiert für die nächsten Jahre weiteres Wachstum. Banken rechnen bis 2026 mit einem zweistelligen Umsatzanstieg auf 85 Milliarden Euro und mit einem Nettogewinn von rund sechseinhalb Milliarden.
Für Airbus-Aktien dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sie ihr bisheriges Top um 172 Euro wieder erreichen und von da aus in neue Höhen vordringen. In den nächsten Jahren sollten Kurse um 200 Euro möglich sein.
Favorit Rheinmetall ist teuer, doch der Rüstungsmarkt bleibt robust
Größter Aufsteiger im Dax und immer mehr ein Bestandteil der Indextendenz ist Rheinmetall. Seit Beginn des Ukrainekriegs im Februar 2022 gehört Rheinmetall zu den Überfliegern der deutschen Börse. Während andere europäische Rüstungsaktien wie die britische BEA Systems seit einigen Wochen ins Stocken geraten sind und die französische Thales weit unter ihren Höchstkursen von Mitte 2024 notiert, ist bei Rheinmetall von Schwäche nichts zu spüren.
Im Gegenteil: Gerade erst hat der Düsseldorfer Rüstungskonzern einen wichtigen Auftrag aus Italien für sein neues Flugabwehrsystem Skynex bekommen. Dabei zählt nicht nur das Volumen des Auftrags, das sich insgesamt auf 280 Millionen Euro belaufen könnte. Ebenso wichtig ist, dass damit die Chance von Folgeaufträgen durch andere Nato-Staaten wahrscheinlicher wird.
Rheinmetall-Aktien sind mit knapp 30 Milliarden Euro Börsenwert und einem Umsatz, der im vergangenen Jahr bei rund zehn Milliarden Euro gelegen haben dürfte und in diesem Jahr bis zu 13 Milliarden Euro erreichen könnte, nicht mehr billig. Dennoch ist das Unternehmen als einer der weltweit führenden Rüstungskonzerne in einer Top-Position in einem Markt, dessen langjährige Aufwärtsentwicklung unverändert anhält. Selbst kurzfristige Rücksetzer der Aktie in den Bereich 650 bis 660 Euro dürften daran nichts ändern, sondern wahrscheinlich eher wieder Käufer anlocken.
Brände in Kalifornien führen zu erhöhter Nachfrage nach Versicherungen
Zu den starken Werten im Dax gehören die Assekuranzen Münchener Rück und Hannover Rück. Daran ändern auch die Großbrände in Kalifornien nichts. Insgesamt dürfte die Katastrophe in den USA die Versicherungsbranche an die 20 Milliarden Euro kosten, rechnet die Privatbank Berenberg hoch. Auf die Münchener Rück könnten 220 Millionen Euro entfallen, auf die Hannover Rück 180 Millionen.
Insgesamt wird dies die Schäden aus Naturkatastrophen nach dem schon teuren Jahr 2024 auf hohem, aber nicht überhöhten Niveau für die Versicherer halten. Zugute kommt ihnen dabei, dass sie geschäftspolitisch auf solche Fälle vorbereitet sind: Etwa indem sie die Grenzen, bei denen sie für Schäden der Erstversicherer einspringen, im Vergleich zu früheren Katastrophen angehoben haben.
Aktien der Münchener Rück und der Hannover Rück stecken seit September in einer Korrektur. Sowohl die operative Entwicklung in der Rückversicherungsbranche, bei der durch Katastrophen wie in Kalifornien die Nachfrage eher erhöht wird, als auch das gestiegene Zinsniveau kommen ihnen zugute. Beide Aktien gehören dank verträglicher Bewertung und stabiler Dividende zu den Dauerläufern im Dax.
Turnaround bei Zalando geht in die nächste Phase
Einen Kurssprung machen Zalando-Aktien. Das Jahr 2024 ist besser ausgefallen als erwartet: Der Umsatz kletterte um vier Prozent auf 10,5 Milliarden Euro, das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern lag nach ersten Berechnungen bei 510 Millionen Euro statt wie bisher gedacht bei 440 bis 480 Millionen Euro.
Zalando-Aktien haben sich schon im gesamten Jahr 2024 gut entwickelt. Dabei war die Aufwärtsentwicklung die erste Phase des großen Turnarounds, der nach dem Absturz von 2022 und der anschließenden Baisse von 2023 begonnen haben dürfte.
Mit mehr als acht Milliarden Euro Börsenwert bei gut zehn Milliarden Euro Umsatz ist die Aktie im Gegensatz zu den utopischen Kursen nach der Coronakrise nun auf einem realistischen Bewertungsniveau. Mittelfristig sollten die nächsten Ziele bei 40 bis 45 Euro liegen.
Auch wenn Zalando nur ein halbes Prozent der Dax-Gewichtung ausmacht und deshalb für die Gesamttendenz keine Rolle spielt, ist die Erholung der Aktie ein positives Signal für Deutschland und den Dax: Sie zeigt, dass die Kauflust und Konsumfähigkeit der Verbraucher offensichtlich nicht ganz so am Boden ist, wie es nach der allgemeinen Stimmungslage zuweilen den Anschein hat.
Fazit für den Dax: Die kurzfristige Entspannung an den Bondmärkten, die Stabilisierung der US-Börsen und der jüngste Aufwärtsdreh europäischer Aktienindizes sollten deutschen Aktien Rückhalt geben. Nachdem die Korrekturphase im Dax von Dezember bis in die erste Januarhälfte hinein etwa vier Wochen gedauert hat und auch die vorangegangene Kletterpartie von November bis Dezember dieses Ausmaß hatte, könnte sich das Börsenklima jetzt bis weit in den Februar hinein aufhellen.
Prägendes politische Ereignis dürfte dabei der Amtsantritt von Donald Trump werden. Zwar steht der neue US-Präsident für die deutsche Wirtschaft derzeit vor allem für Zollbelastungen. Doch gerade weil dieses Thema neben dem Zinsanstieg schon in der Korrektur der vergangenen Wochen für Unsicherheit gesorgt hat, könnte dies in den nächsten Wochen erst einmal in den Hintergrund treten.
Im Dax kommt es jetzt darauf an, dass der Index bei kurzfristigen Rücksetzern möglichst nicht mehr unter die bisherigen Höhen bei 20.400 bis 20.500 Punkten sinkt. Wenn dies gelingt, könnte es ähnlich wie von November bis Dezember einen Zugewinn von 1500 Punkten geben. Gemessen vom Korrekturtief bei knapp 20.000 Zählern ergäbe diese Projektion ein Potenzial bis auf etwa 21.500 Punkte.
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