Mehr Erfolg mit Englisch: Der US-Wahlkampf ist ein Lehrstück für öffentliches Dissen – und dagegen!
Ex-President Donald Trump
Foto: AP„The guy is weird“ and „creepy like hell“ – „der Kerl ist ein Spinner und macht einem höllische Angst.“ Egal, wie legit – also zulässig und richtig – Kamala Harris und Running Mate Tim Walz die flotten Urteile über Donald Trump finden, ihre Worte lassen rasch erkennen, dass es problematisch ist, andere Personen öffentlich zu attackieren. Es tut nichts zur Sache.
In Grundkursen für Rhetorik gilt es als Scheinargument „gegen den Menschen“ – „ad hominem“. Gerede über die Abstammungen von Barack Obama oder Harris zählen ebenso dazu wie Kommentare über Trumps Haarfarbe oder die Größe seiner Hände.
Trotzdem ist es einem manchmal ein Bedürfnis, auch wenn man sich nicht in einem Wahlkampf befindet, der die Welt bewegt. Man möchte zeigen, wer und wie ein Gegenüber wirklich ist und dass sich die Person nicht für sachliche Auseinandersetzungen eignet. Zu einer gründlichen Diskreditierung kann es beitragen, heikle Fakten, Zitate, Tonbandaufnahmen oder Fotos zu veröffentlichen – gemäß der „Call it out“ Strategie. Doch sind es bloß vordergründige Vorwürfe und Urteile, fällt das Manöver unters „Dissen“ – das vom englischen Disrespecting stammt und übrigens seit 2000 im deutschen Duden steht.
Bisher habe ich das Thema in dieser Kolumne ausgelassen oder besser gesagt vermieden, „unter die Gürtellinie zu gehen“ – I spared and avoided writing about going low. Schließlich ist es ein kommunikativer Notstand, der andere bloßstellt und dabei auf einen selbst zurückfallen kann: als aggressiv, intrigant und im besten aller schlechten Fälle als überheblich. Eine Grundregel im halbwegs zivilisierten beruflichen und privaten Miteinander sowie in allen Wettbewerben lautet deshalb, nicht zu dissen.
Donald Trump hat sich daran noch nie gehalten. Er ist dafür regelrecht berühmt und hat sich genau genommen für jede Debatte disqualifiziert. Seit Jahren wirft er mit Schmähungen und Lügen um sich. Vieles, was er sagt, ist handfester als weird und unterirdischer als die Hölle. Wenn öffentliche Verunglimpfungen, Beleidigungen, Herabwürdigungen und üble Nachrede – vilifications, slurs, slander, libel – strafbar werden, sind sie nicht mehr hinnehmbar. Doch Trump ist mit dieser Taktik weiter im Rennen um die nächste Präsidentschaft.
Was ist also mit den Demokraten, die nicht daran denken, aufzugeben? In Anspielung auf Trumps oft wiederholte Beleidigung, Joe Biden sei „Sleepy Joe“, beschwört Demokrat Walz: „We’ll sleep when we're dead.“ In neuen Umfragen hat das Team Harris-Walz einen Vorsprung, so dass sie sich immerhin von hopeless zu hopefuls entwickelt haben. Im Englischen sind „Aspiranten“, etwa auf das Präsidentenamt oder eine Olympiamedaille, (presidential, Olympic) hopefuls.
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Zur neuen Offensive der frischen Hopefuls zählt auf einmal das Gegenteil dessen, was Michelle Obama den Demokraten noch in den Wahlkämpfen 2016 und 2020 riet: „When they go low, we go high“ – sinngemäß: Wenn sie uns unter der Gürtellinie attackieren, bleiben wir sauber! Hillary Clinton hielt 2018 dagegen: „You can be civil, but you can‘t overcome what they intend to do unless you win (elections) – Du kannst anständig sein, aber Du kannst ihr Spiel nicht vereiteln, solange Du nicht gewinnst.“ Mit der hochnäsigen Diffamierung „deplorables“ – die Erbärmlichen – hat Clinton bekanntlich nicht gewonnen. Inzwischen ist man offenkundig noch mehr umgeschwenkt auf die Devise des früheren demokratischen Generalbundesanwalts Eric Holders: „When they go low, we kick ’em!“
Aaron Blake hat in der Washington Post die Frage gestellt, wie tief die Demokraten gehen können und sollten, um zu gewinnen. Dabei frage ich mich, was sich von dem rhetorischen Tiefgang lernen lässt: für eigene Auseinandersetzungen – und womöglich auch für mehr Erfolg mit Englisch?
Ein generelles Problem drückt sich im Pronomen „they“ aus – die „anderen“, deren Betrachtung und Bewertung zwangsläufig zu einer Ab- und Ausgrenzung führt. Dieses sogenannte Othering prägt viele politische Kampagnen und jeden Wahlkampf, der von ein oder zwei Hopefuls geführt werden mag, aber letztendlich von rivalisierenden Gruppen entschieden wird. Wer nun einen der Anführer in irgendeiner Weise disst – und sei es nur als „komisch“ oder „unheimlich“ –, greift gleichzeitig die Gruppe hinter ihm an. Konkret: Eingefleischte Anhänger der Republikaner, die sich von den Vorwürfen gegen Trump angesprochen fühlen, sind noch weniger bereit, das Lager zu wechseln. Traditionelle Wähler der Demokraten, die einmal fremd gegangen sind, könnten wieder zurückkehren, damit ihnen nicht „weird“ anhaftet. Ich glaube, der jüngste Strategiewechsel der Demokraten zielt ab auf diese – nicht kleine – Gruppe.
Außerhalb von Wahlkämpfen – in Unternehmen, in einem Projekt oder in anderen Geschäftsbeziehungen – ist die Lage selten vergleichbar dynamisch, doch „Othering“ spielt trotzdem eine Rolle. Durch gezieltes Dissen kann es verstärkt werden. Wenn etwa hinter Eigentümern, Geschäftsführern oder Leitern von Abteilungen Gruppen stehen, die sympathisieren und sich solidarisieren. Wer die gesamte Organisation oder ihren Kopf als weird, strange, psycho, creepy oder pathetic bezeichnet, gibt vielmehr die eigene Resignation zu verstehen, als die anderen zur Aufgabe zu bewegen.
Vor allem sind weird und creepy ganz eigene, seltsam unkonkrete und launische Begriffe, die an Zank auf dem Schulhof erinnern – auf Englisch bickering. Entsprechend kindisch war Trumps Reaktion: „They‘re the weird ones. Nobody‘s ever called me weird.“ Auf Deutsch: „Selber!“
Als ich 15 war, schenkte mir ein Mädchen aus den USA ein selbst gesticktes Kissen mit der Aufschrift „Love is a weird feeling“. Der Spruch nahm mir nicht die Lust auf die Liebe – aber auf das stickende Mädchen. Selbst wenn es Menschen gibt, die nicht „sonderbar“ sein wollen – und Kolumnist Blake gar so weit geht, die Demokraten hätten mit weird Trumps „Supermancode“, the kryptonite, geknackt –, muss man bedenken, dass weirdness (ähnlich wie Nerd-Sein) als Kompliment verstanden werden und deshalb Gruppengeist erst schaffen und verstärken kann.
Wenn schon Dissen, würde ich dazu raten, es anschaulicher und emotionsloser zu tun. Also nicht die Person insgesamt anzugreifen, sondern stets inhaltliche Bezüge herzustellen und unmissverständliche Wertungen an möglichst konkrete Beispiele zu koppeln:
– His extravagant outfit was inappropriate for the event.
– The colours in her presentation sported our competitor‘s corporate design.
– It's not his first plan that lacks a timeframe.
– Her budget is worrying.
– The examples he used in the q&a part were distasteful.
– Her conclusion was inconclusive.
– This Column was far too long.
Unser Kolumnist ist u. a. Autor des Bestsellers „Hello in the Round! Der Trouble mit unserem Englisch und wie man ihn shootet“. Das Buch ist bei C.H. Beck erschienen.
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