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Konkurrenz aus ChinaModebranche in der Krise: „Es tut in der Seele weh“

Düstere Gegenwart, finstere Perspektiven: Die deutsche Modeindustrie steckt in Schwierigkeiten. Auch im Ausland ist deutsche Mode weniger gefragt.Stephan Knieps 19.03.2025 - 09:08 Uhr

Deutschlands Mode-Einzelhandel ist in der Krise.

Foto: imago images

Auch wenn Gerd Oliver Seidensticker die Namen Shein und Temu nicht explizit nannte: Die beiden chinesisch-stämmigen Billig-Modehändler sind mit ihrer Expansionslust und ihrer Preispolitik mit ein Grund für die schlechte Stimmung in der deutschen Modeindustrie. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die deutsche Modeindustrie 3,7 Prozent weniger Umsatz im Vergleich zu 2023. Das sei „wenig berauschend“, kommentierte Seidensticker, Präsident des deutschen Modeverbands German Fashion und im Hauptberuf geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Hemdenherstellers, bei der Präsentation der Jahreszahlen am Montagvormittag.

Noch deutlich stärker gesunken sind 2024 die Exporte deutscher Modeunternehmen: minus 7,5 Prozent. Den größten Rückgang verzeichnet aus naheliegenden Gründen Russland (minus 20 Prozent), doch dahinter folgen mit Großbritannien (minus 18 Prozent), Irland (minus 15 Prozent), Tschechien (minus 14 Prozent) und Ungarn (minus 13 Prozent) vier weitere Absatzmärkte mit ebenfalls zweistelligem Umsatzeinbruch.

Ein Grund dafür ist laut German-Fashion-Hauptgeschäftsführer Thomas Lange „sicherlich die starke Konkurrenz aus China, die zum einen den Konsumenten auf direktem Weg mit Ware versorgt und zum andern aufgrund der eigenen schwächelnden inländischen Konjunktur verstärkt in unsere Top-Märkte drängt“.

Temu, das zum Konzern Pinduoduo (PDD) mit Sitz in Shanghai gehört, ist erst seit April 2023 in Deutschland aktiv. In den ersten neun Monaten 2024 ist der Konzern um rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf umgerechnet 38,5 Milliarden Euro Umsatz gewachsen. Laut eigenen Angaben bediente Temu innerhalb der EU durchschnittlich 93,7 Millionen monatliche Nutzerinnen und Nutzer, wobei Deutschland mit durchschnittlich 16,4 Millionen monatlichen Nutzern an der Spitze liegt. Und Shein konnte vergangenes Jahr um 18 Prozent zulegen auf 38 Milliarden Dollar.

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Grundsätzlich ließe sich der Siegeszug der beiden Plattformen auch als Chance begreifen. Temu etwa baut seit August 2024 seinen Marktplatz in Europa auf und spricht dafür lokale Händler und Hersteller an. Temu geht davon aus, dass zukünftig bis zu 80 Prozent des Gesamtumsatzes der Plattform von lokalen Händlern und Herstellern generiert würden. Genutzt aber wird diese Option bisher kaum. Wie viele deutsche Anbieter inzwischen über Temu verkaufen, sagt der Konzern selbst nicht. In der Branche sind kaum Beispiele bekannt. Zumindest bei Temu könnte es mit den umstrittenen Preisvorgaben zusammenhängen. Auch Shein bietet ein Plattform-Modell an. In der Vergangenheit tauchten dort vermehrt Produkte von Adidas und Puma auf - offiziell jedoch ohne deren Einverständnis oder Absicht.

Kaum Besserung in Sicht

Auch der Blick nach vorn bessert die Laune in der deutschen Modeindustrie derzeit nicht: „Aufgrund der nach wie vor schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage“ sei „die Stimmung in der Branche nicht zuversichtlich“, sagte Seidensticker. Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Modeverbands erbrachte „eine sehr vorsichtige Einschätzung für das laufende Jahr, die insgesamt unter den Erwartungen des Vorjahres liegt“. Der deutsche Modeverband German Fashion hat rund 350 Mitglieder. Die mit Abstand größten Mitglieder sind Puma (8,8 Milliarden Euro Umsatz) und Hugo Boss (4,3 Milliarden Euro Umsatz), sowie auf Händlerseite Zalando (10,5 Milliarden Euro Umsatz). Den größeren Teil der Mitglieder aber machen kleine und mittelständische Modefirmen aus.

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Und von denen stellen immer mehr den Betrieb ein. So sank laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Betriebsstätten in Deutschland 2024 von 83 auf 77, ein Rückgang um 7,2 Prozent. Und das sind nur die größeren Betriebe mit mindestens 50 Mitarbeitern. Wenn das Statistische Bundesamt voraussichtlich im Mai auch die Zahlen für kleine Betriebe ab 20 Mitarbeitern veröffentlicht, dürfte das Minus bei Betriebsschließungen „überproportional ansteigen“, heißt es von German Fashion.

Die Zahl der Insolvenzen unter Bekleidungsherstellern ist 2024 mit 43 Prozent überdurchschnittlich stark gestiegen. Im Mai 2024 etwa meldete Esprit wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung Insolvenz in Eigenverwaltung an. Bis Januar schloss das Modeunternehmen alle der zuletzt noch 56 Läden in Deutschland. Auch der Taschen-Hersteller Bree musste Anfang 2024 zum zweiten Mal Insolvenz anmelden. Und erst vergangene Woche hat der westfälische Damenmode-Konzern Gerry Weber zum dritten Mal einen Insolvenzantrag gestellt. Doch abseits der bekannten Marken, sagte Seidensticker, sind auch viele kleinere Modemarken vom Markt verschwunden: durch Betriebsaufgabe, weil das Geschäft unrentabel geworden sei, oder weil der Generationenwechsel nicht wie erhofft stattfinde.

„Wir müssen aus der German Angst raus“

Für Optimismus fehlte Verbandspräsident Gerd Oliver Seidensticker die Grundlage. Und versuchte es dann doch: „Wir müssen aus der German Angst raus!“ Eine halbwegs vitale Konsumlaune sei Bedingung für seine Branche. In den Nachbarländern wie etwa den Niederlanden, sagte er, gehe es doch auch: „Es tut weh in der Seele, wenn andere Märkte so viel robuster laufen als der heimische.“

Was ihm leise Hoffnung mache sei der anstehende Politikwechsel: Auch wenn er „immer skeptisch gegenüber Schulden“ gewesen sei, sagte Seidensticker, bewerte er das nun von Union und SPD angekündigte Sondervermögen für Infrastruktur als stabiles Zeichen und klare Marschrichtung. „Ich kann mir vorstellen, dass die politischen Akteure das gut hinbekommen. Dann kann man sich auch wieder mehr um den Konsum kümmern. Das wird nur nicht in sechs Monaten passieren.“ Schnellere Besserung erhofft sich die Modebranche hingegen von der sogenannten Omnibus-Richtlinie der EU-Kommission, welche die bürokratischen Berichtspflichten reduzieren soll.

Lesen Sie auch: Wie Zalando 2025 weiter an Fahrt aufnehmen will

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