Börsenwoche 499: Editorial: Europas Comeback
Wer hätte das gedacht? Donald Trump sitzt mit einer „America First“-Strategie wieder im Weißen Haus, neue Zölle drohen, die geopolitische Lage wird noch ungemütlicher und die neue KI-Sensation mit Namen DeepSeek kommt aus China. Trotzdem erlebt Europa an der Börse ein Comeback.
Der Dax ist seit Jahresstart zweistellig im Plus und schlägt sich um Längen besser als der US-Leitindex S&P 500 (siehe Grafik). Auch andere europäische Börsen entwickeln sich prächtig. Der französische Leitindex CAC 40 und der italienische FTSE MIB konnten ähnlich stark zulegen wie der Dax.
Das war nicht so geplant. Anders gesagt: Die Strategen an der Wall Street hatten eine andere Meinung. Mit Trump hätte der Boom an den US-Märkten nahtlos weitergehen sollen. Die Börse ist aber immer für eine Überraschung gut.
Letztes Jahr war es das überalterte und hoch verschuldete Japan, das zu Jahresanfang Anleger begeisterte. Dieses Jahr ist Europa dran. Obwohl die Wirtschaft des Kontinents schwächelt, die Demografie Sorgen bereitet und es an innovativen Unternehmen fehlt.
Irgendwann zählt die Bewertung von Aktien eben doch. Und Europas Aktienmärkte sind noch immer deutlich günstiger als die US-Börsen. Der Index Euro Stoxx 50 steht aktuell bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16. Der S&P 500 ist mit einem Wert von 25 deutlich teurer. Ganz zu schweigen vom technologielastigen US-Index Nasdaq, wo das durchschnittliche KGV bei 33 liegt.
Neben der Bewertung spielt es auch eine Rolle, dass viele Portfoliomanager breiter streuen wollen. Die meisten Aktienportfolios werden von US-Titeln dominiert, vor allem von den großen Technologiewerten wie Apple, Microsoft und Nvidia. Wer in den globalen Aktienindex MSCI World investiert, bekommt ein Portfolio, das zu rund drei Vierteln aus US-Aktien besteht. Europa macht kaum mehr als ein Achtel des Index aus. Selbst, wenn anteilsmäßig nur kleine Summen in europäische Märkte fließen, kann das die Kurse deutlich in die Höhe treiben.
Die Kehrseite davon: Schwindet das Interesse an Europa wieder, sind umso heftigere Kursverluste möglich. Der letztjährige Liebling Japan etwa ist schon wieder aus der Mode gekommen. Über zwölf Monate liegt der japanische Aktienindex Nikkei fünf Prozent im Minus. Der Dax konnte im selben Zeitraum 28 Prozent zulegen.
Sich einfach an den Aufwärtstrend der europäischen Börsen zu hängen, könnte gefährlich sein. Die Begeisterung von Profianlegern ist oft flüchtig. Außerdem ist unklar, wie gut europäische Aktien langfristig dastehen. Die Gewinnmaschinen sitzen noch immer in den USA. Software und Technologie bleiben die Grundlage der lukrativsten Geschäftsmodelle. Das sind keine Bereiche, in denen sich Europa besonders hervortut.
Klar, es gibt Ausnahmen. Die deutsche Softwareschmiede SAP ist ein Konzern von Weltrang. Ohne die Lithografiesysteme von ASML können keine modernen Chips gefertigt werden. Und für Langstreckenflugzeuge ist aktuell nur noch auf Airbus Verlass. Aber: Zusammengenommen sind diese drei Weltmarktführer gerade einmal so viel wert wie die amerikanische Supermarktkette Walmart. Mathematik kann manchmal grausam sein.
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