Kinder, Küche, Karriere #13: „Wenn du als Medizinerin schwanger wirst, kommst du aufs Abstellgleis“
In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Melanie (31) ist angestellte Ärztin an einem Uniklinikum einer deutschen Großstadt. Gemeinsam mit ihrem Freund Jens (39), Arzt in derselben Klinik, hat sie eine zweijährige Tochter.
WirtschaftsWoche: Melanie, wie hast du dir das Familienleben vorgestellt, bevor du Mutter wurdest?
Melanie: Ich glaube, ich war wahnsinnig naiv, als ich an das Thema Familiengründung gedacht habe. Ich hatte eben so eine Traumvorstellung und wurde erst einmal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als das Kind dann da war.
War das in deinem Freundeskreis denn nie Thema?
Doch, klar. Leute mit Kindern erzählen einem ja immer, wie anstrengend alles ist. Aber da habe ich immer gedacht: Na ja, was alle so reden … jetzt stecke ich selbst tief drin und denke: Wow, das ist echt der Wahnsinn, was das für ein Leben ist. (lacht) Natürlich erlebe ich auch sehr viele schöne Sachen, weil es einfach toll ist, ein Kind aufwachsen zu sehen.
Wie viel Elternzeit habt ihr jeweils genommen?
Zuerst hatte ich zwölf Monate Elternzeit. Danach bin ich in Vollzeit zurück in den Job, während Jens erst drei volle Monate Elternzeit und im Anschluss noch einmal drei oder vier Monate Elternzeit in Teilzeit hatte. Dann haben wir getauscht, ich bin auf 70 Prozent gegangen, er wieder auf 100 Prozent.
Und würdet ihr das wieder so machen?
Ich fand es super für die Vater-Kind-Beziehung, dass die beiden zusammen Elternzeit hatten: Das würde ich auf jeden Fall wieder so machen.
Viele Freundinnen von mir haben nicht einmal zwölf Monate Elternzeit genommen. Damals habe ich gedacht: Oh Gott, man muss jetzt irgendwie ja auch feministisch sein und direkt wieder arbeiten – aber eigentlich war ich total froh über die zwölf Monate. Unsere Tochter hat sich nämlich sehr wenig für Essen interessiert und ich habe deswegen leider sehr lange stillen müssen. Am Ende der Elternzeit war das ein wahnsinniger Stress, dieses Gefühl zu haben: Ich muss jetzt bald wieder anfangen zu arbeiten, aber das Kind isst noch gar nichts!
Zwar hat man als stillende Mutter das Recht, Pausen zu machen, um abzupumpen und sowas, aber das ist so in unserem Job halt einfach nicht möglich oder nicht gut vereinbar.
Wie hast du das dann geregelt?
Das Abstillen fand ich wahnsinnig schlimm. Wir haben ein sehr dickköpfiges, willensstarkes Kind, das sehr penetrant war und unbedingt weiter gestillt werden wollte (lacht). Mir hat das viele schlaflose Nächte beschert, in denen ich emotional komplett an meine Grenzen gekommen bin. Alle haben mir immer gesagt: Na ja, sie wird schon nicht verhungern, wenn du nicht da bist, irgendwas wird sie schon essen – aber das will man ja eigentlich nicht provozieren. Es war ein Scheißgefühl.
Aber es hat dann doch geklappt?
Ja, ich kann nicht mehr genau sagen, wann. Erst hat sie vor allem Apfel-Bananen-Brei gegessen. Und in der Kita hat sie dann andere Kinder beim Essen gesehen und es ihnen nachgemacht. Ich bin sehr froh darum, dass es sich mit meinem Wiedereinstieg schnell geklärt hat. Ich hatte nämlich auch Kolleginnen, die nachts noch gestillt und tagsüber gearbeitet haben. Das ist der Wahnsinn …
Abgesehen vom Stillen: Wie war es für dich, nach über zwölf Monaten Abwesenheit wieder in den Klinikalltag zu starten?
Ich hatte wahnsinnig viel Respekt davor, wieder zu arbeiten. Ich hatte nämlich das Gefühl, meinen Kopf ein Jahr lang nicht angestrengt zu haben, und Angst, nicht mehr zu wissen, wie man sich konzentriert oder denkt. Die Idee, in Vollzeit wiederzukommen, fand ich aber total gut. Denn so konnte ich mich komplett aufs Berufsleben konzentrieren und wusste, dass mir zuhause der Rücken freigehalten wird. Das hat meinem Selbstwert gutgetan.
Hat dein Selbstwert in der Zeit davor denn gelitten?
Ich hatte öfter einen inneren Konflikt mit dem Gefühl, gerade nur Mutter zu sein – es ist schlimm, sowas überhaupt zu denken, denn es ist ja total schön, Mutter zu sein. Ich hatte nur nicht erwartet, dass das Arbeiten mir doch so wichtig ist und mich auch definiert.
Du hast bereits erzählt, dass du aktuell wieder nur in Teilzeit arbeitest. Ist das eigentlich so leicht in einem hektischen Klinikbetrieb mit hoher Arbeitslast? Es gibt ja schließlich Ärztemangel.
Das Reduzieren an sich ist einfach. Man schreibt einen Antrag und der geht meistens durch. Nur die Umsetzung der reduzierten Stunden ist total blöd.
Wieso?
Ich arbeite zum Beispiel in der Nierenheilkunde. Wir haben ein Schichtsystem mit Früh- und Spätdiensten. Ich arbeite zwar kürzer, muss aber die gleiche Menge an Patienten versorgen. So gesehen bin ich für die Klinik einfach nur eine günstigere Arbeitskraft, die das Gleiche leisten muss, was andere Kollegen mit zwei Stunden längerer Arbeitszeit leisten. Das Sinnvollste wäre meiner Meinung nach, statt weniger Stunden pro Tag einen Tag in der Woche weniger da zu sein.
Und das ist nicht möglich?
Doch. Aber man muss das schon durchboxen. Gewünscht ist es ehrlicherweise in meiner Klinik nicht. Und dabei haben wir schon einen ziemlich familienfreundlichen Chef.
Hast du dennoch das Gefühl, dass du Kind und Karriere ganz gut vereinbaren kannst?
Wenn ich richtig Karriere machen wollen würde, wäre mein Kind ein Stopper. Ich komme schon voran, aber natürlich langsamer. Wir haben Weiterbildungsordnungen, und je nachdem, welchen Facharzt man macht, muss man verschiedene Stationen ablaufen. Ich müsste zum Beispiel mal in die Gastroenterologie oder Hepatologie – aber das ist in Teilzeit mehr oder weniger unmöglich. Hier müsste meiner Meinung nach viel passieren. Es sollte ja keine Besonderheit sein, dass man als Teilzeitkraft, egal ob Mann oder Frau, trotzdem vorankommt.
Setzt dich das unter Druck?
Schon. Es wird zwar nicht ausgesprochen, aber ich habe trotzdem das Gefühl, es wird erwartet, dass ich meine Stelle wieder auf 100 Prozent aufstocke. Aber ich möchte das nicht. Für mich ist es aktuell schön, das Familienleben mitzubekommen und nicht nur zu arbeiten. Genau deshalb finde ich es wichtig, dass man an Lösungen arbeitet, um beides vereinbaren zu können.
Das Gefühl, wieder mehr arbeiten zu müssen, verspüren ja viele.
Es gibt in meinem Job auch immer noch etwas zu tun. Macht man pünktlich Schluss, denkt man, man geht eigentlich zu früh. Dabei hat man ja Feierabend. Gerade in der Medizin ist diese Denke sehr verankert.
Wie handhabt ihr es denn, wenn du wirklich mal länger bleiben musst?
Wir haben eine Betriebskita direkt neben unserer Klinik. Das ist praktisch, weil sie auch gute Öffnungszeiten hat. Wir können unsere Tochter schon um 7:30 Uhr hinbringen, theoretisch sogar noch früher. Zwischen 14:00 und 14:30 Uhr hole ich sie ab. Im Notfall könnte sie sogar länger bleiben. Aber das vermeiden wir, weil sie dafür eigentlich noch zu klein und nach dem Aufenthalt total kaputt ist. Unerwartet länger bleiben muss ich aber nie. Es gibt zwar immer noch Dinge, die ich machen könnte, aber die verschiebe ich dann auf die kommenden Tage.
Und was passiert, wenn eure Tochter krank ist?
Das ist eines unserer Konfliktthemen. Total doof, weil es ja darum geht, dass das Kind krank ist und wir eigentlich für sie da sein wollen. Aber in solchen Situationen fühlt man direkt wieder den Druck: Soll ich schon wieder fehlen? Mit Kind ist man selbst ja auch dauernd krank … mittlerweile versuchen wir, es etwas ausgeglichener zu handhaben. Zuletzt ist oft Jens daheimgeblieben, weil er eh schon 100 Prozent arbeiten darf. Damit ich das Gefühl habe, dass mein Beruf genauso wichtig wie seiner ist und ich nicht immer die Mutti sein muss, die zuhause bleibt.
Apropos Zuhause: Wie lebt ihr eigentlich?
Wir leben relativ zentral im Innenstadtbereich in einer Dreizimmer-Altbauwohnung zur Miete. Die Wohnung hat rund 100 Quadratmeter, ist aber leider nicht besonders gut geschnitten und liegt im dritten Stock mit sehr vielen Treppen. Aufgrund der hohen Mietpreise wollen wir aber auch nicht umziehen.
Auch nicht ins klassische Eigenheim mit Garten?
Wir wissen zurzeit nicht, ob wir nicht doch irgendwann zurück in Richtung NRW gehen wollen, wo wir beide herstammen. Außerdem sind die Preise gerade viel zu hoch, als dass wir uns das wirklich leisten können.
In welchem Bereich liegt denn euer Netto-Haushaltseinkommen?
Bei um die 7000 Euro, je nachdem, welche Schichten wir gemacht haben. Wir verdienen also echt ganz gut. Trotzdem merken wir, dass wir kaum noch Geld zurücklegen können und am Ende des Monats oft nichts mehr übrig ist. Wir fragen uns dann immer, wo das ganze Geld bleibt. (lacht)
Kauft ihr euch von dem Geld denn auch Unterstützung im Haushalt?
Wir würden gerne eine Haushaltshilfe haben, aber haben noch keine gefunden. Das Geld wären wir auf jeden Fall gewillt zu zahlen.
Unterstützt euch die Familie sonst bei der Vereinbarkeit?
Jens kommt aus Düsseldorf, ich aus Bielefeld und wir haben leider gar keine Familie hier oben. Die Großeltern sind dementsprechend bis zu fünf Stunden entfernt und im Alltag gar keine Unterstützung. Das wäre dementsprechend auch unser größter Antrieb, wieder nach NRW zu ziehen.
Wie teilt ihr euch auf und wer von euch trägt den größten Teil der Mental Load?
Das Organisatorische habe ich mehr im Blick. Das hat sich so ergeben und das finde ich auch in Ordnung. Jens macht mehr im Haushalt. Dadurch gleicht sich das etwas aus. Aber an manchen Tagen werde ich vom Mental Load völlig erschlagen und denke: Oh Gott, ich muss so viel im Blick haben, wer arbeitet wann, wer hat ein Dienstwochenende, was ist mit den Kita-Schließtagen, welche Oma kann vielleicht vorbeikommen?
Wie sprecht ihr euch mit den übrigen Aufgaben ab?
Leider haben wir gar kein festes Organisationsding – obwohl ich glaube, dass uns das total helfen würde. Wir sind nicht gut organisiert und schleppen uns von Woche zu Woche …
Plant ihr noch ein zweites Kind?
Auf jeden Fall. Früher dachte ich immer, ich bekäme drei Kinder im Abstand von je zwei Jahren. Davon bin ich gerade ganz weit weg (lacht). Auch, weil ich gemerkt habe, dass mir die Arbeit wichtig ist und mehr Spaß macht, als ich dachte. Nachdem ich so lange dafür studiert habe, ist es ein schönes Gefühl, voranzukommen und Sicherheit zu haben.
Das Problem ist: Wenn du als Medizinerin schwanger wirst, kommst du erstmal aufs Abstellgleis, darfst ganz viele Sachen nicht mehr machen, und kommst nicht voran. Deswegen habe ich mich auch schwer damit getan, schnell ein zweites Kind zu bekommen. Ich wollte auch meinen Körper wieder nur für mich, nicht schwanger sein, nicht stillen, ein bisschen Sport machen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das so wichtig sein würde. Ein zweites Kind wünschen wir uns trotzdem.
Was würdet ihr beim nächsten Mal anders machen?
Ich fände es schon gut, wenn der Vater dem Kind auch mal die Flasche geben kann, damit man als Mutter von Anfang an freier ist. Es gibt ja Frauen, die können damit total gut umgehen und das genießen. Ich habe es manchmal als anstrengend empfunden, dass man nicht mal zwei Stunden abends weggehen kann, ohne dass sie gegebenenfalls gestillt werden muss. Dabei will man als Mutter ja gar nicht ständig ausgehen - aber zu wissen, man kann es nicht, fand ich erdrückend.
Ich glaube, dass ein bisschen Gleichstellung in der Anfangszeit, die ja eh wahnsinnig mutterlastig ist, auch der Beziehung guttut – also dass der Vater das Kind auch mal mit Fläschchen ins Bett bringen kann und so, damit nicht alles an der Mutter hängen bleibt.
Und hast du manchmal das Gefühl, dass du einem Teil nicht gerecht werden kannst: Kind, Karriere, Partner?
Ja, leider andauernd. Und das ist natürlich total traurig.
Du gehst früher von der Arbeit, wo dann Tausend Sachen liegen geblieben sind, gestresst dein Kind in der Kita abholen, bist kaputt, kannst nicht auf das Kind eingehen, abends kommt dein Partner nach Hause, der auch kaputt ist …
Ich hoffe, dass es besser wird, wenn ich vielleicht wirklich nur noch drei oder vier Tage pro Woche arbeite. Man hat ja auch ein Kind bekommen, weil man Zeit mit ihm verbringen will. Ich will arbeiten, aber auch die Mutterschaft genießen, meine Tochter fördern, fordern und prägen, sie nicht aufs Abstellgleis verfrachten. Die Karriere kann theoretisch auch noch in zwei Jahren stattfinden.
Hinweis: Weil die Interviewpartnerin und ihr Mann anonym bleiben möchten, wurden ihre Namen geändert. Die vollständigen sind der Redaktion bekannt.
Dieses Interview erschien erstmals im April 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.