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Homeoffice forever Wer bei Twitter anheuert, darf „für immer“ von zu Hause aus arbeiten

Homeoffice: Twitter lässt Mitarbeiter „für immer“ von zuhause arbeiten Quelle: imago images

Gerade ist es für viele Krisenalltag, von zuhause aus zu arbeiten. Viele Chefs wollen aber schnell zurück zur Normalität im Büro. Anders bei Twitter: Dort sollen auch nach der Krise alle im Homeoffice bleiben dürfen.

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Uneingeschränktes Homeoffice – was bislang nur in wenigen Unternehmen denkbar war, läuft gerade vielerorts einfach so. Da sitzt die Sprechstundenhilfe vom Hausarzt ebenso zuhause wie mancher Kundenservice, Ingenieur oder Fernsehjournalist. In Coronazeiten muss es einfach möglich gemacht werden, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Mancherorts hakt es, aber der Betrieb funktioniert in den meisten Unternehmen dennoch überraschend gut.

Viele Chefs stellen sich deshalb nun die Frage, welche Freiheiten sie ihren Mitarbeitern zukünftig bieten können oder sogar müssen. Ein bekannter Name hat nun bereits eine aufmerksamkeitsträchtige Konsequenz aus solchen Gedankenspielen gezogen: Twitter stellt sich auf einen dauerhaften Umbruch der Arbeitswelt durch die Coronakrise ein. „Wenn unsere Beschäftigten in einer Rolle und Lage sind, die es ihnen erlauben, von Zuhause aus zu arbeiten, und sie für immer damit weitermachen wollen, werden wir das möglich machen“, erklärte der Kurznachrichtendienst. Die vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass es funktioniert, wenn Menschen an verschiedenen Orten zusammenarbeiteten. Beschäftigte, die von Zuhause aus arbeiten können und wollen, müssen bei Twitter also nie wieder ins Büro zurück.

Nach jüngsten Angaben hatte Twitter zum Ende vergangenen Jahres 4900 Beschäftigte. Wie viele von ihnen diese Regel nutzen dürfen, ist nicht klar. Derzeit leisten aber alle Mitarbeiter Heimarbeit. Twitter gehörte zu den ersten Unternehmen, die nach Ausbruch der Coronakrise ihre Arbeitnehmer zum Arbeiten ins Homeoffice schickten. Die Büros sollen mindestens bis September geschlossen bleiben. „Es wird unsere Entscheidung sein, die Büros zu öffnen – und die Mitarbeiter entscheiden, wann und ob sie zurückkehren“, betonte Twitter-Personalchefin Jennifer Christie in einem Blogeintrag am Dienstag. Die meisten Dienstreisen würden bis mindestens September gestrichen und interne Veranstaltungen bis Jahresende abgesagt. Außerdem will Twitter offenbar sogar helfen, um sie für die Heimarbeit auszustatten. Laut einem Bericht der Website „Buzzfeed“ soll jeder Twitter-Mitarbeiter bis zu 1000 Dollar für Homeoffice-Ausstattung ausgeben dürfen.

Nicht alle Unternehmen können ganz auf Heimarbeit umschwenken, aber dass wohl alle sorgfältig darüber nachdenken, wer ins Büro zurückkehren sollte und wer weiterhin von zu Hause aus arbeiten könnte, zeigt auch das Beispiel Dell: Bei der Computerfirma werden künftig mehr Mitarbeiter aus der Ferne im Einsatz sein, „aber wir werden weiter Büros benötigen“, sagt die für digitale Planung zuständige Managerin Jen Felch. Manche Jobs ließen sich am besten dort erledigen. Als Beispiel nennt Felch Kundendienstmitarbeiter, die im Büro bessere Ressourcen hätten, Probleme mit der Ausrüstung zu diagnostizieren. Dennoch hat die Coronakrise bei Dell die Heimarbeitsquote schon jetzt deutlich verändert. Dell lässt während der Pandemie mehr als 90 Prozent seiner 165.000 Vollzeitkräfte weltweit von daheim arbeiten. Vor dem Ausbruch waren es 30 Prozent. Nach dem Ende wird der Managerin zufolge die Zahl bei über 50 Prozent liegen.

Ganz radikal reagierte das US-Start-up Range, das ebenfalls in San Francisco ansässig ist. Das Management des Start-ups, das sein Geld mit (digitalen) Teamarbeit-Systemen verdient, hatte vor der Pandemie den Büromietvertrag für seinen Firmensitz gekündigt und wollte nach größeren Räumlichkeiten suchen. Dann kamen die Ausgangsbeschränkungen und die Beschäftigten arbeiteten von daheim. Das lief so gut, dass Range sich dazu entschloss, es auf unbegrenzte Zeit dabei zu belassen – und eine sechsstellige Mietsumme fiel weg. Das habe neben den eingesparten Kosten vor allem einen großen Vorteil: Range muss sich bei der Suche nach neuen Mitarbeitern nicht auf Kandidaten aus San Francisco oder der Umgebung beschränken, wo astronomisch hohe Wohnkosten das Angebot an qualifizierten Kräften automatisch einschränken. Mit dem neuen Modell könnte problemlos ein Mitarbeiter auch in Los Angeles, Seattle oder Houston wohnen. Firmen-Mitgründerin Jennifer Dennard sieht aber auch einen Nachteil: Es kommt nicht mehr zu direkten Begegnungen zwischen Mitarbeitern, die Kreativität erzeugen können. Das Unternehmen will nun diesen Effekt durch verstärkte Online-Zusammenarbeit erzielen.

Können Twitter, Dell und Range nun Vorbilder sein für eine neue Arbeitswelt? Experten gehen davon aus, dass Corona durch die lange Heimarbeitsphase die Arbeitskultur vielerorts deutlich verändern wird. Einen radikalen, dauerhaften Umschwung gen Homeoffice erwarten die meisten allerdings nicht, sondern eher den typischen Zwischenweg.

Wie etwa die anderen mit Twitter und Dell vergleichbaren Riesen der Techbranche langfristig mit dem Thema Homeoffice umgehen, ist bislang nur wenig bekannt. Zumindest hat sich noch niemand von den großen Namen öffentlich geäußert. Aber Facebook und Google haben auch nahezu ihren kompletten Mitarbeiterstamm fern des Firmensitzes in den eigenen vier Wänden sitzen und sie stellen sich bisher darauf ein, dass viele ihrer Mitarbeiter noch bis Ende des Jahres von Zuhause aus arbeiten werden. Apple plant einem Bericht des Finanzdienstes Bloomberg zufolge die Rückkehr in die Büros in mehreren Wellen im Juni und Juli.

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Von technischen Tücken bis zu der Frage, wie Sie auch aus der Ferne beim Chef punkten: Unser großes Dossier zum Homeoffice in Coronazeiten finden Sie hier als PDF zum Download.

Mit Material von AP und dpa

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