Kinder, Küche, Karriere #22: „Mein Privatleben sollte nie ein Hindernis für meine Karriere sein“
In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Karine (34) ist Investorin bei einer Venture-Capital-Gesellschaft. Ihr Ehemann Jan (41) ist im öffentlichen Dienst tätig. Gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter lebt die Familie in Berlin.
WirtschaftsWoche: Karine, wie viele Stunden arbeitet ihr beide in der Woche?
Karine: Wir arbeiten beide in Vollzeit. Ich arbeite sehr viel und reise fast jede zweite Woche, um Gründer zu treffen. Mein Mann arbeitet klassisch 40 Stunden, doch auch bei ihm gibt es Wochen, die darüber hinausgehen.
Wie beginnt ein normaler Tag bei euch unter der Woche?
Wir stehen um 6:30 Uhr auf. Ich übernehme das Anziehen unserer Tochter – was momentan jedes Mal eine kleine Verhandlung ist. Danach frühstücken wir kurz, packen ihren Rucksack und bringen sie in den Kindergarten. Wer von uns sie hinbringt, entscheiden wir je nach Terminkalender. Danach fahren wir beide ins Büro.
Habt ihr beide Elternzeit genommen?
Ich war schon acht Wochen nach der Geburt wieder im Job. Mein Mann hat dann zwölf Monate Elternzeit übernommen und unsere Tochter betreut.
Wie hat dein Umfeld reagiert, als du erzählt hast, dass du nach acht Wochen wieder einsteigst?
Die Reaktionen waren sehr gemischt. Viele sagten: „Nimm dir mehr Zeit für dein Kind, du wirst es später bereuen.“ Vor allem Frauen haben kritisch reagiert. Spannend ist, dass Frauen kritisiert werden, wenn sie keine Elternzeit nehmen – und Männer, wenn sie es tun.
Meine Kolleginnen und Kollegen haben meine Entscheidung gefeiert. Viele fragen mich, ob sich Karriere und Familie vereinbaren lassen. Ich sage immer: Ja, es geht! Für uns war es die beste Entscheidung. Mein Mann hat eine Bindung zu unserer Tochter aufgebaut, die er ohne diese Zeit nie gehabt hätte. Unser Kind hat zwei Eltern, die sich beide voll kümmern und Verantwortung übernehmen können.
Wer übernimmt jetzt die Betreuung?
Unsere Tochter ist nach den zwölf Monaten Elternzeit meines Mannes in die Kita gekommen. Außerdem haben wir seitdem ein Au-pair aus Armenien. Sie holt unsere Tochter gegen 15:30 oder 16 Uhr von der Kita ab und verbringt Zeit mit ihr, bis einer von uns Feierabend hat.
Abends übernehmen wir dann wieder als Eltern: Wir haben unsere kleine Routine und essen zusammen. Mein Mann liest ihr vor – das ist die schönste Zeit des Tages. Leider schaffe ich es nicht immer, dabei zu sein.
Wenn ich zu Hause bin und das Licht im Kinderzimmer ausgeht, setze ich mich wieder an den Rechner.
Woher kam die Entscheidung, ein Au-pair einzustellen?
Ohne unser Au-pair wäre es nicht möglich gewesen, dass wir beide weiterhin Vollzeit arbeiten. Außerdem ist es eine Win-win-Situation: Unser Au-pair möchte hier studieren und kann sich das Studium durch die Zeit bei uns finanzieren. Ich helfe ihr bei der Bürokratie und wir übernehmen die Kosten für ihre Deutschkurse. Sie spricht mit unserer Tochter auch Armenisch – so bekommt sie einen Zugang zu meiner Heimat.
Wie hoch sind die Kosten für das Au-pair?
Alles in allem sind das bis zu 1500 Euro im Monat.
Wann habt ihr das erste Mal über euer Erziehungsmodell gesprochen?
Darüber sollte man so früh wie möglich reden – idealerweise noch bevor man heiratet oder eine Familie gründet. Ich komme ursprünglich aus Armenien und bin mit 19 zum Studium nach Deutschland gezogen. Ich liebe meine Heimat – das Land, die Natur, die Menschen. Aber das Frauenbild dort ist sehr traditionell: Frauen stemmen den Großteil der Sorgearbeit. Mir war schon als Kind klar, dass ich diese Rolle nicht übernehmen würde. Das habe ich meinem Mann gleich zu Beginn unserer Beziehung gesagt. Auch, dass ich sehr früh wieder arbeiten gehen möchte.
Wie viel Zeit verbringt ihr beide jeweils mit unbezahlter Sorgearbeit in der Woche – also mit Kinderbetreuung, Erziehung, Hausarbeit?
Quasi die Zeit, in der wir nicht arbeiten oder schlafen. Wir versuchen gerade, uns wieder mehr Raum für eigene Dinge zu geben, etwa für Sport. Aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt den Fernseher eingeschaltet habe. Neben LinkedIn nutze ich auch keine anderen sozialen Medien.
Und wer übernimmt bei euch die Alltagsaufgaben – Geburtstagsgeschenke kaufen, Arzttermine vereinbaren, Essen planen, einkaufen?
Den Einkauf und das Kochen übernimmt komplett mein Mann. Die Wäsche ist meine Baustelle. Auch um Geburtstage kümmert sich mein Mann. Dafür plane ich unsere Urlaube und Familienbesuche. Bei dem Haushalt unterstützt unser Au-pair.
Gibt es Streitpunkte im Alltag zwischen deinem Mann und dir?
Nur einen: die Prioritäten. Ich erledige Dinge sofort, er ist entspannter. Manchmal macht mich das wahnsinnig – und gleichzeitig lerne ich dadurch, gelassener zu sein.
Wie sehen eure Wochenenden aus? Habt ihr richtige Familienzeit?
Ja, fast jedes Wochenende. Wir drei gehen spazieren, treffen Freunde, reisen unglaublich gern und reden viel miteinander. Unsere Tochter macht mittags ein Schläfchen, und diese Zeit nutze ich, um Organisatorisches zu erledigen. Wenn Arbeit anfällt, mache ich sie abends und nachts, um die Familienzeit freizuhalten.
Wie hat das Muttersein dein Berufsleben verändert?
Mein Privatleben sollte nie ein Hindernis für meine Karriere sein. Ich möchte beweisen, dass man Verantwortung übernehmen, Spitzenleistungen bringen und global unterwegs sein kann und gleichzeitig Mutter und Partnerin bleibt. Gerade junge Frauen sollen sehen: Man muss sich nicht entscheiden, man darf beides wollen.
Außerdem hat Muttersein mich fokussierter, stressresistenter und entscheidungsstärker gemacht.
Welche Tipps würdest du Paaren geben, die Kinder planen oder frisch Eltern geworden sind?
Erstens: Baut euch eine Infrastruktur auf. Das Anstrengendste in Deutschland ist die fehlende Infrastruktur. Viele leben weit weg von den Eltern, die Familie hilft kaum beim Großziehen der Kinder. Also muss man sich ein Unterstützungssystem aufbauen – über Freundschaften, Nachbarn, Nannys und so weiter. Zugegeben, das kostet Geld. Oft muss man sogar abwägen, ob es sich überhaupt lohnt, arbeiten zu gehen, wenn am Ende finanziell kaum mehr übrigbleibt als beim Zuhausebleiben. Leider ist das bei manchen die Realität. Ich betrachte diese Ausgaben jedoch als Investition in die Zukunft: Wenn junge Frauen im Berufsleben bleiben, profitieren sie langfristig von steigenden Gehältern, Beförderungen und einer soliden Altersvorsorge.
Zweitens: Lernt, das Baby auch mal abzugeben – für ein bis zwei Stunden. Es erleichtert später alles. Unsere Tochter konnte problemlos in den Kindergarten, weil sie schon Zeit mit Tante, Oma, Opa und Au-pair verbracht hatte. Das hat unser Leben sehr viel leichter gemacht.
Hinweis: Weil die Interviewpartnerin sehr persönliche Erfahrungen sowie Einblicke in ihre Finanzen teilt, nennen wir nicht ihren vollen Namen. Er ist der Redaktion bekannt.