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  4. Von wegen Renteneintritt mit 67: Politik und Gesellschaft sollten die Rente ab 70 akzeptieren

Rente mit 70Die Hütte brennt. Und sie brennt lichterloh!

Das Problem der Rente mit 70 ist nicht, dass sie unsozial oder ungerecht wäre. Sondern dass sich Politik und Gesellschaft seit Jahrzehnten der Realität verweigern, dass daran kein Weg vorbeiführt. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Thomas Kuhn 02.08.2022 - 14:54 Uhr

Um die Rente zukunftsfähig zu machen, muss das Eintrittsalter der ständig wachsenden Lebenserwartung angepasst werden. Das heißt für jüngere Generationen: auch im hohen Alter noch länger arbeiten.

Foto: imago images

Der Aufschrei kam ebenso erwartbar, wie in unseliger Einigkeit. Sowohl aus der Ampel-Koalition als auch von der Union hagelte es Kritik am Vorschlag von Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf für eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre. Unsozial und ungerecht sei das, so der vehemente Widerspruch aus allen Windrichtungen der Politik. Eine Rentenkürzung mit Ansage, doppelte der DGB nach.

Das ist, mit Verlaub, schlicht Blödsinn. Mehr noch, es ist bewusst irreführend und sorgt dauerhaft dafür, dass die Rente vor allem eines wird: Unsicher!

Vor allem ist der ritualisierte Aufschrei zutiefst unehrlich, der immer dann erklingt, wenn es darum geht, die Rente dadurch zukunftsfähig zu machen, dass das Eintrittsalter der ständig wachsenden Lebenserwartung angepasst wird. Lag die Rentenbezugsdauer 1960 noch bei weniger als zehn Jahren, stieg sie bis 2020 bereits auf rund 20 Jahre. Und das, obwohl das Eintrittsalter bis 2029 auf 67 Jahre steigt.

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Schon vor einem Vierteljahrhundert, zu Zeiten von Norbert „Die-Rente-ist-sicher“ Blüm, war absehbar, dass Industriestaaten wie Deutschland spätestens dann die Arbeiter ausgehen werden, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Es war klar, dass immer weniger Beschäftigte dereinst eine immer größere Zahl von Rentnerinnen und Rentnern würden finanzieren müssen. Jeder konnte wissen, dass das Finanzmodell der Rente nicht mehr funktionieren wird, wenn der demografische Wandel wirksam wird.

Dass Unternehmen nicht mehr nur die Fachkräfte knapp werden, sondern dass der Wirtschaft inzwischen auch minderqualifizierte Beschäftigte ausgehen. All das war seit Jahrzehnten offensichtlich. Und dennoch haben Parteien, Gewerkschaften und sogar Wirtschaftsverbände diese simple Wahrheit negiert, statt den gesellschaftlichen Diskurs zu forcieren, wie wir die Rahmenbedingungen der Rente zukunftssicher gestalten. Fast unisono übten sich alle Beteiligten in der zukunftsvergessenen Vogel-Strauß-Politik des „Kopf in den Sand und nichts tun“.
Eine langfristige, dynamische Anpassung des Renteneintritts, der Einstieg in einen zweiten, aktienfinanzierten Rententopf neben der umlagefinanzierten Rente, die Erweiterung der Finanzierungsbasis durch Einbindung Selbstständiger, Freiberufler und anderer Gruppen – all das hätte längst schon angestoßen werden können und müssen. Doch wie auch bei der zweiten zukunftsentscheiden Generationenaufgabe, die uns gerade krachend vor die Füße fällt, den dramatischen Folgen des Klimawandels, übten sich Politik und große Teile der Gesellschaft jahrzehntelang in sträflicher Ignoranz. Das rächt sich nun.

Und der Fundus derer, die es bis heute nicht begriffen haben, scheint unerschöpflich: „Für die Anhebung der Regelaltersgrenze gibt es keinen akuten Handlungsbedarf“, wiegelte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU Stephan Stracke gerade wieder ab.

Unsinn. Die Hütte brennt. Und sie brennt lichterloh: Diesem Land gehen die Arbeitskräfte aus. Ohne späteren Rentenbeginn und vermutlich auch längere Wochenarbeitszeiten werden sich weder der deutsche Wohlstand halten, noch zukünftige Renten auf einem vertretbaren Niveau, das Altersarmut ausschließt, halten lassen.

Es ist höchste Zeit, das endlich ehrlich zu sagen. Und danach zu handeln.

Lesen Sie auch, warum Ökonom Axel Börsch-Supan fordert, dass Renteneintritt an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden sollte

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