Kinder, Küche, Karriere #12: „Eltern sind einfach die krassesten Menschen. Das wird unterschätzt“
In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Peer (39) ist selbstständiger Coach. Er lebt mit seiner Frau Julia (40), Gründerin und Geschäftsführerin von Outfittery, in Berlin. Ihre gemeinsame Tochter kam 2023 zur Welt.
WirtschaftsWoche: Peer, du hast nach der Geburt eurer Tochter zwölf Monate Elternzeit genommen. Auch 2025 ist das noch nicht selbstverständlich. Wie kam es dazu?
Peer: Wie vieles im Leben war das ein Prozess. Noch vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich ein Jahr Elternzeit nehme. Meine Frau und ich haben uns damals zusammengesetzt und überlegt, wie wir uns das Leben als Eltern vorstellen. Dabei wurde mir klar: Ich will eine aktive Rolle übernehmen. Meine Frau hat – abgesehen von den gesetzlich vorgeschriebenen acht Wochen Mutterschutz – keine Elternzeit genommen. Sie hat bis kurz vor der Geburt Vollzeit gearbeitet.
Wie war die Zeit für dich?
Die Zeit verlief in mehreren Phasen. In den ersten zwei Monaten waren wir beide zu Hause, dann war ich allein mit dem Kind, später hat meine Mutter mich unterstützt. Am Ende kam die Kita-Eingewöhnung. Diese Abschnitte halfen mir, mein Selbstbewusstsein als Vater zu entwickeln. Vorher hatte ich zum Beispiel noch nie ein Baby gewickelt.
Viele Väter wissen nicht, was ihnen Elternzeit bringt. Warum ist das so?
Weil es kaum Vorbilder gibt. Für viele Männer ist es einfacher, in bestehenden Strukturen zu bleiben. Sie verdienen durch den Gender Pay Gap oft mehr, sind vielleicht älter und weiter in der Karriere. Natürlich fühlt sich eine lange Elternzeit wie ein Risiko an. Aber dafür entsteht eine enge Beziehung zum Kind – eine Bindung, die vielen Männern sonst fehlt.
Du teilst deine Erfahrungen auch bei LinkedIn. Von Frauen sieht man das selten. Was willst du damit vermitteln?
Eltern sind einfach die krassesten Menschen. Das wird oft unterschätzt. Elternsein ist der härteste Job – gesellschaftlich und wirtschaftlich. Es ist keine Lücke im Lebenslauf. Man wächst an den Aufgaben, lernt Geduld und Empathie – Fähigkeiten, die auch im Beruf zählen, ob als Führungskraft oder im Team. Das kann und sollte man Arbeitgebern zeigen.
Wie hat dein damaliger Arbeitgeber reagiert?
Ich war in einem normalen Angestelltenverhältnis remote bei einem französischen Unternehmen tätig. Dort sind die Elternzeitregelungen anders; es gibt deutlich weniger staatliche Unterstützung in Form von Elterngeld und Elternzeit. Für mich war es zum Glück kein Problem. Ich habe es angekündigt, es wurde zur Kenntnis genommen. Meine Kollegen und Kolleginnen dort haben sich für mich gefreut, dass in Deutschland Eltern so großzügig unterstützt werden.
War es dir wichtig, dass deine Frau ihre Karriere weiterverfolgen kann?
Meine Frau hatte schon vorher eine Karriere. Ihr erstes Baby war ihre Firma. Sie trägt Verantwortung für ihr Unternehmen und wollte schnell zurück. Ich ermögliche ihr das nicht, sondern übernehme Verantwortung für die Familie. Sie tut dasselbe, indem sie für Einkommen sorgt.
Wie regelt ihr eure Finanzen?
Wir haben einen Weg gefunden, uns finanziell auszugleichen. Meine Frau zahlt deutlich mehr und unterstützt mich bei meiner Altersvorsorge. So ermöglicht sie mir das Vatersein.
Schauen wir mal in euren Alltag. Wie beginnt ihr euren Tag?
Wir stehen meist um sieben gemeinsam auf. Nach dem Frühstück mache ich unsere Tochter fertig für die Kita, bereite ihre Brotdose vor und bringe sie gegen neun hin. Meine Frau startet etwas früher, macht morgens Pilates und beginnt gegen neun mit ihrem ersten Meeting. Ich starte direkt nach dem Kita-Wegbringen mit der Arbeit.
Arbeitet ihr beide von zu Hause aus?
Größtenteils, ja. Meine Frau ist ein bis zwei Tage pro Woche im Büro, ich arbeite die ganze Woche zu Hause. Drei Mal pro Woche miete ich für Coaching-Sitzungen einen Raum an, den Rest erledige ich remote.
Wie viele Stunden pro Woche arbeitet ihr?
Wir arbeiten beide Vollzeit. Meine Frau kommt als Geschäftsführerin auf weit über 40 Stunden, bei mir sind es knapp unter 40. Ich sehe mich als Erstbetreuungsperson für unsere Tochter. Mein Job erlaubt mehr Flexibilität, sodass ich einspringe, wenn unsere Tochter krank ist oder die Kita ausfällt. Das hat aber nicht nur mit meinem Job zu tun. Wenn man ein Kind hat, muss man flexibel sein wollen, anders wäre das nicht zu schaffen. Ich hätte gerne vor der Geburt realistischer eingeschätzt, wie viel Flexibilität wirklich gebraucht wird.
Bleibt eure Tochter dann denn ganzen Tag in der Kita?
Nein, sie wird fast jeden Tag um 15 Uhr von ihrer Oma abgeholt und verbringt dann noch bis 18 Uhr Zeit mit ihr. Meine Mutter ist nach ihrem Renteneintritt aus dem niedersächsischen Gifhorn nach Berlin gezogen, um uns bei der Betreuung zu unterstützen. Sie hat eine enge Bindung zu unserer Tochter und ist wichtiger Teil in ihrer Erziehung. Einmal die Woche bekommen wir außerdem noch Hilfe von einer Babysitterin.
War sofort klar, dass deine Mutter so eine aktive Rolle übernehmen wird?
Nein. Wir haben unsere Eltern vor der Geburt unserer Tochter ganz offen gefragt, wie sie sich ihre Rolle als Großeltern vorstellen. Sie haben sich Zeit genommen, darüber nachzudenken. Daraus ergab sich dann die Unterstützung meiner Mutter. Gemeinsam haben wir geschaut, wie wir ihr dabei helfen können und was sie braucht, damit es für alle passt. Wir haben zum Beispiel die Wohnungssuche in Berlin für sie übernommen. Das hat uns als Familie wieder zusammengerückt. Wir unterstützen uns gegenseitig viel mehr als früher, weil wir uns täglich sehen und wieder verstehen, was jeden im Leben umtreibt, von Sorgen bis Glücksmomenten.
Wann habt ihr Feierabend?
Meistens übernimmt einer von uns ab 18 Uhr den Staffelstab von der Oma. Unsere Tochter ist eine Eule, sie geht gegen neun ins Bett. Ab neun haben wir Zeit für uns, sprechen über den Tag, schauen mal TV oder lesen.
Nehmt ihr euch auch bewusst Zeit füreinander?
Alle zwei Wochen gehen wir Tango tanzen. Alle paar Wochen haben wir auch abends ein Date, da kommt die Oma wieder mit ins Spiel.
Wie teilt ihr die unbezahlte Sorgearbeit – Kinderbetreuung, Haushalt – auf?
Unter der Woche übernehme ich fast immer den Morgen. Außerdem putze ich, wasche die Wäsche und erledige alles, was dazugehört. Die Einkäufe bestellen wir gemeinsam samstags für die ganze Woche. Die Abende teilen wir flexibel, je nachdem, wer noch Termine oder mehr Energie hat.
Wie sieht es mit den unsichtbaren Aufgaben aus? Essensplanung, Geschenke, Arzttermine?
Meine Frau plant unsere Urlaube, kümmert sich um Geburtstagsgeschenke und die Kleidung unserer Tochter. Arzttermine übernehme ich typischerweise auch, dafür haben wir aber keine klare Regel. Wenn ich mit unserer Tochter beim Arzt bin, erlebe ich viel Wertschätzung, weil ich als Vater alleine dort erscheine. Natürlich freut mich das, aber Frauen bekommen nach meiner Beobachtung dafür weniger Anerkennung – es wird als selbstverständlich angesehen.
Wie organisiert ihr euch insgesamt, um den Überblick zu behalten?
Das kennen wir aus dem Job und haben es ins Private übernommen. Wir stellen uns hier nicht nur gegenseitig Termine ein, sondern schreiben auch To-do-Listen. Das ist alles sehr durchstrukturiert, aber genau das brauchen wir. Für die tägliche Abstimmung mit meiner Mutter nutzen wir WhatsApp-Gruppen. Da geht es oft um Kleinigkeiten wie Einkäufe oder welches Spielzeug unsere Tochter mit in die Kita genommen hat.
Was macht ihr heute anders, als ihr es euch vor der Elternschaft vorgestellt habt?
Natürlich läuft bei uns nicht alles perfekt. Wir sagen immer: Wir sind „Gut-genug-Eltern“ – und das reicht. Beide arbeiten wir Vollzeit und haben weniger Zeit für unsere Tochter, als wir manchmal gerne hätten. Umso wichtiger ist es uns, dass sie noch eine dritte feste Bezugsperson hat, zu der sie eine starke Bindung aufbaut.
Möchtest du anderen Eltern noch etwas mitgeben?
Für uns war und ist offene Kommunikation das Wichtigste, egal ob mit meiner Partnerin oder der Oma unserer Tochter. Es hilft, schon vor der Geburt gemeinsam zu besprechen, welches Familienmodell man sich vorstellt. Und auch danach regelmäßig zu prüfen: Sind alle in ihrer Rolle glücklich? Vieles muss immer wieder neu ausgehandelt werden.
Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals im März 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.