Weltfrauentag: „Arbeitszeiten müssen an die Kita-Öffnungszeiten angepasst werden“
WirtschaftsWoche: Frau Kohlrausch, überwiegend kümmern sich Mütter um die Kinder und den Haushalt, auch wenn sie erwerbstätig sind. Und das, obwohl Frauen und Männer weitgehend darin übereinstimmen, dass in einer Partnerschaft Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung gleichberechtigt aufgeteilt werden sollten. Wie kommt das?
Bettina Kohlrausch: Dafür gibt es zwei Erklärungen. Die erste lautet: diese theoretische Übereinstimmung zwischen Männer und Frauen scheitert an der Realität. Wir haben zum Beispiel eine unzureichende Betreuungssituation, die es unmöglich macht, sich mit zwei Vollzeitstellen um Kinder zu kümmern. Ein Großteil der Familien kann es sich nicht leisten, sich die Betreuung extern zu erkaufen oder möchte das nicht, wenn das Kind noch sehr klein ist.
Zweitens neigen Familien immer noch zu Rollenverteilungen. Das liegt zum Teil daran daran, dass Frauen immer noch weniger verdienen, da sie häufiger in schlecht bezahlten Branchen arbeiten. Da macht es mehr Sinn, auf das Gehalt der Frau zu verzichten. Danach arbeiten die meisten nur in Teilzeit weiter, und das setzt sich fort, bis das nächste Kind kommt. So entwickeln sich die Gehälter zwischen Mann und Frau immer weiter auseinander.
Welche Rolle spielen die Väter dabei?
Männer dürfen nicht aus der Pflicht gelassen werden. Aus unseren Umfragen geht hervor, dass Frauen egalitärere Rollenvorstellungen haben. Der Aussage, dass auch wenn beide Elternteile erwerbstätig sind, es besser sei, wenn die Verantwortung für den Haushalt und die Kinder hauptsächlich bei der Frau liege, stimmten 29 Prozent der Männer zu – dagegen nur 18 Prozent der Frauen. Es scheint, als ob unsere kulturell erkämpfte Gleichberechtigung für Frauen bedeutet, dass es zwar akzeptiert wird, dass sie erwerbsarbeiten, jedoch gleichzeitig auch erwartet wird, dass sie sich zusätzlich um die Sorgearbeit kümmern. Das führt zu einer doppelten Belastung. Es wird viel über die Notwendigkeit gesprochen, dass Frauen Erwerbsarbeit nachgehen, aber wenig darüber, dass Männer mehr Sorgearbeit leisten müssen, um das zu ermöglichen.
Schätzen Männer das auch so ein?
Ein interessantes Ergebnis in der Umfrage ist, dass Männer sowohl bei ihrer Leistung beim Thema Mental Load (dt. Mentale Belastung Anm. d. Red.) sowie bei der Sorgearbeit zu anderen Ergebnissen kommen als Frauen. Frauen sind durch diese Arbeit auch oft belastbarer, was dafür spricht, dass ihre Einschätzungen näher an der Realität liegen. Männer sind sich oft nicht bewusst, wie viel Zeit und Aufwand tatsächlich in die Sorgearbeit investiert wird.
Sie sagen, dass nicht beide Elternteile Vollzeit arbeiten können. Welches Stundenmodell könnte denn funktionieren, um gleichberechtigt Care-Arbeit zu leisten?
Ich will Paaren nicht vorschreiben, wer wie viel arbeiten soll, das muss individuell passieren. Eltern müssen gemeinsam entscheiden, was für sie konkret umsetzbar ist. Es ist wichtig, dass Väter möglichst die Hälfte der Elternzeit in Anspruch nehmen. Auch die Freistellung von Vätern nach der Geburt ist wichtig, um die Mutter in dieser anstrengenden Phase zu unterstützen. Es muss gemeinsam Verantwortung übernommen werden. Das heißt, dass auch der Vater mal die volle Verantwortung tragen sollte.
Wie können Unternehmen die Arbeitsbedingungen für Eltern verbessern?
Die Möglichkeit zu Homeoffice kann es Eltern erleichtern, ihre Zeit flexibel einzuteilen, um Arbeit sowie Kinderbetreuung besser zu vereinbaren. Zeitflexibilität könnte auch bedeuten, dass Eltern auch nachts arbeiten dürfen. Das hilft zwar, das Volumen der Erwerbsarbeit zu bewältigen, ist aber weder nachhaltig noch erholsam. Stattdessen müssen die Arbeitszeiten an die Kita-Öffnungszeiten angepasst werden können. Es soll nicht daran scheitern, dass die Kita erst um 8 Uhr aufmacht, man aber um 7:30 Uhr auf der Arbeit sein muss.
Außerdem muss eine kürzere Vollzeit mit 35 oder 32 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich möglich sein, vor allem bei den unteren Lohngruppen. Die Arbeitszeitdebatte ist sehr wichtig, weil wir, wenn wir über Arbeit sprechen, immer nur über Erwerbsarbeit reden und es dann heißt, Frauen arbeiten nicht so viel. Frauen arbeiten aber mehr, sie werden nur nicht dafür bezahlt. Es muss eine Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit stattfinden.
Unternehmen wie die Porsche AG und Bosch haben Betriebskindergärten. Wie wichtig sind solche Angebote für Eltern?
Kinderbetreuung ist natürlich der Schlüssel. Das Kita-Angebot reicht nicht aus und wo es da ist, kann es formal faktisch nicht eingehalten werden. Eltern kämpfen mit Ausfällen und Kürzungen und müssen selbst mit Arbeitszeitverkürzungen reagieren. Das ist ein strukturelles Problem. Wenn Firmen es sich leisten können, Kitaplätze anzubieten, ist es sicherlich entlastend für Familien. Hauseigene Kitas können auch ein Wettbewerbsvorteil im Fachkräftemangel sein. Gerade für junge Fachkräfte ist eine Kinderbetreuung ausschlaggebend und ein zentrales Kriterium. Trotzdem ist es gerade für kleinere Unternehmen wahnsinnig aufwendig und kompliziert, Kitas anzubieten. Einige Unternehmen kaufen sich deshalb gerne bei Kitas ein.
Transparenzhinweis: Dieses Interview erschien erstmals zum Equal-Care-Day am 29. Februar 2024 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es anlässlich des heutigen Weltfrauentags erneut.
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