Serie Globalisierung: "Amerika braucht einen Marshallplan"
Ian Bremmer, Politologe und Politikberater, im Interview mit der WirtschaftsWoche
Foto: Dirk Eusterbrock für WirtschaftsWoche
WirtschaftsWoche: Herr Bremmer, Europa und Amerika stecken in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise – ist das der endgültige Niedergang des Westens?
Ian Bremmer: Es ist das Ende der globalen westlichen Dominanz, das Ende des amerikanischen Zeitalters. Amerika kann sich die globale Führungsrolle nicht mehr leisten, weil es von ihr nicht mehr profitiert.
Weil das globale Macht- und Kraftzentrum längst nach Asien gerückt ist?
Amerika hat in den vergangenen Jahrzehnten die Globalisierung vorangetrieben – mit der Folge, dass unzählige Jobs von Amerika nach Asien abgewandert sind. Die Amerikaner spielten die globale Weltpolizei, waren der Helfer in der Not überall auf der Welt. Was haben die Kriege in Afghanistan und Irak den Amerikanern gebracht? Sie haben ein Milliardenloch in den Haushalt gerissen. Damit ist Schluss.
Meldet sich die Supermacht Amerika nicht vielmehr ab, weil sie nicht mehr mithalten kann mit den aufsteigenden Schwellenländern?
Das ökonomische Zentrum der Welt rückt zweifelsohne nach Asien. Natürlich ist Chinas Aufstieg der Grund dafür, warum Amerika seine internationale Führungsrolle nicht mehr wahrnimmt. Eine globale Machtverschiebung nach China sehe ich aber nicht.
Irak-Krieg
Obama war stets ein Gegner der Irak-Invasion, und im Wahkampf 2008 versprach er, den Krieg zu beenden. Er hielt Wort: Ende 2011 zogen die letzten US-Kampftruppen aus dem Irak ab.
Foto: dpaAfghanistan-Krieg
Nachdem er noch einmal die Truppenanzahl verstärkt hatte, legte Obama erstmals einen Plan für das Ende des Afghanistan-Kriegs vor: Bis zum Jahr 2014 sollen US-Kampftruppen das Land am Hindukusch verlassen haben.
Foto: dapdKampf gegen den Terror
Mit ähnlicher Härte wie Vorgänger George W. Bush geht Obama gegen Al-Kaida vor: Durch Drohnen-Attacken und Kommandoaktionen in Afghanistan, Pakistan und im Jemen wurde die Führungsstruktur des Terrornetzwerks geschwächt. Obamas Devise: Mit Al-Kaida kann man nicht verhandeln.
Foto: APOsama bin Laden
Es ist der größte außenpolitische Erfolg des US-Präsidenten: Im Mai spürten ein Spezialkommando der US-Armee den Al-Kaida-Chef in Pakistan auf und tötete den Staatsfeind Nummer eins. Obama ordnete den riskanten Einsatz persönlich an, gegen den Rat seiner engsten Berater.
Foto: dapdGuantanamo
Zwar beendete Obama kurz nach seiner Amtsübernahme wie versprochen die Folter als Verhörmethode der CIA und stoppte sowohl die Entführungen von Terrorverdächtigen aus anderen Ländern als auch die geheimen Gefängnisse des Geheidienstes. Doch ein Wahlversprechen ist noch immer offen: Der Präsident schaffte es nicht, das Gefangenenlager Guantanamo zu schließen. Oder er wollte es nicht.
Foto: dapdIran-Konflikt
Obama spart nicht mit kräftiger Rethorik, wenn es darum geht, den Iran vor dem mutmaßlichen Bau einer Atombombe zu warnen. Doch Teheran setzt sein Programm unbeirrt fort – und die US-Regierung muss zuschauen. Cyber-Attacken mit dem Computervirus Stuxnet, das aus US-Laboren stammen soll, immerhin haben Irans Atomanlagen offenbar empfindlich geschädigt.
Foto: dpaNahost-Politik
Die politischen Gegner werfen Obama vor, sich im Iran-Konflikt nicht klar genug um die Sorgen Israels zu kümmern. Überhaupt ist das Verhältnis zwischen dem US-Präsidenten und dem jüdischen Staat nicht unkompliziert: Der Amerikaner und Israels Premier verstehen sich nicht, die Lage im Nahostkonflikt hat sich in Obamas erster Amtszeit nicht gerade verbessert.
Foto: ReutersArabischer Frühling
Mit Unterstützung der Amerikaner haben libysche Rebellen Diktator Muammar Gaddafi gestürzt. Doch zu dem seit nunmehr mehr als ein Jahr tobenden Bürgerkrieg in Syrien scheint Obama kein Konzept zu haben. Derweil wird der Ruf bei den Republikanern lauter, die USA müssten mehr tun, um die Regimegegner zu unterstützen.
Foto: dapd
Warum nicht?
China wird in absehbarer Zeit nicht Amerikas Rolle als globales politisches Machtzentrum wahrnehmen können, weil es zu instabil ist. Es hat enorme wirtschaftliche und politische Herausforderungen zu meistern. Die Staatsunternehmen, das Bankensystem, das Rechtswesen, das Sozial- und Gesundheitssystem müssen reformiert werden. Das sind alles Veränderungen mit enormer innenpolitischer Sprengkraft. Ich wünsche mir, dass China damit erfolgreich sein wird, aber ich bin mir dessen nicht sicher.
Amerika hängt doch jetzt schon am ökonomischen Tropf der Chinesen.
Amerika hat den „Fluch des sicheren Hafens“. Es kann sich Geld von anderen Ländern leihen, weil diese in Amerika immer noch einen sicheren Hafen sehen. Solange diese Länder das tun, gibt es keine fiskalische Klippe, über die Amerika in den totalen wirtschaftlichen Abgrund stürzt. Die Notenbank kann also weiter Geld drucken und die Zinsen niedrig halten. Es fehlt die absolute Dringlichkeit, notwendige wirtschaftliche und politische Reformen einzuleiten. Und Amerika gilt auch deshalb als sicherer Hafen, weil die Lage in Europa und Japan noch schlimmer ist. Den Amerikanern fehlt schlicht der Zwang zum Handeln.
Der Investor Marc Faber ist für seine ökonomischen Prognosen weltweit bekannt. Für Asien skizziert er ein Szenario, dass China nicht gefallen wird.
In seinem Blog fasst er dies so zusammen: "I don’t think that in Asia at the present time there is any economic growth."
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheBrasilien, Chile, Argentinien. Das Wachstum in den Rohstoffländern, den Lieferanten von China, geht zurück. Diese wiederrum haben dann weniger Geld, um chinesische Waren zu kaufen.
Foto: dapdEgal ob Aluminium, Kupfer oder Stahl- Chinas Rohstoffkonsum sinkt. Laut einer Studie des Instituts für internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Bonn wird der Rohstoffverbrauch nicht mehr so stark steigen wie in den 20 Jahren zuvor.
Foto: IVAN ALVARADOEin weiterer Indikator für die ökonomische Stagnation sind die Zahlen Taiwans und Süd-Koreas. Der Export beider Länder, der auf China ausgerichtet ist, weist ein rückläufiges Exportwachstum auf.
Foto: dpa/dpawebWestlich von Hong Kong liegt die Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China, besser bekannt als Macau, Asiens Monte Carlo. Zwar steigen die Gesamtumsätze jedoch sinkt das Umsatzwachstum der Vermittler (Junkits), also derjenigen, die die Glücksuchenden nach Macau in die Casinos bringen.
Foto: REUTERSLouis Vuitton, Gucci, Prada. Die Luxusbranche kann sich nicht beklagen, zumindest nicht in Europa. Laut Fabers Prognose jedoch geht der Konsum von Luxusgütern zurück.
Foto: APLaut Fabers Einschätzung steigt der Stromverbrauch kaum noch. Weitere Studien geben ihm Recht. Im Vergleich zu 2011 sank das Wachstum des vierteljährlichen Energieverbrauchs um 5,9 Prozent.
Foto: REUTERSDie Baoshan Iron & Steel Co. verzeichnet einen Rückgang ihres Netto-Profits von 43 Prozent. Das Unternehmen ist nicht unbekannt, gehört es doch der Shanghai Baosteel Group Corporation an, Chinas zweitgrößten Stahlproduzenten.
Foto: REUTERSAuch die chinesische Bevölkerung spürt den Abschwung. Viele leisten sich nicht mehr das teure amerikanische Fast-Food. Statt Cheeseburger heißt es wieder Chop Suey. Dies hat auch negative Auswirkungen auf den Umsatz amerikanischer Ketten.
Foto: AP
Wie lange kann das noch gut gehen? Welche Wettbewerbsvorteile hat der Westen noch gegenüber den Schwellenländern?
Einen totalen wirtschaftlichen Abstieg des Westens wird es nicht geben. Wir dominieren in vielen wirtschaftlichen Bereichen: etwa in der Informations-, Bio- und Nanotechnologie. Amerika verfügt über enorme Energie- und Agrarressourcen. Wir haben Top-Universitäten, sonst würden nicht immer mehr Chinesen unsere Universitäten stürmen. Großen Konzernen geht es hervorragend. Aber die Masse der Amerikaner profitiert hiervon nicht. Amerika hat ein strukturelles Problem.
Welches?
"In der neuen Welt überleben Unternehmen nur, wenn sie sich verändern" Ian Bremmer
Foto: Dirk Eusterbrock für WirtschaftsWoche
Die schmutzige Wahrheit des Kapitalismus ist, dass viele Unternehmen keine freie Marktwirtschaft wollen, sondern Monopole. Der Staat muss aber dafür sorgen, dass kreative Zerstörung möglich ist, damit wir wettbewerbsfähig bleiben. Das ist in vielen westlichen Staaten nicht der Fall. Schauen Sie sich die Banken an oder die amerikanische Autoindustrie. Sie hat strukturelle Reformen in den USA erfolgreich verhindert. Dann kam die Finanzkrise. Unternehmen wie BMW kamen besser durch die Krise als amerikanische. Wir haben Reformen verschlafen und staatliche Privilegien genossen. Ohne die Hilfe der Regierung wäre die US-Autoindustrie wohl längst untergegangen.
Sind staatskapitalistische Systeme wie die in China unserem liberal-demokratischen Werte- und Wirtschaftssystem überlegen?
Nein, der Staat sollte private Unternehmen nicht übernehmen, aber er muss gleiche Bedingungen für alle Marktteilnehmer schaffen. In dieser neuen Welt werden Länder und Unternehmen überleben, die sich verändern und auf die neuen globalen Bedingungen einstellen.
Staatswirtschaften wie China reagieren darauf offenbar schneller als wir.
Der chinesische Staatskapitalismus hat das Land tatsächlich extrem vorangebracht in den vergangenen drei Jahrzehnten. Trotzdem ist er dem westlichen System nicht überlegen. Solange China die billigen Arbeitskräfte hat, werden sie uns überlegen sein. Dieser Vorteil ist endlich. Fällt er weg – und das ist nur eine Frage der Zeit –, dann fällt der Staatskapitalismus auseinander. Die chinesische Regierung weiß das nur zu gut. Sie muss den Konsum im eigenen Land und Reformen vorantreiben, um langfristig erfolgreich zu sein.
Wenn Amerika als globales Machtzentrum ausfällt und China nicht in der Lage ist, diese Rolle zu übernehmen – wer füllt dann dieses Machtvakuum?
Das ist das Dilemma, in dem wir stecken: Niemand übernimmt diese Rolle. Es gibt keine globale Führung. Ich nenne das die G-Zero-Welt – eine Welt, in der kein Land global führt. Jedes Land konzentriert sich auf sich selbst und seine Nachbarn.
America Movil
Carlos Slim: Der Günstling
Dass der Mexikaner Carlos Slim zum reichsten Mann der Welt und zum Global Player in der Telekommunikation aufsteigen konnte, hat er der Regierung in Mexico City zu verdanken. Als die staatliche Telefongesellschaft Telmex 1990 privatisiert wurde, bekam sein Konsortium den Zuschlag – zum Schnäppchenpreis von 1,8 Milliarden Dollar. Auch danach konnte er sich auf staatliche Schützenhilfe verlassen: Wettbewerber wurden kaum zugelassen, sogar die Gesprächsgebühren durfte der Telekomunternehmer ungestört erhöhen. Mit den Monopolgewinnen finanzierte der Günstling der Regierenden eine beispiellose Expansion in Mittel- und Südamerika: Bis auf Costa Rica, Venezuela und Bolivien ist America Movil in allen Ländern vertreten. Mit knapp 250 Millionen Kunden gehört das Unternehmen zu den größten Mobilfunkbetreibern weltweit und hat sogar die Deutsche Telekom überholt.
Jetzt wagt Slim den Sprung nach Europa. Er hat den Aktionären des holländischen Telekomkonzerns KPN ein Übernahmeangebot für knapp 28 Prozent der Anteile unterbreitet. Auch in Österreich, bei Telekom Austria, will Slim seinen Anteil von derzeit vier Prozent aufstocken. Dass der Mexikaner sich überhaupt nach Europa traut, ist nach Ansicht von Telekom-Chef René Obermann auch die Schuld der europäischen Regulierungsbehörden. Sie hätten mit dem Absenken der Mobilfunkentgelte den Aktien der europäischen Telekom-Konzerne geschadet − und damit Slims Offerten erst ermöglicht.
Foto: dpaArcelorMittal
Lakshmi Mittal: Der Unterschätzte
Für indische Verhältnisse stammt Lakshmi Mittal aus wohlhabenden Verhältnissen: Der 62-Jährige ist Sohn eines mittelständischen Unternehmers, der eine kleine Stahlschmelze betrieb. 1976 wagte Mittal senior mit dem Kauf eines Stahlwerks in Indonesien den ersten internationalen Expansionsschritt. Seinen damals 26-jährigen Sohn beauftragte er mit der Sanierung des Werks – für den Junior die erste Bewährungsprobe. Er bestand sie mit Bravour und expandierte anschließend nach Kasachstan, wo er ein weiteres Stahlwerk erwarb und sanierte. 1990 setzte er zum Sprung nach Westeuropa an, Brückenkopf für die Eroberung des alten Kontinents war Rotterdam. Unfreiwillige Unterstützung bekam er von seinen Konkurrenten aus Frankreich und Deutschland, die den Inder zunächst nicht richtig ernst nahmen.
Ein schwerer Fehler: Mittal kaufte zunächst kleinere Unternehmen wie eine Drahtzieherei in Duisburg, um dann 2006 zum Angriff auf den luxemburgischen Arcelor-Konzern anzusetzen, ein Zusammenschluss mehrerer europäischer Stahlunternehmen. Mit einem feindlichen Übernahmeangebot wurde Mittal zum größten Aktionär. Durch Verschmelzung entstand daraus ArcelorMittal, der mittlerweile größte Stahlkonzern der Welt.
Foto: dpaEmbraer
Fred Curado: Der Überflieger
Es gibt wenige Branchen, in denen Einsteiger aus Schwellenländern es so schwer haben wie im Flugzeugbau. Neulinge müssen nicht nur viele Milliarden Euro in die Entwicklung technisch perfekter Produkte und deren Vermarktung investieren. Weil die Fliegerei ein globales Geschäft ist, brauchen sie auch ein weltweites Netz zur Versorgung der Fluggesellschaften mit Ersatzteilen. Mauricio Botelho, von 1995 bis 2007 Chef des brasilianischen Flugzeugherstellers Embraer, gelang das in Rekordzeit. Es ist vor allem sein Verdienst und das seines Nachfolgers Fred Curado, dass der bei Botelhos Amtsantritt verlustträchtige Staatskonzern zu einem profitablen Ausrüster für Fluggesellschaften in aller Welt wurde. Internationalen Erfolg erlangte etwa der E-Jet genannte Flieger, der dank seiner großzügigen Kabine und moderner Elektronik als erster Jet für weniger als 100 Passagiere den Komfort und die Reichweite größerer Flugzeuge bietet. Geholfen hat den Brasilianern aber auch die Arroganz des bisherigen Marktführers Bombardier aus Kanada. Der glaubte nach einer Pleiteserie vor allem europäischer Hersteller wie Fokker aus Holland und der deutschen Fairchild Dornier seine CRJ-Jets nicht renovieren zu müssen, weil er den Markt der Regionaljets für 50 bis 110 Sitze zu beherrschen glaubte. Ein schwerwiegender Irrtum: Inzwischen hat Embraer bei Minijets fast ein Monopol. Bombardier dagegen rückt immer enger an den chinesischen Staatskonzern Comac heran.
Foto: dpaFoxconn
Terry Gou: Der Eigenbrötler
Rasch steigende Lohnkosten zwangen Terry Gou zuletzt, immer mehr seiner Fabriken vom Osten Chinas ins Landesinnere zu verlagern. Dort sind die Kosten deutlich niedriger. Doch der gebürtige Taiwanese, der sein Unternehmen Foxconn 1974 in einem Schuppen vor den Toren Taipehs gründete, will in den nächsten Jahren weiter sparen. Damit iPhones und iPads, Spielkonsolen und Laptops erschwinglich bleiben, will der Konzern – heute der mit Abstand weltweit führende Auftragsfertiger für Marken wie Apple, Samsung, Nokia oder Sony – in seinen chinesischen Fabriken rund eine Million Industrieroboter installieren. Hauptgrund für Gous Erfolg und den Unternehmensumsatz von zuletzt mehr als 100 Milliarden Dollar: Foxconn macht so ziemlich alles selbst, nur wenige Komponenten werden hinzugekauft. Seine größte unternehmerische Krise erlebte Gou, der in China rund eine Million Arbeiter beschäftigt, vor zwei Jahren: Innerhalb weniger Wochen nahmen sich in seinen chinesischen Fabriken 13 Foxconn-Mitarbeiter das Leben, angeblich wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen. Weil Apple um seine Reputation fürchtete, machte der Großkunde daraufhin gehörig Druck, und Gou erhöhte die Löhne.
Foto: dapdHuawei
Ren Zhengfei: Der Netzwerker
Der Name ist Programm: Huawei heißt „China kann was“. Dass das Unternehmen etwas kann, hat der Gründer Ren Zhengfei schneller bewiesen als von vielen Experten erwartet. Beim Bau von Mobilfunk- und Festnetzinfrastrukturen konnten die Chinesen mit Dumpingpreisen den etablierten Anbietern Ericsson, Nokia Siemens Networks und Alcatel-Lucent im großen Stil Marktanteile abjagen und zur Nummer zwei aufsteigen. Jetzt will Huawei auch im Geschäft mit Handys und Smartphones eine starke Marke schaffen und in der Liga von Apple und Samsung mitspielen. Bis 2015 will der Konzern, dem enge Verbindungen zu chinesischen Militärs und Geheimdiensten nachgesagt werden, zur Nummer drei unter den Handyherstellern werden. Kaum jemand zweifelt daran, dass den generalstabsmäßig vorgehenden Chinesen dies auch gelingen wird. Mit Exporthilfen von 30 Milliarden Euro von der landeseigenen China Development Bank subventioniert der Staat den Aufbau der zukunftsträchtigen Mobilfunkindustrie, Huawei soll das Vorzeigeunternehmen schlechthin werden. Während sich die westlichen Konkurrenten aufspalten und den Bau von Mobilfunknetzen von der Handy- und Smartphone-Produktion trennen, profiliert sich Huawei als Komplettanbieter mit eigener Chipproduktion, eigenen Smartphones und eigenen Komponenten für den Bau von Mobilfunknetzen.
Foto: APHyundai
Chung Mong-koo: Der Angstgegner
Noch in den Neunzigerjahren war Hyundai der Billigheimer aus Korea. Doch seit der Finanzkrise ist Hyundai mit der Tochter Kia der am schnellsten wachsende Autobauer der Welt. An der Spitze des Konzerns steht seit eineinhalb Jahrzehnten Chung Mong-koo. Der 74-Jährige führt das Konglomerat wie einen Familienbetrieb, alle Entscheidungen fällt er im Alleingang, seine Mitarbeiter verehren und fürchten ihn wie einen Kaiser. In diesem Jahr will Chung weltweit sieben Millionen Fahrzeuge verkaufen, zwei Drittel mehr als 2008 und fast drei Mal so viel wie im Jahr 2000. Seit dem Vorstoß in die Oberklasse sind die Koreaner zum Angstgegner von Toyota und VW avanciert. Dabei lief das erste eigene Fahrzeugmodell erst 1975 vom Band. Eine Mischung aus Toyota-Produktionssystem und Qualitätsmanagement nach den Six-Sigma-Prinzipien sichert den hohen Fertigungsstandard. Dank der billigen Heimatwährung Won können Hyundai und Kia auch über den Preis angreifen.
Foto: REUTERSSuntech
Shi Zhengrong: Der Komet
Seinen weltweiten Siegeszug in der Solarindustrie startete Shi Zhengrong in der nahe Shanghai gelegenen Industriestadt Wuxi. Kaum elf Jahre ist es her, dass Shi sein Unternehmen Suntech gründete. Heute ist er der weltweit größte Hersteller von Solarmodulen. Gut 3,1 Milliarden Dollar setzte der Konzern mit seinen Niederlassungen rund um den Globus im vergangenen Jahr um. Vier Jahre zuvor waren es gerade mal 1,3 Milliarden Dollar. Vor sieben Jahren wagte das Unternehmen mit seinen heute gut 20.000 Mitarbeitern den Sprung an die Börse Nasdaq und schrieb damit Geschichte: Suntech war das erste private Unternehmen aus China, das an der amerikanischen Technologiebörse den Schritt aufs westliche Parkett wagte. Shis Geschichte ist typisch für China. Kräftige Unterstützung der lokalen Behörden, eiserne Kostendisziplin und ein kompromissloser, aggressiver Expansionskurs im Ausland sind das Fundament für den kometenhaften Aufstieg von Suntech.
Foto: PressebildEmirates
Scheich Achmed: Der Hochmütige
Der Aufstieg der Fluglinie aus dem Emirat Dubai wird von Hochmut getragen. Letztlich brachte diese Geisteshaltung Scheich Achmed aus der Herrscherfamilie Maktoum 1985 dazu, eine Airline zu gründen – in einem damals kaum entwickelten Ministaat mit wenigen Touristen. Hochmut war es auch, als der fliegende Scheich beschloss, seine Fluglinie durch gigantische Flugzeugbestellungen zu einer der größten Gesellschaften der Welt auszubauen. Und es war der Hochmut der europäischen Mitbewerber, die Emirates zur heutigen Größe verholfen haben. Mit fast 180 Maschinen hat Emirates die größte Langstreckenflotte der Branche. Aus Deutschlands kaufkräftigstem Regionalflugmarkt Nordrhein-Westfalen transportiert Emirates mehr Passagiere nach Asien als die heimische Lufthansa. Die hat den Golf-Flieger genau wie British Airways oder Air France zuerst ignoriert, dann als teures Hobby der Herrscherfamilie belächelt und zuletzt als Subventionsempfänger gebrandmarkt und die eigenen Regierungen um Hilfe gebeten. Nur eines haben die Marktführer der Alten Welt lange versäumt: von Emirates zu lernen – indem sie sich schlanker organisieren und kundenfreundlicher werden.
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Mit welchen Folgen?
Die Welt wird volatiler, multipolarer, risikoreicher. Es wird mehr Protektionismus geben, es wird häufiger zu militärischen Konflikten kommen. Schauen Sie in den Mittleren Osten, auf Syrien: Die Amerikaner halten sich zurück, die Chinesen sowieso.
Wie agieren Regierungen angesichts der allgemeinen Führungslosigkeit?
Die Antworten der Länder sind unterschiedlich: Regionen schließen sich aus ökonomischen oder politischen Gründen zusammen – je nach Interessenlage. Japan, Taiwan oder Myanmar fürchten sich vor zu viel Macht der Chinesen in Asien. Sie gehen Bündnisse mit dem Westen ein. Die Chinesen machen mit vielen Ländern gute Geschäfte, haben aber kaum Verbündete, die ihre Werte teilen. Auch deshalb wird China nicht die Rolle einer neuen globalen Superpower übernehmen.
Kann die Politik diese multipolare Welt überhaupt mitgestalten?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir entwickeln internationale Organisationen, die nicht mehr global agieren. Oder wir machen mit sinnlosen Institutionen wie der G8 oder G20 weiter. Nehmen Sie zum Beispiel den Welthandel und den Klimawandel. Die Doha-Runde ist tot. Zu viele Länder mit unterschiedlichen Interessen einigen sich nicht, wie freier Welthandel aussehen soll. Da das Thema zu wichtig ist, schließen die Länder bilaterale und multilaterale Verträge ab – jedes Land nach seinen eigenen Interessen. Es wird also mehr Protektionismus geben. Das Thema Klimawandel ist offenbar nicht dringlich genug: Da geht es weiter mit den sinnlosen globalen Runden, kein Land übernimmt eine führende Rolle. Es wird zu keiner Einigung kommen, bevor das Problem nicht noch viel schlimmer wird.
Ist unser liberal-demokratisches Werte- und Demokratiemodell gescheitert?
Der amerikanische Exzeptionalismus hat in der Tat ziemlich gelitten in den vergangenen zehn Jahren. Schauen Sie sich den Folterskandal in Abu Graib im Irak an. Wie konnten Finanzskandale wie Enron, Worldcom, Lehman Brothers und jüngst Madoff in den USA passieren? Wir leben offenbar unsere eigenen Werte nicht mehr. Auf der anderen Seite: Stellen Sie sich einmal Wikileaks in China vor. Das würde wohl zu einer militärischen Reaktion der Chinesen führen.
Wie wird sich der Aufstieg der Schwellenländer auf unseren Wohlstand auswirken?
Die Schere zwischen Arm und Reich im Westen wird weiter auseinandergehen. Eine Minderheit in Amerika wird immer wohlhabender, eine Mehrheit wird an Wohlstand verlieren. Noch haben wir in Amerika nicht die Situation wie in Tunesien, wo sich die Leute aus Protest selbst anzünden. Aber Amerikas untere Bevölkerungsschichten sind nicht in der Lage, mit der Entwicklung in der globalen Welt mitzuhalten – ihnen fehlen die Möglichkeiten.
Braucht Amerika einen Neuanfang mit einem anderen Präsidenten?
Nein. Weder US-Präsident Barack Obama noch sein Herausforderer Mitt Romney haben tatsächlich einen Einfluss auf die Realpolitik in Amerika. Der Kongress und politische Interessengruppen haben das Sagen in Amerika.
Es ist egal, wer Amerika regiert?
Egal ist es nicht, aber in Amerika geben die Wähler Politikern ihre Stimmen, die mehr oder weniger ähnliche Ansichten oder Werte haben – das ist anders als etwa in Schwellenländern, wo ein neuer politischer Anführer tatsächlich das Land reformieren kann. Romney ist ein sehr moderater Republikaner. Er sagt das, was ihm hilft, gewählt zu werden. Genauso hat es doch Obama vor vier Jahren gemacht. Da gibt’s keine radikalen Unterschiede. Wenn Sie mit den Beratern der beiden sprechen, entdecken Sie viele Gemeinsamkeiten.
Wie kann Amerika seine strukturellen Probleme lösen?
Amerika braucht dringend einen Marshallplan, aber dazu ist die politische Klasse Amerikas nicht bereit. Das öffentliche Schulsystem ist schlecht. Strukturelle wirtschaftliche und bildungspolitische Reformen werden nicht eingeleitet. Wer künftig nicht mindestens einen College-Abschluss hat, wird auf dem internationalen Arbeitsmarkt nicht konkurrieren können. Das Problem ist offenbar noch nicht groß genug. Europa hat auch erst gehandelt, als sich die Lage zugespitzt hat.
Ist es nicht längst zu spät für eine Rettung des Euro?
Nein. Ich halte eine Bankenunion für eine gute Lösung, um die Probleme in der Euro-Zone in den Griff zu bekommen – es geht doch kein Weg an einer politischen und fiskalischen Union vorbei. Nur wollen das die Deutschen nicht wahrhaben, weil sie dann Souveränität abgeben müssen. Die Deutschen wollten die Griechen doch unbedingt in der Euro-Zone haben. Sie haben Griechenland Geld zu Bedingungen geliehen, die nicht der wirtschaftlichen Realität entsprachen. Warum? Weil sie gierig waren wie alle anderen. Die Deutschen sind genauso verantwortlich für die Euro-Krise wie die Griechen.
Welche Bedeutung wird denn eine Euro-Zone künftig global noch spielen?
Sie wird überleben, weil sie eine freiwillige Union ist, mit gemeinsamen Werten und Interessen. Viele Euro-Länder profitieren von dieser Union. Sie wird als politische und wirtschaftliche Kraft deshalb global eine größere Bedeutung spielen in dieser multipolaren Weltordnung – ob mit oder ohne Griechenland.