Karriereleiter: Von Markus Lanz Rhetorik lernen: So halten Sie in turbulenten Debatten den Kurs
Markus Lanz ist eine der prägendsten Persönlichkeiten in der deutschen Talkshow-Landschaft.
Foto: imago images„Hilfe, wenn mich jemand mit Einwänden unterbricht, gerate ich schnell aus dem Konzept und fange an, mich zu rechtfertigen.“
„Sobald mich jemand provoziert, springe ich drauf an und vergesse, was ich sagen wollte.“
„Ich ärgere mich oft anschließend, dass ich mich durch Bemerkungen von meinem roten Faden habe abbringen lassen.“
Aus meinen Trainings kenne ich diese Feedbacks reihenweise: Sobald in Diskussionen ein Windstoß von der Seite kommt, fangen viele an zu flattern – und verlieren ihren Kurs. Das Gute ist: Das kriegen Sie besser hin.
Wer es brillant beherrscht, unbeirrt bei seinem Anliegen zu bleiben, ist Markus Lanz. Er taugt hier meiner Meinung nach wirklich als Vorbild.
Ja, der ZDF-Talkshow-Moderator polarisiert. Weil er in seinen Sendungen oftmals aus seiner eigenen Haltung keinen Hehl macht. Aber das macht ihn hier für uns besonders spannend.
Denn in den meisten Diskussionen treten wir ja auch nicht als neutrale Moderatoren, sondern als emotional Beteiligte mit einer eigenen inhaltlichen Botschaft auf.
Was macht Lanz so gut? Zum Beispiel das hier:
1. „Darum geht’s nicht.“
Lanz: „Ist Putin ein Kriegsverbrecher?“
Urban: „Das bringt uns nicht weiter.“
Lanz: „Nein, ich frage. Ich will es gerne verstehen.“
Urban: „In der Ukraine sterben jeden Tag tausende Menschen.“
Lanz: „Antworten Sie bitte auf meine Frage.“
Urban: „Unsere Aufgabe ist es nicht, hier irgendwelche Schildchen anzuhängen an verschiedene Präsidenten. Wo fangen wir dann an? Nehmen wir die amerikanischen Präsidenten mit ihren Kriegen. Kriegen die von uns auch alle den Stempel?“
Lanz: „Whataboutism.“
(…)Urban: „Wenn wir ein Etikett verhängen, machen wir im Zweifel eine Verhandlungslösung noch schwieriger, als sie heute schon ist.“
Lanz: „Aber darum geht’s nicht.“ Um dann zu ergänzen: „Die deutsche Öffentlichkeit würde ja gerne mal verstehen, mit wem sie es zu tun hat.“
„Darum geht’s nicht.“ Das soll so toll sein? Oh ja, allerdings. Diese Coolness muss man erstmal aufbringen. Und Sie können sich das angewöhnen. Lanz spricht die Ablenkung durch sein Gegenüber knapp an – und fertig. Und das, ohne dessen Manöver näher zu erläutern. Lanz setzt darauf, dass alle Beteiligten spüren, dass er mit seinem Einwand Recht hat.
Er greift das Störgefühl auf, das er bei sich empfindet, und unterstellt, dass auch sein Publikum irgendwie merkt, dass der Gesprächspartner eiert, ausweicht oder versucht, Lanz das Wort im Munde herumzudrehen.
Verstehen Sie, was ich meine? Statt lange etwas zu erklären wie: „Sie versuchen hier mit Strategien der Diplomatie zu begründen, warum Sie mit Ihrer Meinung hinter dem Berg halten und nicht klar sagen: „Putin ist ein Kriegsverbrecher“. Dabei scheint mir offensichtlich, dass Sie es nicht sagen wollen, weil Sie die Putin-Fans in Ihren Reihen und unter Ihren Wählern nicht vergrätzen wollen...“, führt Lanz das Gespräch sofort auf die Frage zurück, bis Urban sich ein paar Sätze der Kontroverse später zur entlarvenden Antwort hinreißen lässt: „Die Frage beantworte ich nicht. Ich bin ja kein Militärhistoriker.“
Diese Antwort ist sehr aufschlussreich für ein Millionenpublikum: Hier gibt einer zu, aus Kalkül nicht zu sagen, was er denkt. Das kennen wir in anderen Fragen freilich reihenweise auch von anderen Parteien.
Der Satz „Darum geht es nicht“ schneidet ohne Umschweife also Ablenkungsmanöver ab. Ohne Argumente, die vom roten Faden wegführen. Tun Sie das auch. Wenn Sie etwa das innere Bedürfnis verspüren, die Augen zu verdrehen, weil so offensichtlich ist, dass jemand versucht, das Gespräch ad hoc zu sabotieren, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass sich lange Ausführungen zum entlarvten Manöver sparen lassen: „Darum geht es nicht“.
2. „Das habe ich nicht gemeint. Das wissen Sie ganz genau“
Eine gängige Markus-Lanz-Methode, die Wunder wirkt und Zeit und Nerven spart. Und die passt auf typische Konstellationen aus dem Job-Alltag:
„Wenn ihr wollt, übernimmt mein Team die Aufgabe. Dann könnt ihr euch auf das andere Projekt konzentrieren.“
„Du willst dir doch nur die Rosinen rauspicken, weil die Aufgabe so prestigeträchtig ist.“
Hier liegt es natürlich nahe, eine Rechtfertigungsorgie aus Empörung, Enttäuschung und gutem Willen loszulassen. Sagen Sie aber einfach: „Das habe ich so nicht gemeint und das weißt du“, dann kürzen Sie es souverän ab, ohne ein Argument zu liefern. Weil Sie selbstbewusst unterstellen, dass sich ja wohl alle einig sind, dass die Vorwürfe haltlos sind.
„Darum geht’s nicht“ und „Das habe ich nicht gemeint“. Warum kann Lanz sich diese Abkürzungen leisten?
Die Antwort darauf ist so einfach wie berauschend: Lanz setzt auf die Denkfaulheit aller beim Zuhören. Und das ist völlig legitim. Denn: Kein Mensch hat in der laufenden Diskussion an jeder Stelle Zeit und Muße, sich in Ruhe zu fragen: Wie genau und an welcher Stelle ist der andere denn genau ausgewichen, indem er etwa die Frage absichtlich anders auffasst, als sie offensichtlich gemeint gewesen war. Oder: Wie genau hat es Lanz denn gemeint?
Wir als Zuhörer oder auch Beteiligte sind doch froh, dass hier jemand gedanklich vorangeht und feststellt: Die Antwort passt nicht zur Frage. Oder: Die Einlassung geht am Thema der Diskussion vorbei.
3. „Ich schätze Sie sehr. Aber…!“
Manchmal liegt es auf der Hand, dem anderen zu sagen: „Das, was du gerade gesagt hast, ist wirklich blanker Unsinn.“
Nur laufen Sie damit Gefahr, als überheblich und unsympathisch wahrgenommen zu werden.
Markus Lanz hat sich hier ein Stilmittel angewöhnt, das ihm in der Sache konsequente Härte erlaubt: Honig ums Maul. Oder netter gesagt: Hochachtung auf der Beziehungsebene.
Sinngemäß so: „Sie wissen, ich schätze und mag Sie persönlich sehr und ich finde unsere Gespräche immer sehr spannend...“ und jetzt die Peitsche: „... aber ich kann jetzt nicht fassen, was für eine öffentlich haltlose Position Sie hier gerade vertreten. Merken Sie denn nicht, wie widersprüchlich Sie sich gerade verhalten?“
Wenn Sie klarmachen, dass die gnadenlose Grill-Attacke hart am roten Faden nichts am guten persönlichen Verhältnis ändert, können Sie in der Sache viel gelassener austeilen, ohne Angst, für immer Porzellan zu zerschlagen.
So bleiben Sie rhetorisch und inhaltlich auf Kurs – nämlich direkt beim Thema. In unserem Beispiel: Wie kann die Aufteilung der Aufgaben konkret aussehen.
Wann lassen Sie sich gerne kurz und knapp überzeugen, ohne lange nachdenken zu wollen: Ja wohl dann, wenn Sie dem Redner oder der Rednerin vertrauen. Und das tun wir alle vor allem dann, wenn wir Sympathie empfinden.
Deshalb sind all die unter uns im Vorteil, die von der beteiligten Runde als freundlich wahrgenommen werden, damit alle sagen können: Den mag ich, dem glaube ich gerne.
Dann lassen wir unsere anstrengenden Grübeleien gerne sein und sagen: „Wird schon stimmen“ – und weiter in der Diskussion.
Dass Markus Lanz sich seine Methoden leisten kann, spricht ein weiteres Mal für ihn. Nehmen Sie sich ihn zum Vorbild. Zumindest in den genannten Punkten. Viel Erfolg.
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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Kommunikations-Berater für Leute in Führungspositionen.
