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Blick hinter die Zahlen #22 – Gesundheitssystem Warum der Corona-Tsunami ausblieb

Bisher ist Deutschland relativ glimpflich durch die Covid-19-Pandamie gekommen – nicht ökonomisch, aber mit Blick auf Infektionszahlen und Todesfälle. Das ist seinem vergleichsweise guten Gesundheitssystem zu verdanken.

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„Es ist die Ruhe vor dem Sturm, wir haben die Intensivstation verdoppelt und warten auf den Tsunami“, sagte Ralf Michael Schumacher Ende März. Heute ist der Leitende Oberarzt der Intensivstation am Helios Klinikum Niederberg in Velbert etwas gelassener. Der befürchtete Tsunami blieb Gott sei Dank aus. Zwar wurden Operationen und nicht notwendige Untersuchungen verschoben. Doch insgesamt konnten Patienten normal versorgt werden.  

So wie in Velbert sieht es in vielen Kliniken in Deutschland aus. Von insgesamt 31.763 Intensivbetten in Deutschland sind durchschnittlich 38,2 Prozent nicht belegt. Aktuell sind nur 548 Covid-19-Fälle zur Behandlung im Krankenhaus. Von ihnen müssen 321 beatmet werden.  

Gegenüber vielen anderen Ländern bietet das deutsche Gesundheitssystem umfassende Leistungen auf hohem Niveau und war so gesehen schon besser vorbereitet auf die Covid-19-Pandemie. Abzulesen ist das auch an den Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Diese sind höher als in allen anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU).  

Anzahl der Intensivbetten in Deutschland sowie Anteil der freien Betten

2018 wurden hierzulande über 4700 Euro für die Versorgung eines Patienten ausgegeben – rund 50 Prozent mehr als im EU-Durchschnitt. Die Zahl der Krankenhausbetten liegt mit knapp 500.000 um 60 Prozent höher als der EU-Durchschnitt. In Deutschland stehen je 100.000 Einwohner durchschnittlich 29,2 Intensivbetten bereit. Zum Vergleich: In Italien sind es je 100.000 Einwohner 12,5 und in Spanien 9,7. 

Intensivmediziner Schumacher lobt zudem die sehr effektiv arbeitenden deutschen Gesundheitsämter. Diese hätten mit preußischer Disziplin akribisch nach Infektionsketten gesucht. Das sei ein wichtiger Vorteil gewesen, etwa im Vergleich zu Italien oder Spanien. Und auch das gute Wetter habe geholfen, weil sich dadurch die Menschen viel im Freien aufgehalten haben. „Der Lockdown kam gerade noch rechtzeitig“, sagt Schumacher. Ein oder zwei Wochen später wäre die Welle größer geworden.  

Anzahl der Todesfälle in Deutschland pro Tag nach Jahren

In Deutschland verstarben bisher über 8900 Menschen an Covid-19. Das ist traurig. Ein auffälliger Anstieg der Sterbefallzahlen im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen Jahre ist aber nicht erkennbar. Nur im April lag die Zahl der Gestorbenen spürbar über dem Durchschnitt der Vorjahre. Aber das ist kein Vergleich zu der außergewöhnlich starken Grippewelle 2017/18. Diese allein hat nach Schätzungen mehr als 25.000 Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Im Mai lagen die Sterbefallzahlen gar unter dem Durchschnitt der Vorjahre. 

In Südeuropa ist die Coronakrise auch eine Verlängerung der Eurokrise. Gemessen an den Todesfällen sind Italien und Spanien besonders hart von Corona betroffen. Wie heute leidvoll zu spüren ist, wurden dort die Gesundheitssysteme sprichwörtlich zu Tode gespart.

Eine weitere Folge der Eurokrise: Wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern leben etwa in Italien und Spanien oft noch drei Generationen zusammen unter einem Dach. Die junge Generation dort kann sich die Gründung einer eigenen Familie einfach nicht leisten und bleibt länger im Elternhaus als in Deutschland.  

Anzahl der Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 bis Mitte Juni nach Ländern

Abzulesen ist das an den niedrigen Geburtenraten und an der Haushaltsgröße. In Italien bringt jede Frau im Schnitt nur noch 1,29 Kinder zur Welt, in Spanien sind es 1,26. Deutschland liegt mit 1,57 Kindern gar leicht über dem EU-Durchschnitt (1,56). Während in Deutschland aber pro Haushalt durchschnittlich zwei Personen leben, sind es in Italien 2,3 und in Spanien gar 2,5 Personen. Auch das erhöht das Infektionsrisiko.  

Trotzdem wurde auch hierzulande geschludert. Trotz Warnungen aus China wurden Vorbereitungen zu spät getroffen. Das Virus war längst da, aber in den Karnevalshochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz schunkelten noch Millionen Narren dicht an dicht zu Alaaf und Helau. Und der politische Aschermittwoch fand auch nicht in Videokonferenzen statt. 

Entwicklung der Gesundheitsausgaben in Deutschland

Anfangs hieß es, Masken bieten keinen effektiven Schutz. Gesagt wurde das aber nur, weil es schlicht zu wenig Masken gab. Erst als ausreichende Mengen beschafft wurden, kam die Maskenpflicht. Und auch Beatmungsgeräte waren nicht ausreichend verfügbar und mussten weltweit teuer eingekauft werden. Und dass es an entscheidenden Stellen zu wenig Krankenhaus- und Pflegepersonal gibt, war schon vor Covid-19 kein Geheimnis.  

Im Vergleich zur Wirtschaftsleistung stagnieren die Gesundheitsausgaben in Deutschland seit der Finanzkrise. Sie bewegen sich bei gut elf Prozent der Wirtschaftsleistung. Zusätzlicher Bedarf aber ist da. Allein weil die Bevölkerung älter wird. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird im Zeitraum bis 2035 um eine Million auf 3,8 Millionen steigen, prognostiziert das Beratungsunternehmen Wüest Partner. 

Und eine zweite Covid-19-Welle ist auch noch nicht vom Tisch. Intensivmediziner Schumacher gehen die jetzt getroffenen Lockerungen fast schon zu weit.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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