Kollektive Hitzestarre: Nur weil es mal drei Tage warm ist, brauchen wir noch keine Siesta in Deutschland
Ausgedehnte tägliche Siesta? Die Arbeitsmoral der Spanier ist weit besser als ihr Ruf.
Foto: Getty ImagesDie Siesta ist ein Relikt der Vergangenheit. Einst gedacht für die spanischen Arbeiter, die mittags nach Hause fuhren – um von der Ehefrau bekocht zu werden. Lange her. Heute ist die Siesta in Spanien und anderen mediterranen Ländern ein sehr ausgedehntes Mittagessen. Und für die Deutschen eine Art Sehnsuchtsort. Ein bisschen Dolce Vita im Alltagsstress.
Und so darf man dann wohl auch die Anregung der Amtsärzte verstehen, die sich nun angesichts hoher Temperaturen für die Einführung einer Siesta im deutschen Sommer ausgesprochen haben.
Da ist es mal drei Tage warm zwischen Flensburg und Füssen – und schon sind Biorhythmus und Kapazitätsgrenzen der deutschen Arbeiterschaft in Gefahr? Wohl eher nicht. Die Forderung des Vorsitzenden des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes ist realitätsfremd. Auch die von ihm zitierten südeuropäischen Länder verfallen längst nicht mehr zwischen 13 und 16 Uhr in kollektive Hitzestarre.
Mehr noch: Für viele Spanier und Spanierinnen ist die Siesta inzwischen sogar ein Ärgernis: Richtig Zeit, um zur Familie zu fahren, Besorgungen oder Sport zu machen, ist da nicht. Die Siesta verlängert die Arbeitstage unnötig – und ist alles andere als nachahmungswürdig.
Entscheidend, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu gewährleisten, ist etwas anderes: der Mut von Personalverantwortlichen und Teamleitern, jedem und jeder einzelnen eine ganz persönliche Verschnaufpause zu ermöglichen und die Tage so zu gestalten, wie sie zum Leben der Angestellten passen, zu den eigenen und den Bedürfnissen der Familie.
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In Spanien hat sich in vielen Betrieben in den Sommermonaten die hora intensiva etabliert. Früh anfangen, sehr wenig Pause und Feierabend am Nachmittag. Einige Unternehmen reduzieren im Sommer die Arbeitsstunden und lassen dafür im Winter etwas länger arbeiten. Auch die Viertagewoche könnte ein Instrument sein, wo immer möglich, Spielräume zu schaffen und Stress abzubauen. Das ist natürlich aufwendiger zu organisieren, als eine Siesta zu propagieren, bei der selbstverständlich die Frage wäre, wie sie überhaupt genau aussehen soll.
Die Flexibilisierung der Arbeitswelt ist im Gange. Sie ist komplex, keine Frage. Angestellte und Chefinnen müssen einander viel vertrauen und abverlangen. Doch dieser Einsatz lohnt sich – und führt viel eher zum Ziel als eine populistische Forderung nach deutscher Siesta. Einem so gestrigen Instrument, das so längst nicht mehr existiert – und schon gar nicht für die Zukunft taugt.
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