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Fachkräftemangel Länger arbeitsfähig dank der Digitalisierung?

Es gibt immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, gleichzeitig steigt die Zahl der älteren Arbeitnehmer. Und der Finanzminister denkt über die Rente mit 70 nach. Die Technik könnte es möglich machen.

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ARCHIV - Ein Mitarbeiter des Antriebsspezialisten Wittenstein scant am 13.10.2014 im Zahnradwerk in Fellbach (Baden-Württemberg) mit einem Tablet PC einen Barcode an einer Maschine. Informationen über Arbeitsanweisungen werden in der Produktion nicht mehr per Handzettel, sondern digital weitergegeben. Foto: Bernd Weißbrod/dpa (zu lsw Meldung: «IG Metall will Rahmenbedingungen für Digitalisierung setzen» vom 24.06.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat laut über die Rente ab 70 nachgedacht - mit entsprechendem Echo bei Parteien und Gewerkschaften: Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will stattdessen die Flexi-Rente, bei der jeder so lange arbeiten soll, wie er kann und will. Eine deutliche Absage erteilt die IG Metall: "Sollte eine Partei so töricht sein, mit der Rente erst ab 70 in den Wahlkampf zu ziehen, wird sie die Gewerkschaften, allen voran die IG Metall, zum entschiedenen Gegner haben" sagte Vorstand Hans-Jürgen Urban. Schäubles Vorschlag bezeichnete er als "absurd".

Fakt ist: Die Deutschen werden immer älter und wegen der sinkenden Geburtenrate auch immer weniger. 2008 waren noch 50 Millionen Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 20 und 65 Jahre alt. 2030 werden es nur noch 42 bis 43 Millionen Menschen sein. Dadurch müssen immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, da sind sich alle einig. Entsprechend muss natürlich auch eher heute als morgen das Renteneintrittsalter diskutiert werden.

Warum soll jemand, der mit 85 noch Marathon läuft, nur bis 65 arbeiten können? Natürlich kommt es auf den Job darauf an: Der Maurer hat vielleicht mit 50 schon keine Kraft mehr, seinen Beruf auszuüben. Der Lehrer ist dagegen körperlich noch fit. Wenn die Psyche noch mitspielt, könnte er also theoretisch weiter arbeiten. Doch schon heute tun sich stehen immer mehr Unternehmen vor der Herausforderung, ältere Arbeitnehmer mit den Veränderungen durch die Digitalisierung vertraut zu machen. Viele ältere Semester haben einfach keine Lust mehr, sich auf Veränderungen einzulassen und kurz vor der Rente noch einmal etwas komplett Neues zu lernen, so die Erfahrung vieler Betriebe. Ältere Beschäftigte und Digitalisierung – passt das zusammen?

Laura Geiger vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (ifaa) sagt Ja: "Wenn die Technik gut gemacht ist und intuitiv zu bedienen ist, ist sie für Menschen jeder Altersstufe geeignet." Sie ist überzeugt: "Industrie 4.0 und Digitalisierung bieten die Chance, den Fachkräftemangel abzumildern." Denn die Technik kann das Arbeiten erleichtern - und somit die körperlichen Belastungen reduzieren, die einen späteren Renteneintritt erschweren. So könnten Roboter die physischen Anforderungen für Menschen in produzierenden Berufen erleichtern, genauso wie der Einsatz von Assistenzsystemen im Rahmen der altersgerechten Arbeitsgestaltung körperliche Defizite ausgleichen könnte. Die individuelle Anpassung von Arbeitsmitteln könne auf altersbedingten Veränderungen wie schlechteres Hören, Sehen oder Tasten eingehen. Laut ifaa könnte beispielsweise eine stärkere Vibration bei der Bedingung von Touchscreens den im Alter nachlassenden Tastsinn unterstützen.

Altersvorsorge: So viel Rente darf der Standardrentner erwarten

Damit das funktionieren kann, müssen Unternehmen ihren Mitarbeitern das Arbeiten aber nicht nur leichter machen, Unternehmen brauchen auch eine digitale Qualifizierungsoffensive, wie der VDI-Direktor Ralph Appel zum Auftakt der Hannover Messe forderte. Sie müssen die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter und lebenslanges Lernen konsequent und systematisch fördern und fordern. "Durch die Digitale Transformation ergeben sich gerade im Bereich des eigenständigen und lebensnahen Lernens neue Möglichkeiten, die noch besser auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtet sind", sagt Kurt D. Bettenhausen, Vorsitzender des interdisziplinären VDI-Gremiums Digitale Transformation.

Berufsprofile werden sich inhaltlich verschieben, indem Tätigkeiten mit mehr Wertschöpfung und Kreativität zunehmen werden. Damit steigen Eigenverantwortung und Selbstentfaltung. Bettenhausen: "Beispielsweise in einer Fabrik mit intelligenten technischen Systemen verändert sich die Rolle der Mitarbeiter. Sie werden immer mehr zu flexibel agierenden Problemlösern. Die Entwicklung neuer Berufsbilder und passender Angebote zur Qualifizierung muss dringend vorangetrieben und neue Weiterbildungsmodelle müssen eingeführt werden."

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